, 15. August 2017
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Naive Bauernmalerei à l’africaine

Künstlerinnen und Künstler aus der Ostschweiz haben auf Initiative von Mirjam Rigamonti Largey Geflüchtete unter ihre Fittiche genommen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine Fülle von Werken, die vom 19. bis 23. August in der Alten Fabrik in Rapperswil ausgestellt werden.

Samuel (links) und Luel im Atelier von Aramis Navarro. (Bilder: zvg)

Luel und Samuel dachten, sie würden Wände streichen gehen. Ein paar Stunden Baustellenarbeit als Abwechslung zum eintönigen Alltag in der Asylwohnung in Jona. Genaue Anweisungen vom Malermeister und möglichst gleichmässig aufzutragende Monochromie haben sie erwartet. Entsprechend erstaunt waren die zwei eritreischen Flüchtlinge, als sie in Aramis Navarros Kunstatelier geführt wurden. «Wir dachten, wir würden ein Haus streichen», erzählt Luel, der in Eritrea keine Häuser gestrichen und schon gar nicht künstlerisch gemalt hat.

Es entbehrt nicht einer erheiternden Ironie, dass das Kunstprojekt «Über-Brücken», das explizit auf die bildende Kunst als dialogermöglichende, idiomübergreifende Sprache setzt, für Luel und Samuel mit einem Missverständnis begonnen hat.

Aktive Integration

Initiantin des Projekts ist Mirjam Rigamonti. Die Psychologin und Künstlerin wollte ihren Beitrag zur aktiven Integration während der sogenannten Flüchtlingskrise leisten. Die Idee kam ihr, als sie vor einem Jahr in einer gemeinnützigen deutschen Galerie in einer Gruppenausstellung zum Thema Flucht mitwirkte. Rigamonti wollte hier etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Und dann wurde die Sache immer grösser.

Mirjam Rigamonti engagiert sich gegen Rassismus.

«Ich möchte mich gegen Rassismus engagieren», sagt sie. «Ein wirkungsvolles Mittel scheint mir, das Heimische und das Fremde in der realen Begegnung zusammenzuführen.» Als Künstlerin, Organisatorin und Mediatorin in Personalunion suchte Rigamonti über die «Künstlervereinigung» in ihrem Wohnort Rapperswil-Jona und über das «Archiv Ostschweizer Kunstschaffen» mit Sitz in St.Gallen deshalb nach Künstlerinnen und Künstlern, die bereit waren, Flüchtlinge unter ihre Fittiche zu nehmen, ihnen das Malen oder Bildhauerarbeiten zu ermöglichen und eigene Werke zu einer Sammelausstellung beizutragen.

Mohamed bei der Arbeit.

Riesige Resonanz

Ihre Anfragen stiessen auf Resonanz. Verena Widrig und Margreth Ammann leiteten eine Kindermalgruppe von fünf Flüchtlingskindern, elf Geflüchtete arbeiteten unter Anleitung der Kunstschaffenden Franziska Annamalai, Ernesto Ghenzi, Chantal Hediger, Erna Lang, Aramis Navarro und von Mirjam Rigamonti selber. Ausserdem beteiligten sich eine nationalitäten-durchmischte 6. Schulklasse, die von Ursula Engler angeleitet wurde, sowie Ursula Häne mit Fotodokumentationen und Andy Storchenegger mit von Flüchtlingen gestalteten Masken unter dem Werktitel Hidden Faces.

Über-Brücken: 19. bis 23. August, Alte Fabrik Rapperswil.
Vernissage: 19. August, 16 bis 18 Uhr

Marlies Achermann, Margret Ammann, Jayn Bühler, Ursula Engler, Adam Glinski, Christine Glinski, Jacqueline Schmid und Claudia Valer malten sogenannte Resonanzbilder, mit denen sie auf die Kinderbilder reagierten. Und auch die folgenden Künstler – teils mit Migrationshintergrund – steuern Werke bei: Gerda Alder, Margrit Bartl-Frank, Doris Fedrizzi, Dusanka Jablanovic, Kurt Spirig (Kuspi), Sonja Lippuner, Werner Samsinger und Tuija Toivanen.

«Die ganze Organisation ist aufwändig. Aber es war sehr schön zu sehen, wie viele Kunstschaffende in der Ostschweiz von der Idee begeistert waren und sich bereit erklärten, mit Flüchtlingen für die Ausstellung zu arbeiten», erzählt Rigamonti. «Berührend war auch mitzuerleben, mit welcher Begeisterung sich die Migranten auf das Experiment eingelassen haben und wie es ihnen gelang, ihren belastenden Alltag für kurze Zeit zu vergessen.»

Gemälde werden zur Skulptur.

So sieht die fertige Skulptur aus.

«Unsertäglichesboot» heisst das Werk, das Aramis Navarro zur Ausstellung beiträgt.

«Ist das richtig?»

Einer dieser Künstler ist der junge Rapperswil-Joner Maler und Skulpteur Aramis Navarro, der vermeintliche Malermeister. Er wollte Luel und Samuel zu uneingeschränkt kreativem, keinerlei Regeln folgendem Malen inspirieren, zeigte ihnen, wie man Farben mischt, wie man pinselt und spachtelt, und stellte sie vor ihre Leinwände.

«Die einzige Einschränkung war die Grösse der Leinwand», erklärt Navarro. «Ich habe mir selber auch eine Leinwand der gleichen Grösse genommen und angefangen, sehr abstrakt Farben aufzutragen, um Luel und Samuel gestalterische Hemmungen zu nehmen und ihnen nicht als kontrollierender Lehrmeister im Nacken zu sitzen.»

Offenbar misstrauten die zwei Neokünstler der unerwarteten Regellosigkeit anfangs aber. «Sie fragten mich immer wieder, ob die Farben richtig gemischt seien, ob sie dies oder das richtig machten.» Navarro antwortete ihnen jeweils, dass es kein richtig oder falsch gebe, nur ein gefällt mir oder gefällt mir nicht.

Drei Sitzungen à drei Stunden verbrachten die drei miteinander. Und in diesen Stunden entwickelte sich einiges. «Interessant war, dass die zwei ihre Bilder beide mit dem zentralen Motiv einer Pflanze begannen. Und die Farben, die sie mischten, waren sehr afrikanisch.»

In der letzten Sitzung schenkt Navarro seinen zwei Gesellen je einen Beutel voll mit verschiedenen Farbpulvern zum Anmischen. «Die Bedingung war, dass sie bis zur Ausstellung je ein zusätzliches Bild malen und mitbringen.»

Zum Interviewtermin bringt Luel das versprochene Bild mit. Die Missverständnisse sind ausgeräumt. Es ist Kunst. Das Bild begeistert Mirjam Rigamonti und Aramis Navarro. Sie wollen es in die Ausstellung integrieren. Es zeigt eine braune Ziege, die vor einer grünen, in den Himmel schiessenden Pflanze grast. Naive appenzellische Bauernmalerei à l’africaine, könnte man denken.

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