Neue Chancen für kalte Kamine
Sie waren Ende des 19. Jahrhunderts Symbole des Fortschritts: die Hochkamine der Fabriken. Seit Jahrzehnten sind sie kalt. Doch die letzten sind zu Merkpunkten geworden.
In Uznach, das für seine vielen Storchenkolonien bekannt ist, nisten die grossen Vögel immer wieder auf dem Deckel des Rotfarb-Hochkamins. (Bild: ETH Bildarchiv)
Die Architektur hat sich einem «social turn» verschrieben: Nicht mehr das Alte für «Ersatzneubauten» einfach plattmachen, sondern die Identität eines Ortes bewahren, lautet die Devise. Alte Bausubstanz wird ertüchtigt oder in Neubauten integriert. Es werden mehr Freiräume als Begegnungsorte geschaffen, die sozialen Aspekte des Wohnens oder eines Arbeitsortes werden vermehrt berücksichtigt. Als konkrete Auswirkung dieses Trends bleiben heute mehr markante Bauten und Orte erhalten – auch die historischen Fabrikschlote.
Was soll an diesem oder jenem Industriebau speziell sein? Diese Frage taucht immer wieder auf. Just das will diese kleine, zweimonatlich erscheinende Saiten-Serie beantworten. Wir präsentieren unterschiedlichste Gebäude aus verschiedenen Epochen in der Ostschweiz, die ursprünglich als Arbeitsorte entstanden sind. Die einen sind speziell sorgfältig, andere vor allem zweckmässig gebaut. In einigen wird immer noch gearbeitet, andere sind längst umgenutzt – und einzelnen droht der Abbruch. Dies ist der letzte Teil der Serie.
Definiert werden «Fabriken» im Gesetz von 1877 «als industrielle Anstalt, in welcher gleichzeitig und regelmässig eine Mehrzahl von Arbeitern ausserhalb ihrer Wohnungen in geschlossenen Räumen beschäftigt» sind. Diese Definition wurde 1891 präzisiert: «Als Fabriken betrachtet werden Betriebe mit mehr als fünf Arbeitern, welche mechanische Motoren verwenden oder Personen unter 18 Jahren beschäftigen oder gewisse Gefahren für Gesundheit und Leben der Arbeiter bieten, sowie Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, bei welchen keine der genannten Bedingungen zutrifft.»
Das aktuellste Beispiel ist die geplante Neuüberbauung des Feldmühleareals in Rorschach. Der Hochkamin solle stehen bleiben und könne möglicherweise als Abluftschacht für die Tiefgarage genutzt werden, kündigen die Planer an. Diese in den Himmel ragenden Kamine zeigten schon bei ihrem Bau und dann auch bei den vielen Sprengungen eine baukulturelle Zäsur an: Sie entstanden mit der Mechanisierung der Produktion und dokumentieren den Wechsel bei der Energieversorgung: zuerst die Wasserkraft, dann der Dampf und danach Elektrizität und Öl.
Noch vor zehn Jahren wurde der letzte Hochkamin auf dem Rorschacher Löwenbräu-Areal Schicht um Schicht von einer an einem Kran hängenden Plattform aus abgetragen. Nach vier Stunden waren vom einst 36 Meter hohen Schornstein nur noch die Grundmauern übrig. Ein solch sorgfältiger Abbruch war allerdings selten. Mehrheitlich wurden die Kamine vor vielen neugierigen Zuschauer:innen gesprengt. Im gleichen Jahr, 2015, auch die zwei Schlote auf dem Roduner-Areal in Horn. Die Reihe solcher Sprengungen ist lang. Seit den 1960er-Jahren wurden diese Zeichen der Industrialisierung reihenweise umgelegt, weil sie einer Arealentwicklung im Weg waren oder ihr Unterhalt zu viel kostete. 2006 fielen zum Beispiel der Hochkamin auf dem Heberlein-Areal in Wattwil und jener der früheren Viscosuisse in Widnau.
Doch noch stehen einige erkaltete, aber markante Fabrikschlote in der Ostschweizer Landschaft. Ein besonders schöner, wenn auch nicht sehr hoher, in der Zürchersmühle. Der viereckige Schornstein diente gemäss den Recherchen des Herisauer Museumsleiters Thomas Fuchs ursprünglich einer Zwirnerei und Bleicherei. Ein anderer eckiger Kamin steht neben dem ehemaligen Schlachthaus in Heiden am Gstaldenbach. Sein Baujahr ist nicht bekannt. Und der wohl aussergewöhnlichste Hochkamin der Ostschweiz zeigt sich in Arbon als Aussichtsturm: Friederich August Schädler, Inhaber eines metallverarbeitenden Betriebs, entwarf seinen «Schädlerturm» am Rande der Altstadt persönlich. Darin war neben dem Hochkamin auch ein Druckwassertank eingebaut. Das Treppenhaus führt bis hinauf auf den Balkon mit seinen vier Erkern, die aussehen, als hätten sie Schiessscharten. Dieser Turm ist ein später Zeuge der Industrialisierung, er wurde 1927 fertig.
Ein besonders schöner, wenn auch nicht sehr hoher viereckiger Schornstein in Zürchersmühle diente ursprünglich einer Zwirnerei und Bleicherei. (Bild: rho)
Auch beim ehemaligen Schlachthaus am Gstaldenbach bei Heiden steht noch ein alter viereckiger Kamin. (Bild: pd/Jürg Zürcher)
Dampfmaschinen und Druckkessel wurden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts installiert. Davor standen Mühlen oder Schmitten wegen der nötigen Wasserkraft immer an einem Bach oder Fluss. Erst die Dampfmaschinen machten neue Standorte möglich. Grössere Betriebe waren dabei darauf angewiesen, dass genügend Kohle per Bahn herantransportiert werden konnte. Nachdem die Bahn 1856 bis in die Ostschweiz gebaut war, entstanden die Hochkamine.
Ab den 1880er-Jahren bauten spezialisierte Bauunternehmer nach den ersten eckigen auch runde Schlote. Die meisten sind über 30 Meter hoch, damit der russige Rauch der verbrannten Kohlen in höheren Luftschichten wegtransportiert wird. Und je höher ein Kamin ist, desto besser zieht er den Rauch hinauf. Der höchste noch existierende Kamin in der Schweiz ist mit 125 Metern jener der Zementfabrik Wildegg im Aargau. Im Vergleich dazu nehmen sich die bis zu 40 Meter hohen Schlote, die noch in der Ostschweiz stehen, eher bescheiden aus.
Innen sind in den meisten Kaminen Schamottsteine verbaut, weil sie den aggressiven Kohlegasen standhielten. Aussen wurden hart gebrannte, rote Backsteine aufgemauert. Die Verstärkung durch die in regelmässigen Abständen angebrachten Stahlringe erfolgte erst später. Dies zeigt die Dokumentation von Ferenc Biedermann in der Publikation der Denkmalpflege Thurgau von 2011. Dort wird die Geschichte der einst drei in einer Reihe stehenden Kamine der ehemaligen Wollfärberei im thurgauischen Bürglen geschildert. Dass die verstärkenden Ringe nachträglich angebracht wurden, ist auf Fotos dokumentiert.
Schlote, die heute noch stehen, sind meistens renoviert und gesichert und manch einer hat einen Deckel bekommen, damit es nicht mehr hineinregnet. Dazu gehört unter anderem jener in der Felsegg in Henau, welcher der Gemeinde Uzwil gehört. Sie liess ihn 2022 renovieren und sichern. Der Hochkamin der «Papieri» Bischofszell ist Teil eines geschützten Fabrikensembles. Er wurde 2018 anlässlich seines 100. Geburtstags mit der Sanierung zuerst um acht Meter gekürzt und dann wieder um einen Meter neu aufgemauert. In Uznach, das für seine vielen Storchenkolonien bekannt ist, nisten die grossen Vögel immer wieder auf dem Deckel des Rotfarb-Hochkamins.
Der Hochkamin der «Papieri» Bischofszell wurde 2018 anlässlich seines 100. Geburts- tags mit der Sanierung zuerst um acht Meter gekürzt und dann wieder um einen Meter neu aufgemauert. (Bild: rho)
Der Kamin der ehemaligen Bleicherei Meyer ist heute ein Funkmast. (Bild: rho)
Ebenfalls aus den Zeiten der blühenden Textilindustrie stammen die Hochkamine im Strahlholz und in der Lochmühle am Ortsrand von Gais. Hier wurde der Dampf einst für die Bleicherei benötigt. Heute sind moderne Installationen an diesen historischen Bau angeschlossen. Und mitten in der Stadt St.Gallen zeigt sich das 40 Meter hohe Wahrzeichen der Brauerei Schützengarten nachts mit seinen leuchtenden Lichtstreifen in den Hausfarben gelb und rot.
Zwei der drei erhaltenen Hochkamine in Herisau dienen heute als Antennenmasten, jener auf dem ehemaligen Cilander-Areal, das heute der Immobilienfirma des St.Galler Taxiunternehmens Herold gehört, und jener direkt an der Industriestrasse, der zur einstigen Bleicherei Meyer gehörte. Von der Bleiche steht, an der gegenüberliegenden Seite der Glatt, noch das historische «Schwarze Haus». «Eine interessante, weil gut sichtbare Umnutzung», kommentiert Historiker Thomas Fuchs das veränderte Erscheinungsbild dieses Kamins. Er kennt auch alte Schilderungen, die beweisen, dass diese Schornsteine schon immer auffällig waren, auch weil jeweils zum Arbeitsschluss rund um die Fabriken an der Glatt in Herisau eine «Pfiifete» losging: Die Fabriken liessen zum Arbeitsschluss nicht wie andernorts Glocken läuten, sondern die Dampfkessel pfeifen. Der dritte erhaltene Herisauer Hochkamin steht auf dem Areal von Huber + Suhner. Mindestens fünf solcher Schlote habe es in Herisau früher gegeben, so der frühere Ausserrhoder Denkmalpfleger Fredy Altherr. Ob er stehen bleibt, ist allerdings ungewiss.
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