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Neue Klassik: Ohne Computer geht nichts

Die Bilanz der Donaueschinger Musiktage 2017 ist durchzogen. Manche Stücke lassen die Lautsprecher krachen. Bei anderen ist die Bühne leer. Dann gibt es auch Perlen. Charles Uzor über das weltweit grösste Festival zeitgenössischer Klassik.
Von  Gastbeitrag , 

Wie verschieden ästhetische Urteile sein können! In Donaueschingen wird zwar wenig gebuht, umso leidenschaftlicher wird nach den Konzerten gestritten. Einer unterstellt dem Komponisten eine phänomenale Klangvorstellung, der andere Scharlatanerie. Das gleiche Stück wird als Pfuscherei oder als wichtiges Zeitdokument wahrgenommen.

Kultur lebt von Wahrnehmungsdifferenzen und Meinungsverschiedenheiten. Auffallend ist einerseits das hohe handwerkliche Niveau mit fein abgestimmten, selten gehörten Klängen, andererseits der technische Grossaufwand, das Arsenal an Maschinen, brummenden Verstärkern und Video – es ist eine Technik, deren musikalische Begründung man oft vermisst, und die als Selbstzweck ins Leere läuft. Auf der Suche nach neuen Konzertformaten verbleiben die Werke oft in einer eigenartigen Unverbindlichkeit.

Schwierige Geschlechtergleichheit

Nicht nur Komponistinnen, Komponisten und Ensembles stehen in Donaueschingen unter harscher Kritik, auch für Björn Gottstein, der nach Armin Köhlers Tod die Festivalleitung übernommen hat, ist dieses zweite Jahr die Nagelprobe. Die Ensembles – es sind dieses Jahr sehr viele – spielen auf hohem Niveau: das fusionierte SWR Symphonieorchester mit Vokalensemble und Experimentalstudio sowie die hochkarätigen kleineren Ensembles: Remix, Kaleidoskop, Ictus, Musikfabrik, Intercontemporain. Alle spielen irrsinnig schwere Partituren mit grossem Engagement und scheinbarer Leichtigkeit.

Die französischen Pianistinnen Christine Wodraschka und Betty Hovette.

Fast etwas zaghaft, vielleicht wohlwissend, dass ein so schweres Erbe lastet, setzt Gottstein dem prestigeträchtigen Festival seine Handschrift auf. Mit den Themen Geschlechtergleichheit, Digitalisierung und alternative Darbietungsformen trifft er den Punkt. Es ist erschreckend, wie die Musik, die Vorreiterin einer besseren Gesellschaft sein will, den notwendigen gesellschaftlichen Fortschritten hintennach hinkt. Das Versprechen, mehr Werke von Frauen aufzuführen, löst Gottstein durchaus ein, allerdings erreicht seine «innere» Quote noch kaum 50 Prozent.

Hartnäckiges Stillsitz-Ritual

Noch schwieriger einzulösen ist der Anspruch, Bedingungen für neue Konzertformate und Darbietungsformen zu erarbeiten, da sich die autoritäre Struktur klassisch-romantischer wie auch Neuer Musik nicht nur gesellschaftlich, sondern auch formal, in der Konvention geschlossener Formen zeigt. Diese Ästhetik aufzubrechen, ist deshalb schwer, weil sie sich über Jahrhunderte bewährt hat und das Bedürfnis bürgerlichen Kunstempfindens nach geordnetem Wohlklang und passiver Verinnerlichung befriedigt – also eine zutiefst konservative Ästhetik verkörpert, die im Format des Orchesterkonzerts längst ihren Zenit erreicht hat.

Mehr zur zeitgenössischen Klassik: 31. Oktober (Podiumsdiskussion) und 7. November (Porträtkonzert Charles Uzor), 20.15 Uhr, Erfreuliche Universität, Palace St.Gallen

Die Tradition, in der man während knapp zwei Stunden auf relativ unbequemen Stühlen professionell Ausführenden lauscht, wird auch dadurch nicht durchbrochen, dass man anstelle von toten Komponisten lebende zu hören bekommt. So vieles ist mit diesem Stillsitzen verknüpft: Aufträge, Verlage, Rundfunk, Politik und nicht zuletzt persönliche Beziehungen. Eine Öffnung bräuchte Veränderungen der Musikproduktion selbst, was ihre Wahrnehmung gleichzeitig unbequemer und inspirierter machen würde.

Natürlich weiss Gottstein – zugleich Intendant und Realpolitiker – all dies auch; es kann sich bei einem Festival von Donaueschinger Ausmassen nur um Nachbesserungen des bestehenden eingeschworenen Systems oder bestenfalls um geschmäcklerische Varianten handeln, nicht aber um eine Revolution.

Obligatorisch digital

Bernhard Langs DW 28 Loops for Davis entlockt der Bassklarinette eine archaische Gewalt, die im Ping Pong mit den lauten Orchestertutti und Jazzquintett allerdings nicht an das Freejazz-Original heranreicht. Die vielen Klangeffekte, Loops und teils interessanten rhythmischen Verschachtelungen wirken bald klischeehaft. Überblasene Obertonkaskaden, tiefes Grunzen und beissende Mehrklänge, all dies hat man bei Eric Dolphy schon einmal gehört und bestaunt.

Eröffnungskonzert mit dem SWR Symphonieorchester.

Wie Musik über Musik wirkt Thomas Meadowcrofts theoretisch überhöhtes Werk The News in Music (Tabloid Lament), das mit Radioeinspielungen mutmasslich über die Gleichgültigkeit von Präsenzzeit lamentiert, aber dabei wie ein Medley von Strawinsky, Copland und amerikanischer Filmmusik daherkommt: viel Virtuosität, aber letztlich unverbindlich. Während Oyvind Torvunds Archic Jam sich in einer Collage von Klischees ergeht, gelingt Andreas Dohmen mit a doppio movimento eine spezielle Verschmelzung der Klangfarben von Harfe, E-Gitarre und Klavier.

Wenn im diesjährige Festival formal vieles nicht befriedigt, ist hinsichtlich Digitalisierung das gesteckte Ziel erreicht. Nach Gottstein ist der Computer in der Musik eine logische Konsequenz und Neue Musik ohne Computer undenkbar. Tatsächlich scheint die digitale Vergrösserung des Klangs bei vielen Stücken obligat. Wenn in Alexander Schuberts auf Clips basierendem Codec Error zwei Drummer und ein Kontrabassist gleichsam durch Stroboskoplicht gejagt werden und in der Wahrnehmung als digitale Schnipsel zerhackt oder wie zuckende Puppen durchleuchtet erscheinen, hat dies im Wechsel von Dunkelheit, Laser und ungeheuren Lautstärken vorerst mal Wirkung. Aber beim allmählichen Übergang hin zum Drum’n Bass möchte man doch lieber Massiv Attack. Schuberts Stück will gemäss Selbstdeklaration «keine Aussage treffen, sondern den Finger in die Wunde legen» – aber natürlich bezieht es die Faszination einzig aus der Überwältigungsästhetik von Schock und Lautstärke, Kombinationen von Null und Eins, voraushörbarer Periodizität.

Als narzisstische Zumutung bewirbt sich Martin Schüttlers My mother was a piano teacher […]. Schüttler fegt die Bühne leer und lässt die Musikerinnen und Musiker im «Fernensemble» irgendwo in Containern ohne Kontakt zueinander und nur als Video sichtbar spielen. Der epigonale, von zwei Moderatorinnen gesprochene Text handelt von der Krise der Musik(erziehung) als Sinnbild existentieller Sinnkrise oder Pubertätskrise.

Ictus Ensemble.

Auch in den Werken von  Francesca Verunelli, James Saunders und Hanna Eimermacher, die sich mit allerlei Motiven aus der Fauna (miauende Katzen, gackernde Hühner etc.) buchstäblich im Leeren drehen, werden herkömmliche Formen aufgelöst, aber an ihrer Stelle keine neuen erarbeitet. Man weiss nicht, ist die Musik einfach nur referentiell oder ist sie in ihrer beschränkten Lieblosigkeit noch nicht mal Ironie.

Auf der Höhe der Zeit

Während das Konzert mit dem Ictus Ensemble zum formalen Tiefpunkt des Festivals wird, spürt man im performativen Konzept des Solistenensemble Kaleidoskop (Regie Laurent Chétouane) Neuland. Hier gelingt es tatsächlich, als Gruppe Formen zu öffnen, den Raum zu erweitern und die Abfolge der Stücke als Prozess des ständigen Übergangs (auch deshalb der Titel Transit) zu gestalten. Zuerst hört man das Quietschen und Rangieren eines hereinfahrenden Lastwagens – drinnen das Quietschen der Streicher – dann das Entladen der menschlichen Cargo (was in der Anspielung auf den Flüchtlings/Schlepper-Transit für Publikumsempörung sorgt). Publikum und Ensemble tauschen Plätze, die Spieler wandern, die Hörer wandern mit – dieser Zeitfluss mit vielen Konstellationen wunderbar gespielter Musik wirkt sehr belebend: Musik, die gut tut.

Ensemble Kaleidoskop.

Besonders beeindruckend ist Chiyoko Szlavnics Tenney inspiriertes Memory Spaces (appearances). In den lang ausgehaltenen Tönen werden die Spektren einander zugespielt. Die Streicher spielen (sinnfällig entsprechend der Tonreihe) auf einer Linie, der Rhythmus fühlt sich an wie ein grosser gemeinsamer Atem. Die gestrichenen, rein intonierten Tonwellen erscheinen wie die Frucht einer gemeinsam erarbeiteten Lebensform.

Das Publikum kommt in Scharen

Das Schlusskonzert mit Bunita Marcus White Butterflies bietet Seelenmusik. Es braucht Mut, in Donaueschingen eine solche romantische, direkte Musik (die sich an der Grenze zum Bonbon bewegt) zu präsentieren. Die gespannte Stille im Konzert beweist aber, dass sie in ihrer ehrlichen Absichtslosigkeit stimmig ist.

In anderer Weise bewundern muss man Màrton Illés Ez-ter (Es-Raum). In der Mischung der Orchesterfarben, den multiplen Übergängen von Ton zu Geräusch, dem Flirren, Kratzen und ruhelosen Hinweghuschen erinnert das Stück an Bilder von Cy Twombly. Es ist ein irrsinnig gut komponiertes Stück, fast haptisch in seiner Fasslichkeit.

Gemessen an Besucherzahlen waren die diesjährigen Donaueschinger Musiktage ein grosser Erfolg: Alle Konzerte sind ausverkauft, quer durch die Generationen begeistert sich das Publikum für die herausfordernden Klänge. Besonders präsent sind die Jungen, die sich auf der Suche nach neuen Darbietungs- und Empfindungsformen an den neuen digitalen Techniken orientieren. Die Suche, letztlich nach Betroffenheit, geht weiter.

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Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

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From England with Love

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Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

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