, 2. Oktober 2014
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Neues aus den Randgebieten des Fussballs

Es gibt Fussballbücher über Fans bestimmter Klubs, es gibt solche, die sich mit Taktik oder der Kommerzialisierung beschäftigen. Die besten sind diejenigen, die die Randgebiete der Fussballwelt erkunden.

VIELE_GRUESSE_AUS_DEM_STADION_coverInzwischen sind es viele, die regelmässig über Fussball schreiben. Sie haben eine Kolumne in der «WoZ», in einer Tageszeitung, schreiben für Magazine wie «Zwölf» oder betreiben einen eigenen Blog.

Unter ihnen ist Pascal Claude der Reiseschriftsteller.

In seinen Geschichten kommen Sätze wie folgender vor:

«Im ostslowakischen Presov habe ich bei einem Zweitligaspiel einmal einen Mann gesehen, der zwar keine Finken, sondern ganz normale Halbschuhe trug, dafür aber sein Velo dabeihatte.»

Kein Wunder kommt in seinem soeben erschienen Band «Viele Grüsse aus dem Stadion – Neues aus den Randgebieten des Fussballs» mit 60 Fussballgeschichten mehrmals der österreichische Autor Karl-Markus Gauss vor, Verfasser von irgendwie altmodischen Reisereportagen, vorzugsweise aus Osteuropa.

Pascal Claude, Jahrgang 1970, Wohnort Zürich, war einst Wirt der Flachpass-Bar im alten Letzigrund, ist Sammler von Fussballschallplatten (45football.com), engagierte sich gegen Pauschalurteile über Fans (Fansicht), schrieb seine Fussball-Kolumnen zuerst für die «WoZ» und dann weiter im Internet. Bis er 2013 scheinbar endgültig damit aufhörte – nur um vor ein paar Wochen fast unbemerkt wieder damit anzufangen.

Dazwischen machte er nicht etwa Pause, sondern schrieb weiter und zwar vorerst für die Schublade. Diese Sammlung von Pausengeschichten hat nun die «WoZ» als Buch herausgegeben. Daniel Kehl – bekannt als Autor der «Hutter & Mock»-Kolumnen – schreibt im Vorwort:

«Das alles hat zwar mit Fussball zu tun, aber es geht weit darüber hinaus. Hier erzählt einer von Menschen und von der überraschenden Vielfalt des Lebens.»

Claude ist ein Fussball-Liebhaber, kein Fan eines Klubs. Ihn interessiert diese emotional aufgeladene Welt als feinsinniger Beobachter auf der Nebentribüne, vor dem Imbissstand oder auf dem Weg zum Stadion. Alles weit weg von Champions-League. Was er beschreibt ist manchmal trostlos, manchmal skurril, manchmal gibt es herzerwärmende Begegnungen. Immer hat es Bier, immer hat es Würste. In Mechelen Blutwurst.

Einmal reist Claude mit dem Rail-Jet der ÖBB für ein Derby nach Linz (das dritte der Saison). Vor dem Stadion gibt es Leberkäs mit Pfeffer im Semmel, irgendwann auch noch Käsekrainer, vor dem Anpfiff läuft Attwenger. Nach dem Match trifft er einen Waliser, der in Sardinien arbeitet und von dort extra für das Spiel nach Österreich geflogen ist. Für das dritte Derby der Saison. Nach Linz.

In einer anderen Kolumne erzählt Pascal Claude, wie er von Huttwil durchs Emmental bis nach Bern wandert. Dort spielen die Young Boys gegen Tottenham. Über den Match schreibt er nur einen Satz. Der ist etwas verschachtelt, dafür schön und wahr:

«Die oft gestellte Sinnfrage im Zusammenhang mit für Fussball aufgewendeter Zeit beantwortet Moreno Costanzo mit seinem Pass auf Hochstrasser.»

Die vielleicht besten Kolumnen sind diejenigen, in denen Pascal Claude unterwegs ist. In Italien. Im Osten (von Zürich aus gesehen). Immer wieder in Belgien.

Dass es im Buch auch um Politik geht, ist selbstverständlich. Einen der abgedruckten Texte, eine Recherche zu den falschen Zahlen über Schäden in Fanzügen, müsste man wahrscheinlich alle zwei Wochen veröffentlichen. Damit sich die Aufklärung endlich durchsetzt.

 

Pascal Claude: «Viele Grüsse aus dem Stadion – Neues aus den Randgebieten des Fussballs», Woz-Verlag, erhältlich unter anderem in der Buchhandlung Comedia.
Auf dem Bild sind einige von Claudes Stadionpostkarten-Edition, erhältlich auf knappdaneben.net.

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