, 13. Dezember 2021
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Neulich beim Erinnern

Von familiären Erinnerungsfetzen als Überbleibsel einer fragmentierten Welt. Und von kollektiver Gedächtnispolitik als Versuch, die Geschichte der Opfer dem Vergessen zu entreissen. Der Beitrag von Stefan Keller aus dem Dezemberheft von Saiten.

Thurgauer Bauernfamilie, den Fotografen betrachtend (Ort und Jahr unbekannt, Archiv Stefan Keller)

Eigentlich versuche ich die meiste Zeit, zu jenen Geschichten zurückzufinden, die ich als Kind von Erwachsenen hörte und oft kaum zur Hälfte verstand. Meine Erinnerungen sind eine fragmentierte Welt, in der vieles nicht aufzugehen scheint, und wenn etwas aufgeht, dann ist es vielleicht von der Gegenwart korrumpiert.

Statt die Welt neu zu erfinden, verbrachte ich Jahre mit sogenannt wahren Geschichten. Ich kann zum Beispiel erzählen, wie in der Fabrik meiner Vorfahren um 1900 die Fenster verhängt wurden, nur damit niemand hinausschaute und sich ablenken liess. Ein Kind, das dort arbeitete, beschrieb es mir 70 Jahre später. Ich habe Bilder vom Einsatz eines Dragoners im Landesstreik 1918 vor Augen, und gleichzeitig das Bild eines Arbeiterkindes in Bern, das unter den Pferden der Dragoner hindurchschlüpfen wollte. Ich weiss von einem Sticker mit Blinddarmentzündung, dem seine Frau ein Bügeleisen auf den Bauch stellte, weil Wärme immer gut ist, und der daran starb. Von einem Weissküfer, dessen Ehefrau wochenlang Schädelknochensplitter aus Wänden und Decke der Werkstatt kratzte, nachdem er eine Dynamitstange in den Mund gesteckt und gezündet hatte. Dann wieder hörte ich von einer Bauernfamilie, die im November ein geschlachtetes Schaf auf den Dachboden hängte und den ganzen Winter davon zehrte. Verfaulte Stellen wurden weggeschnitten, bis frisches Fleisch zum Vorschein kam. Auch als Schweinezüchterin in den 40er-Jahren könnte ich mit ungewohnten Kenntnissen aufwarten, als Erbsenbauer auf dem Seerücken oder als Eisenbahnschaffner der SBB, der im Krieg einen Eisenbahnzug voller Leichen durch die Schweiz gefahren haben will. Ich weiss, was in der Hochzeitsnacht der Grossmutter, Juli 1925, und in Nacht vor der Geburt der Mutter passierte, März 1927.

Zu den Erzählungen der Erwachsenen kommen seit 60 Jahren die Erinnerungsfetzen hinzu, die ich selber produziere: Etwa ein nach Putzmittel, Pissoir und Wandtafelschwamm riechendes Landschulhaus. Ein elternloser, verachteter Mitschüler, der samstags vom Lehrer, seinem Vormund, für alles verprügelt wurde, was in der Woche geschah. Die schöne Bilder- und Büchersammlung, die dieser Lehrer besass, die Freundlichkeit, die er mir entgegenbrachte. Das Plakat «Kluger Rat, Notvorrat», das ich auf dem Schulweg buchstabierte, die ständigen Kriegsausbrüche irgendwo auf der Welt: Um halb ein Uhr mittags wurden sie vom Radio gemeldet und hatten Lebensmittelkäufe am Nachmittag zur Folge.

Fragment um Fragment lagert unnütz und wissenschaftsfern im Kopf. Seit ich eine «Saiten»-Kolumne schreibe, nehme ich manchmal eins hervor, schaue es an, poliere ein bisschen daran herum und schicke die Geschichte der Redaktion. Erinnerung, aber nicht Erinnerungspolitik.

Der Eintritt in eine Erinnerungspolitik fand statt, als ich 1988 zusammen mit einem abgemusterten Hochseematrosen zwei umfangreiche Psychiatriedossiers des Kantons St.Gallen klaute. Wir nahmen diese Akten in einem günstigen Moment einfach mit, in Kehrichtsäcke abgefüllt, kopierten fünf Stunden lang und schickten sie zurück. Wir eigneten uns eine Vergangenheit an, die man uns vorenthalten wollte: Viele Monate hätten wir gebraucht, um alles vor Ort von Hand abzuschreiben. Mit Hilfe der Fotokopien und aus Interviews entstand eine Geschichte, die weit über das hinausging, was wir zu imaginieren vermochten, was wir je hätten erfinden können.

Danach die Berichte von ehemaligen Flüchtlingen. Die Erfahrung vollständig irrationaler Verfolgung, Bedrohung, Vernichtung, von der direkt Betroffene erzählten. Die Erinnerung an vollständig inhumane, illegitime Abschottung, Rückweisung in den Tod. Die monströse Herzlosigkeit der Grenzbefestigungen, das verbrecherische Hin- und Hertreiben von Menschen zwischen Ländern, die einander zwar nicht freundlich gesinnt waren, gemeinsam aber dieselben Flüchtlinge hassten.

Erinnerungspolitik ist der Versuch, im Nachhinein eine Gerechtigkeit einzufordern für Vorgänge, die nicht wiedergutgemacht werden können: Jener Berliner Junge, der dank Schweizer Grenzwächtern nach Auschwitz kam, diese Verdingbuben, die dank Schweizer Fürsorgebehörden von Bauern ausgebeutet, gequält und erniedrigt wurden, jene junge Frau, die misogyne St.Galler Ärzte ohne ihre Einwilligung sterilisierten, eine andere junge Frau, die von ihrem Pflegevater vergewaltigt wurde, damit er sie nachher als Hure bezeichnen konnte: Stets geht es darum, das Vorgefallene zu rekonstruieren, im Detail zu erkennen und anzuerkennen. Stets ist da die Hoffnung, dass man eine Wiederholung verhindern könnte.

Die familiären Erinnerungsfetzen aus meiner Kindheit hatten damit zwar auch etwas zu tun, und je mehr ich nachdachte, desto fragwürdiger wurden einige der Anekdoten. Aber wie konnte man so insulär und glücklich aufwachsen in einer von der Geschichte versauten Landschaft?

Dann gab es eine Vergangenheitsdebatte in den 1990er- Jahren. Ausgelöst durch die nicht mehr verschwindende Erinnerung an eine Zeit, in der die Flüchtlinge in den Tod geschickt, das Fluchtgeld jedoch kassiert und auf Schweizer Banken einbehalten wurde. Die Arbeit der vom Parlament eingesetzten Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK) schuf neue Standards im Verständnis dieser Geschichte. Im Flüchtlingsbericht der Kommission wurde sie 1999 aus der Sicht der Flüchtlinge erzählt.

Nach zähen Verhandlungen folgte die Rehabilitation historisch Verfolgter: Zuerst der verurteilten Fluchthelferinnen und Fluchthelfer der NS-Zeit. Dann die Rehabilitation der Schweizer Spanienfreiwilligen, die gegen den Faschismus und für die Republik ihr Leben riskiert hatten. Auch der Neuenburger Hitler-Attentäter Maurice Bavaud, geköpft in Berlin-Plötzensee am 14. Mai 1941, nachdem ihm die eidgenössische Diplomatie aus Scham vor seiner Tat jeden Beistand verweigerte, erhielt 2008 endlich eine Würdigung des Schweizer Bundespräsidenten.

Erzählungen sind erinnerungspolitisch relevant, sobald sie sich nicht nur in meinem Kopf festsetzen, sondern meine Sicht auf die Geschichte verändern. Wieviel sie nützen, ist eine andere Frage, wenn man beispielsweise an die aktuelle Debatte um das Kunsthaus Zürich denkt. Der linken Zürcher Stadtregierung war es bisher wichtiger, die Bildersammlung eines Waffenhändlers, Nazilieferanten und Kollaborateurs zu feiern, als zu diskutieren, unter welchen Umständen diese zustande kam, welchen Menschen die Kunstwerke allenfalls weggenommen wurden und auf welche Weise mit diesem Wissen ohne Zynismus umgegangen werden könnte.

So wie beim Streit um die nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken: Die gestohlene Kunst durfte herein, die Menschen wurden abgewiesen. Und wie bei der Debatte um gestohlene Kulturgüter aus Afrika oder Asien. Die Kunstwerke behalten wir gerne hier in Sicherheit, die Menschen sollen bleiben, wo sie sind.

Trotzdem, heute versuche ich wieder, zu jenen Geschichten zurückzufinden, die ich als Kind von den Erwachsenen hörte und vielleicht nicht zur Hälfte verstand. Es gab Familiengeheimnisse, man erfuhr sie, wenn man scheinbar selbstvergessen neben dem grossen Tisch spielte, an dem Kaffee und Schnäpse getrunken wurden. Ein Verwandter, der gleichzeitig mit der Ehefrau die Schwägerin geschwängert hatte. Ein anderer, nach dessen Tod sich ein Schuldenloch auftat. Die geheime Affäre einer Vorfahrin mit einem polnischen Offizier. Und es gab auch eine allseits beliebte Tante, von deren Herkunft als jüdische Überlebende ich erst als Erwachsener erfuhr.

Die meisten Erinnerungsfetzen sind allerdings nicht sehr spektakulär, sondern eher Episoden aus einem vor sich hinfliessenden, in viele Stücke zersplitterten Alltag. Hände mit schmerzhaften Rissen vom Obstauflesen. Das Jucken von Heuresten unter dem Hemd. Meine Mutter, als sie nach einem fleissigen Leben tief in der Vergesslichkeit versank und stundenlang nur vor sich hinstarrte: Was hat sie gesehen, wenn nicht diese fragmentierte Welt, in der kaum etwas aufging und von der sie mir nichts mehr erzählen konnte.

Stefan Keller, 1958, ist Historiker in Zürich und schreibt für Saiten die Kolumne «Kellers Geschichten».

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