Eine brachliegende Fläche, flexible Nutzungen, zeitliche Begrenzung, möglichst tiefe Kosten, rasche Verfügbarkeit: So ungefähr lautet die Bau-Aufgabe, ob auf dem Lattichareal oder in anderen temporären Bauprojekten. Die Spezialisten für solche «nomadischen» Bauaufgaben heissen in situ. «Lattich war für uns ein spannendes Projekt», sagt Pascal Angehrn: «ein Stück Stadtreparatur auf Zeit». Angehrn, Leiter der Filiale in Zürich, ist in Wil aufgewachsen, hat seine Lehre als Hochbauzeichner in St.Gallen abgeschlossen und danach Industrie-Design studiert.
Pascal Angehrn.
In situ nennt sich «Baubüro». Der Name ist Programm: Die Architektur steht nicht für sich selber, sondern sie ordnet sich unter – der Situation, den Menschen, den Ressourcen. Der Lattichbau ist ein Beispiel dafür. Er ist den Mieterinnen und Mietern zwar fertig erstellt, aber noch nicht fertig ausgestaltet übergeben worden. Farben, Innenausbau, Fussleisten, Türdrücker oder Leuchten: Solche Entscheide sollen die künftigen Nutzer selber treffen, sagt Angehrn. «Wir stellen die Hülle zur Verfügung.»
Das Hauptziel heisst: ermöglichen
Zentral sei es für sie, Projekte zu ermöglichen. Entsprechend müssten sinnvole Abstriche in der Planung und Umsetzung gemacht werden, um Kosten zu sparen. Eine offene Planung sei Teil der Strategie, das heisst: «bis zum Schluss auf Möglichkeiten vor Ort und auf die Menschen einzugehen, Optionsräume zu schaffen, nicht alles bis ins letzte Detail fertig zu planen». Vielleicht zeichne dies das In Situ-Denken aus: «Wir sind relativ schmerzfrei und uneitel.»
Damit hat das Büro Erfolg. In Zürich arbeiten heute mehrere Dutzend Personen an Projekten, die meist unter den weiten Begriff des «einfachen» Bauens fallen. Ein Schwerpunkt sind Wohnungen für Geflüchtete zum Beispiel in Bubikon im Zürcher Oberland, das Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal mitten in Zürich oder das Empfangs- und Verfahrenszentrum Bässlergut in Basel.
Laubengang im Basislager Zürich, dahinter die Asylwohnungen. (Bilder: insitu)
«Wir liefern eine architektonische Lösung für ein politisches Problem», sagt Pascal Angehrn. Die Kosten- und Zeitvorgaben sind eng, die Fluktuation ist hoch, entsprechend müssen die Materialien robust sein, die Elemente müssen ab- und wieder aufbaubar sein – und das Ganze soll dennoch Lebensqualität bieten.
Am Samstag 25. Mai ist Lattich-Fest: von 10 bis 22 Uhr auf dem Güterbahnhof-Areal in St.Gallen
lattich.ch
In situ rede ausdrücklich nicht von «Unterkünften», sondern von «Wohnungen». Wer darin – wenn auch manchmal nur kurz – wohnt, soll sich wohlfühlen. Neben den Innenräumen müssten daher auch die Aussenräume stimmen. Flächen, wo man sich begegnet, aber auch aus dem Weg gehen kann, und gemeinschaftliche Räume förderten die Integration und das Zusammenleben.
Was für Flüchtlinge entwickelt worden ist, weite sich in den letzten Jahren immer mehr auch auf andere Wohnbedürfnisse aus, sagt Angehrn, namentlich für sozialen Wohnungsbau. «Wir haben uns diese Dringlichkeit zu Nutzen gemacht und mit Bauformen experimentiert: Container, Betonmodule und schliesslich Modul- bis Holzelementbau.» Für gemischte oder wechselnde Nutzungen, für Arbeitsstätten mit temporärem Charakter wie dem Basislager Zürich, der Rakete Basel oder dem Lattich St.Gallen zeigten sich Holzmodule am sinnvollsten.
Walzwerk Münchenstein, Kleine Freiheit Zürich.
In situ hat Umnutzungen von Fabrikarealen realisiert, Wohnsiedlungen für Geflüchtete, aber auch eine Kletterhalle oder das Café «Kleine Freiheit» in Zürich. Stets gehe es darum, mit einfachen Mitteln, aus einem Mangel heraus kreative Lösungen zu finden. Und solche Projekte zögen dann auch Leute an, die ihrerseits gemeinschaftlich und nachhaltig ans Werk gehen wollen und sich nicht zu schade fürs Einfache sind.
Einfache Gebäude sind politisch gewollt
Alles sehr überzeugend – warum gibt es dann in der Ostschweiz bisher kaum solche Projekte, warum ist Lattich beinah allein auf weiter Flur? Zum einen sei wohl der Druck zu klein; in der Ostschweiz findet man (noch) zahlbare Wohnungen und Arbeitsräume. Zum andern brauche es Initianten und Bauträger, die ein Risiko eingehen wollen, agil und experimentierfreudig sind. Die Öffentliche Hand eigne sich weniger für solche Projekte als Private. «Die Zwänge beim öffentlichen Bauen sind viel höher; bis die Kredite gesprochen sind, ist die Brache unter Umständen schon keine Brache mehr», sagt Pascal Angehrn.
Hier ein Video-Interview mit Pascal Angehrn und Marc Angst zum Thema «Lebensräume für Flüchtlinge».
insitu.ch
Aktuell experimentiert in situ an kostengünstigen Schulbau-Provisorien. Stadt und Kanton St.Gallen seien sehr interessiert, temporäre Projekte in der Art zu unterstützen, denn sie hätten gemerkt, dass die Region dadurch an Attraktivität gewinne.
Vom Modulbau kommt in situ momentan eher weg, zugunsten der Element-Bauweise. Damit könne ähnlich mobil, aber kostengünstiger gebaut werden, unter anderem weil beim Stapeln von Modulen naturgemäss doppelte Wände, Böden und Decken und entsprechende Mehrkosten entstehen. Politisch allerdings sei vielerorts und gerade in der Flüchtlingspolitik weiterhin Modulbau gefragt. Denn Module vermittelten gegen aussen den Eindruck: «Das ist nur temporär, das geht wieder weg.» Modulbau ist politische Architektur – auch das Argument, die Bauten seien «zu schön» bloss als Wohnungen für Flüchtlinge, ist Angehrn nicht unbekannt.
In situs Haltung als Baubüro sei nicht ideologisch geprägt, vielmehr durch das Interesse an Lösungen für gesellschaftliche Brennpunkte. Am St.Galler Lattich begeistert Pascal Angehrn denn auch, dass er vom ersten Tag an voll vermietet gewesen ist. «Da könnte mancher Immobilienentwickler neidisch werden.»
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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