Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Zweideutiges und Mehrdeutiges auszuhalten und manchmal sogar zu geniessen. Sie ist ein kostbares Gut. Die pädagogischen Initiativen, diese in der Schule zu fördern oder die offensichtliche Erstarkung extremer Positionen in allerlei Diskursen legen den Schluss nahe, dass es sich dabei auch um ein zunehmend knappes Gut handelt. Was aber hat es so knapp gemacht?
Ein Hauptproblem ist natürlich der gesteigerte Bedarf in sogenannt pluralistischen Gesellschaften, ein anderes die Technisierung des sozialen Lebens. Ermutigt durch die technischen Erfolge in der Alltagsgestaltung, neigt man dazu, die Lösung eines sozialen Problems nicht mehr primär als Ausnahme, sondern als Regelfall zu sehen, was die Tugend der Geduld und die Praxis des Aushaltens zunehmend unattraktiv machen. Wer Lösungen will, muss die Probleme so zurechtmachen, dass sie lösbar sind. Das bedeutet, dass Zweideutigkeit in Eindeutigkeit, Sowohl-als-auch- in Entweder-oder-Situationen transformiert werden müssen. Die durch Technik ermöglichte Perfektionierung des Lebens hat eine herrschsüchtige Schlagseite.
Unter der gleissenden Sonne der Lösungsorientierung muss die Migrationspolitik Gesetze hervorbringen, die Grenz- und Sonderfälle verhindern, müssen die Schulen Unterricht betreiben, der messbar ist, muss die Verwaltung sich wasserdicht machen gegen Ausnahmen. Was Lust macht, darf nicht ein bisschen verboten sein, was die Bösen wollen, kann nicht ein bisschen gut, was die Guten fordern, nicht ein wenig böse, und ich selber darf nicht zweideutig sein, wenn ich mich nicht hassen soll.
Skrupel und Scham
Das Skrupulöse – das eine zwar zu tun, das andere aber besser zu finden – spaltet sich auf der einen Seite ins Puristische: nichts zu tun, was man nicht eindeutig gut findet, und auf der andern Seite ins Hedonistische: das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Aber Ambiguität gibt es nur über Skrupel, über Scham, über das Aushalten der eigenen Lächerlichkeit. Und alle sozialen Tugenden wie Treue, Solidarität, Kollegialität, Loyalität – wobei natürlich viel zu sagen wäre zu den unterschiedlichen Ambiguitätsstärkegraden dieser Begriffe und weshalb sie wo gebräuchlicher sind – verlangen letztlich fast immer, dass man etwas tut beziehungsweise unterlässt um der einen Sache willen, die man eigentlich sonst vermeiden beziehungsweise gutheissen würde. Und es scheint, dass die hohe Aufladung dieser Begriffe mancherorts umgekehrt proportional zu ihrer gelebten Praxis erfolgt.
Die glückliche Fähigkeit, eine Ablehnung zu erleiden oder nur schon eine fehlende Wertschätzung, ohne gleich an Selbstwertverlust denken zu müssen, besitzt nur, wer Eltern hatte, die sich die lässliche Sünde gestatteten, bei voller Liebe zum Kind auch mal die Türe symbolisch und real zuzuschlagen, und zwar im Wissen, dass man das nicht tun sollte, aber trotzdem ohne das Kind hinterher mit einer mit schlechtem Gewissen getränkten Wiedergutmachung zu ersäufen, dafür vielleicht mit einer kleinlauten, allmählichen Milde, mit stillen Gesten der Versöhnung usw. Etwas, das man nur kann, wenn man erkannt hat, dass das Gute angesichts des Schwierigen oft nicht in dessen Lösung, Vermeidung oder schon gar nicht Annahme besteht, sondern in einer schamhaften, skrupulösen, grimmigen oder humorvollen Haltung zum Falschen, das einem halt irgendwie anhaftet. Wobei letztere zwar viel gerühmt wird aber schwieriger ist als gedacht.
Die Hintertürchen der Religionen
Ein Trainingsgelände für Ambiguität findet sich in den Spitzfindigkeiten theologischer Reflexionen und Praxis über die oft unmöglichen Verbote und Gebote der Religion.
Im Islam findet sich zum Beispiel das von den Fundamentalisten ungeliebte Konzept «makruh». Als makruh, «verpönt», werden Handlungen beschrieben, die nicht ausdrücklich verboten, deren Unterlassung aber dennoch segensreich ist. Da sie aber nicht zu einem entscheidenden Heils-Schaden führen, verschaffen sie einem in einer restriktiven Gesellschaft eine gewisse kritische Distanz, ohne gleich völlig auf Konfrontation gehen zu müssen.
Das katholische Milieu kannte Dutzende solcher Praktiken. Erinnert sei nur an die rauchenden Männer am Sonntag vor der Kirche. Den Gottesdienst wirklich mitzumachen, war ihnen zu blöd, aber sich deswegen direkt in der Beiz zu treffen, kam nicht in Frage. Und was war das für eine Lust, sich am fleischfreien Freitag in der Küche zu versammeln und 49 Gramm Schinken abzuwägen, weil der Katechismus das Vergehen erst ab 50 Gramm nicht mehr als lässliche Sünde, die man nicht beichten musste, einstufte. Ein Heidenspass, der es einem erlaubte, gleichzeitig das Verbot einzuhalten und es der Lächerlichkeit preiszugeben, die eigene noch gratis inbegriffen.
Makruh und lässliche Sünden gibt es nur, wo es Verbote gibt. Deswegen jetzt Moral und schlechtes Gewissen gut zu finden, wäre auch übertrieben, aber ohne sie werden wir zu unrealistischen, weil die Zweideutigkeiten der Dinge verleugnenden Menschen. Überall nur noch «Geiz ist geil» und «Du bist ok, ich bin ok» zu rufen, ist keine Lösung. Besser, man antwortet auf die Killerfrage der widerspruchsfreien Gesellen, warum man denn etwas mache, wenn man es doch eigentlich kritisiere oder nicht möchte: «Eben darum, weil ich nicht mit und nicht ohne leben will.»
Rolf Bossart, 1970, ist Lehrer, Theologe und Publizist. Dieser Beitrag erschien im Febraurheft von Saiten.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.