, 21. April 2015
12 Kommentare

Nicht noch einen Calatrava, bitte!

Nebst Gallus steigt offenbar Stararchitekt Calatrava zum neuen Stadtheiligen auf. Saiten-Gastautor Marcel Baur meint: St.Gallen braucht keinen Calatrava – auf dem Marktplatz und auch sonst nicht.

Das Tagblatt hat mich unsanft daran erinnert, dass wir neben Gallus ja noch einem weiteren «Heiligen» huldigen.
Ein Stararchitekt namens Calatrava. In unserer Stadt stehen ja schon drei seiner äusserst bedeutenden Bauwerke von internationalem Weltruf: Ein Bushäuschen, eine Eingangspforte und eine Notrufzentrale.

Das Bushäuschen (wenn ich micht recht erinnere, kostete es rund eine Million Franken) ist ein Paradebeispiel dafür, wie man die Wartenden in einer klimatisch rauen Stadt wie St.Gallen trotz Dach den unangenehmen Seiten des Wetters aussetzt: Die vorderen zwei Meter sind alles andere als ein Schutz vor Wind, Regen und Schnee.

Das wusste man zur Zeit der Erbauung (1996) jedoch noch nicht, herrschte doch damals vorwiegend sonniges und trockenes Wetter das ganze Jahr hindurch.

Alpine Stimmung unter Tage

Die Notrufzentrale macht einen schicken Eindruck, zumindest von Osten her. Die westliche Seite soll ebenfalls sehr gelungen sein, nur sieht man sie von aussen nicht. Im Inneren kam zudem kurz nach dem Einzug alpine Stimmung auf. Tönte es doch in der Halle wie ein Echo in einem abgelegenen Gebirgstal. Mit Hilfe von Schallschutzwänden konnte das aber schnell und kostengünstig behoben werden. Gespannt darf man sein, wie die Zukunft dort aussieht. Scheinbar ist die Halle ja mittlerweile zu klein.

Und dann wäre da noch der Pfalzkeller und sein Eingang. Da habe ich bislang wenig vernommen, was zu Kritik anregen könnte. Böse Zungen behaupten jedoch, dass die Mechanik im Herbst zuweilen ziemlich laute Töne von sich gibt, wenn der Eingang geöffnet oder wieder verschlossen wird.

Marktplatz braucht keinen Stararchitekten

Ich bin der Meinung, dass der Marktplatz keinen Calatrava braucht. Plätze die einfach nur schön sind und ansonsten wenig zu bieten haben, gibt es bereits. Ein praktischer, vielfältig nutzbarer Platz mit der Möglichkeit eines ständigen Markts benötigt keinen Stararchitekten.

Zudem würden die Kosten wohl wieder derart aus dem Ruder laufen, dass auch die Chancen für ein drittes Nein an der Urne massiv steigen könnten.

12 Kommentare zu Nicht noch einen Calatrava, bitte!

  • hrbeck sagt:

    Leider ziemlich unreflektiert, dieser Gastbeitrag. Statt die Bauten mit einbeinigen Tauben zu bewerfen vielleicht mal ein Buch über Calatrava durchblättern oder gar ein paar Orte besuchen an welchen sein Büro größere Projekte verwirklichen durfte. Oder sich fragen wer Herrn Calatrava wieder ins Spiel gebracht hat.
    Grüsse aus einem Zug der gerade durch einen Calatrava Bahnhof rollt.

  • […] Der Blogbeitrag hat es auch auf die Webseite von Saiten geschafft […]

    • Tek sagt:

      Meins aus technischen Gründen wohl nicht…

    • Ein weiteres Meisterwerk hast du vergessen. In St. Fiden stehen schon seit den 90er Jahren zwei Wartehäuschen des Architekten, in fröhlichem Jugendstil gehalten. Bis vor einiger Zeit wurde das Dach des rechten Häuschens durchbohrt von einem riesigen Stahlmast für die Aufhängung der Strom – Oberleitung der Busse und im linken Häuschen nimmt immer noch eine grosse, hässliche Transdformationsstation den grössten Raum ein.

  • Jürg Diggelmann sagt:

    Der Gastbeitrag beschränkt sich, wie bereits hrbeck festgestellt hat, leider auf ein eher simples Calatrava-Bashing. Dass eine Buswartehalle in den vorderen zwei Metern je nach Windlage keinen Schutz vor der Witterung bietet, ist – unabhängig von der Bauweise – wohl allgemeingültig. Ich zweifle auch, ob die 1985 erstellte Wartehalle in St. Fiden wirklich eine Million gekostet hat. Die ungleich grössere Wartehalle am Bohl wurde nämlich für „nur“ 860’000 Franken realisiert.

    Gar nicht teilen mag ich die Auffassung von Marcel Baur, wenn er den Marktplatz offenbar am liebsten als grosse leere Platzfläche hätte. Die Erfahrung in unserer Stadt zeigt leider, dass solche Flächen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit grässlichen Holzhüttchen und anderem überstellt werden. Von einer Stadtraumgestaltung kann dabei keine Rede sein.

    Richtig ist sicher, dass wir keinen Studienauftrag an Calatrava vergeben müssen, um herauszufinden, wie es jetzt weitergehen soll. Falsch ist auch, wenn der Stadtrat und andere Politikexponenten meinen, man müsse bei Markplatz und Bohl nun völlig von vorne beginnen. Die Ausgangslage nach der zweiten Abstimmung ist doch ziemlich klar, und die Kritikpunkte, die bereinigt werden müssen, sind nur noch wenige:

    1) Offensichtlich ist, dass die Befreiung des Markplatzes und der angrenzenden Gassen vom motorisierten Individualverkehr im Grunde unbestritten ist. Problematisch ist ausschliesslich, dass der Stadtrat in einem Moment geistiger Verwirrung entschieden hat, dass eine Aufhebung der Strassenparkplätze nur möglich sei, wenn neben der geplanten Erweiterung der Parkgarage am Unteren Graben auch das unselige Parkhausprojekt Union wieder aufgenommen wird. Ich habe es nie begriffen, weshalb für dieses Projekt über das Gebiet der Altstadt hinaus noch zahlreiche weitere Strassenparkplätze aufgehoben werden müssen (zur „Saldierung“), um den Eigentümern von Liegenschaften an bester und teuerster Innenstadtlage exklusiv eine Erhöhung ihrer Renditen zu ermöglichen. Die Parkhausfrage hängt aber ohnehin nur indirekt mit der Neugestaltung von Markplatz und Bohl zusammen. Sie war auch bei der letzten Abstimmungsvorlage nicht damit verknüpft.

    2) Die bürgerliche Gegnerschaft der letzten Abstimmungsvorlage hat nicht zu Unrecht kritisiert, dass den hohen Kosten kaum ein Mehrwert gegenübersteht. Ich glaube nicht, dass eine WC-Anlage für zwei Millionen Franken die Leute (nach meiner fast täglichen Beobachtung sind es ausschliesslich Männer) davon abhalten wird, weiterhin an jede Altstadtmauer zu pinkeln. Auch die Aufwendungen für eine von der Nutzung her völlig unbestimmte „Event-Location“ im Taubenloch sind nicht vermittelbar, wenn man sich vergegenwärtigt, wie eng die finanziellen Möglichkeiten für andere Projekte in dieser Stadt sind.

    3) Das Killerargument bei der letzten Abstimmung war aber sicher für viele die Aufhebung des ständigen Marktes. Was soll die Neugestaltung des „Markt“-Platzes, wenn ein richtiger Markt gar nicht mehr stattfindet? Den Bauernmarkt in Ehren, aber er findet gerade mal an einem Vormittag statt, und auch der Wochenmarkt kann das reiche Angebot des ständigen Marktes nicht ersetzen. Vielleicht sollten die Markthändler und ihre Kunden die Initiative ergreifen. Wie wär’s mit der Gründung einer Genossenschaft für die Erstellung von zweckmässigen und finanziell tragbaren Marktgebäuden, welche der Stadt hier das Heft aus der Hand nimmt?

    4) Unsinnig war aber auch die Spreizung der ÖV-Haltestelle Marktplatz-Bohl. Die Verlegung der Haltestelle für Bahn und Busse in Fahrtrichtung Bahnhof in den Bereich des Cafés „Pfund“ ist nicht nur für die Fahrgäste unattraktiv. Der öffentliche Verkehr würde damit auch den Platz auf seiner ganzen Länge dominieren. Die VBSG haben vor einigen Jahren bei der Haltestelle vor dem „Hecht“ versuchsweise die Spuren für Bus und Bahn zusammengelegt. Dadurch ist ein grosszügiger Warteraum für die Passagiere entstanden, der durch den Vorbau des „Hechts“ auch teilweise gedeckt war. Es ist nicht einzusehen, weshalb nicht diese Lösung realisiert wird, denn sie hat, wie der Versuch zeigte, durchaus funktioniert. Für anfahrende Busse und Bahnen von Osten her bestehen vor der Einfahrt beim Waaghaus ausreichende Warteräume. Eine solche Lösung mag aus Sicht der VBSG zwar nicht die beste aller Lösungen sein. Die Ausgangslage ist jedoch nicht die gleiche wie beim Bahnhofplatz, der in erster Linie ein Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs ist. Beim Marktplatz und Bohl geht es um das Herz der Stadt, das nicht einseitig nach den Bedürfnissen der öffentlichen Verkehrsbetriebe optimiert werden kann.

    Ich wundere mich aber auch, weshalb die Stadt bisher kaum das Gespräch mit den direkt betroffenen Kreisen geführt hat. Der Quartierverein St. Mangen, den ich präsidiere und der unmittelbar an Marktplatz und Bohl angrenzt, wurde weder bei der Vorbereitung der ersten noch der zweiten Abstimmungsvorlage je um seine Meinung angefragt. Verschiedene Einwendungen hätten sonst wohl frühzeitig eingebracht werden können.

    • Hansueli Baumgartner sagt:

      Das 1.Mal, dass ich einen differenzierten Kommentar zum Thema Marktplatz lese, mit dem ich in allen Punkten einverstanden bin. Danke, Jürg.

  • Marcel Baur sagt:

    Lieber @hrbeck – Sie haben natürlich nicht unrecht, es geht auch nicht wirklich um das Schaffen von Herrn Calatrave. Es geht mir darum, dass sich die Stadt einen Weg des geringsten Widerstand als Hintertürchen offen hält. Deshal der provokative Umweg via Calatrva

    @Jürg Diggelmann
    Ich wünsche mir beim besten Willen keinen leeren Platz. Da haben sie mich falsch interpretiert. Ich wünsche mir einen ständigen Markt mit flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten für Anlässe von der Fasnacht bis zum St.Gallerfäscht.
    Mir liegt das versprochene partizipative Vorgehen sehr am Herzen. Leider ist da von Seiten der Stadt nichts bis sehr wenig erkennbar. Das zeigt sich auch beim Bahnhof Nord, der im Gegensatz zum Marktplatz noch ganz am Anfang steht.

  • […] Blogbeitrag hat es auch auf die Webseite von Saiten geschafft […]

  • […] Nicht noch ein Calatrava bitte oder 870’000 CHF damit sich der Pfalzkeller wieder schliessen lässt… […]

  • Marcel Baur sagt:

    Da ja der Name bereits wieder für den Ideenwettbewerb zum Marktplatz in den Mund genommen wird, wärem ich meinen Gastbeitrag wieder auf.
    Seit dem Erscheinen des Beitrags wurde der Eingang zum Pfalzkeller übrigens saniert. Für 870’000 CHF! Ein Genie von Architekt, aber auch ein Genie in Sachen Alltagsuntauglichkeit!

  • […] ist schon ein Weilchen (rund 4 Jahre) her als ich für das Magazin Saiten den Text „Nicht noch ein Calatrava bitte“ verfasst habe. Damals durfte ich einige Kritik […]

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