Regisseur Peter Ries inszeniert in der Lokremise sieben von Becketts wenig bekannten Kurzdramen. Ein Glücksfall, denn jede dieser kleinen Etüden lässt einen von einer anderen Seite in das unverwechselbare Beckett-Universum eintauchen: ein Universum, das von vereinsamten Aussenseitern bevölkert ist. Von Menschen, die in unauflösbaren Abhängigkeitsverhältnissen aneinander gebunden sind – und doch nie wirklich in Beziehung zueinander treten.
Marcus Schäfer (links) und Christian Hettkamp.
Wir begegnen einer Tochter, die für ihre Mutter sorgt und dabei die Enge ihrer Lebenswelt kaum erträgt; einem Mann im Rollstuhl, der einen blinden Klavierspieler auszunutzen versucht; oder einem gottähnlichen Regisseur, der in kurzen, sadistischen Anweisungen das Elend eines Menschen inszeniert.
Sprachlich sind die Textwelten von Samuel Beckett auf ein Minimum reduziert. In einer lakonischen, knappen Präzision führt die Sprache die Verlorenheit ihrer Sprecherinnen und Sprecher vor.
Von Un-Orten und Anti-Helden
Das Bühnenbild (Gernot Sommerfeld) gibt einen passenden Rahmen vor. Die bespielte Fläche ist im Vergleich zum Bereich der Zuschauer übergross, nimmt fast den gesamten Raum ein: Das Publikum ist in zwei schmalen Reihen an den Rand gedrängt, während die Spielerinnen und Spieler im offenen Bühnenraum verloren und fast orientierungslos wirken.
Einzelne Strassenlaternen tauchen die Bühne in ein schwaches Grundlicht; eine steile, ins Nichts führende Treppe und zwei einzelne Sitzreihen markieren die wenigen räumlichen Fixpunkte.
Es ist, als wären die einzelnen Elemente des Bühnenbildes aus Wartehallen von Flughäfen oder nächtlichen Strassenkreuzungen in die Lokremise verpflanzt worden. Von Orten, an denen man nicht verweilen möchte, sondern darauf wartet, dass es irgendwohin weitergeht.
Silvia Rhode.
Dieses Gefühl von Beklommenheit ist auch in den einzelnen Stücken präsent. Es durchzieht «Ohio Impromptu», in dem von zwei identischen Gestalten die Geschichte eines Mannes erzählt wird, der dem Verlust eines geliebten Menschen zu entfliehen versucht. Man spürt es in «Damals», in dem einer stummen Figur das eigene Leben von mehreren, fugenartig verschränkten Stimmen erzählt wird.
Aber am stärksten ist die Beklommenheit vielleicht in «Rockaby», in dem eine Frau apathisch in einem Schaukelstuhl sitzt und den immer gleichen Text sprechend, in einem rhythmischen Mantra ihr baldiges Ende heraufbeschwört.
Beckett neu entdecken
Durch ihre bewusste Offenheit sind die Texte schwer zu fassen; vieles bleibt unerklärt. Sind die Figuren wirklich da oder sind es nur Erinnerungen? Einbildungen? Stimmen aus der Vergangenheit?
Die Texte sperren sich einem einfachen Verstehen. Das ist anstrengend. Aber in dieser flimmernden Ungewissheit liegt auch die grosse Qualität der Dramaticules.
Das Schauspielensemble findet einen präzisen Umgang mit der Vorlage. Wendy Michelle Güntensperger, Danielle Green, Silvia Rhode, Marcus Schäfer, Christian Hettkamp und Anselm Lipgens loten die ganze Bandbreite der Texte aus – und diese reicht von totaler Apathie bis zu spielerischer Komik.
Danielle Green.
Schade nur, dass sich die einzelnen Kurzdramen nicht mehr zu einem Gesamten zusammenfügen – zu unterschiedlich sind deren Erzählperspektive, Dynamik und Tempo. Das macht die Brüche zwischen den einzelnen Episoden manchmal etwas abrupt.
Doch für alle, die Beckett entdecken oder neu-entdecken möchten, bietet dieser Abend eine lohnende Gelegenheit.
Weitere Vorstellungen bis 7. Dezember. theatersg.ch
Bilder: Tine Edel
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