Vor etwa 50 Jahren landete das Vorarlberger Gesangsduo Ray & Mick mit dem Song Oh Oh Vorarlberg einen österreichweiten Hit. Das Arrangement klang verzerrt nach Volksmusik, auch der Text spielte auf ironisch schräge Art mit folkloristischen Motiven und gipfelte in der Zeile: «Nicht zu vergessen deine Kühe». Gesellschaftspolitisch überinterpretiert, sollte der Song den eigenen Leuten die Klischees vor Augen führen, mit denen das Land immer noch nach aussen dargestellt wurde, und andererseits die Grosskopferten in Wien daran erinnern, dass es hinter dem Arlberg noch ein Vor-Arlberg gab, in dem Menschen lebten, die ein bisschen anders tickten.
Signale der Eigenständigkeit, wenngleich ohne jede Ironie, hatte Vorarlberg ja schon öfter ausgesendet. Im Jahr 1964 kam es zu einem kuriosen Aufstand gegen die Obrigkeit, der internationale Wellen schlug. «Die Wiener» hatten damals versucht, ein Vorarlberger Bodenseeschiff auf den Namen eines österreichischen Bundespräsidenten zu taufen, der noch dazu ein Sozialist war. Was für ein Affront! Der mit der Taufe beauftragte Verkehrsminister konnte sich gerade noch vor dem gewaltbereiten Mob in Sicherheit bringen. Man glaubte schon, es könnte wieder zu Abspaltungstendenzen kommen wie 1919.
Damals hatten sich bei einer Volksabstimmung 80 Prozent der Befragten für die Teilnahme an der Eidgenossenschaft beziehungsweise gegen einen Verbleib bei Österreich ausgesprochen. Bis heute übrigens ist die Erinnerung daran, dass die Schweiz dieses Ansinnen mit Hinweis auf die Einhaltung internationaler Verträge höflich zurückwies und Vorarlberg sich bei dieser Gelegenheit den Titel «Kanton Übrig» einhandelte, nicht ganz verblasst. Vielleicht auch deswegen kommt das Selbstverständnis Vorarlbergs heute am ehesten durch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu niemandem zum Ausdruck. Böse Zungen behaupten, man halte sich für etwas Besonderes. Aber welches Land oder Ländle tut das nicht.
Für Vorarlberg gilt, dass man früher besonders römisch-katholisch war und sich zugleich für besonders politisch-freisinnig hielt (was auch besonders deutschnational oder besonders nationalsozialistisch heissen konnte). Heute ist man besonders sanft-touristisch und vor allem besonders international-kulturell, und zwar mit einer Betonung auf Festspielwesen und Baukunst. Die Bregenzer Festspiele strahlen diese Besonderheit naturgemäss am hellsten in die Welt hinaus, aber auch Letzteres lässt sich bis in die hintersten Talschaften hinein nachweisen, wo fast jeder Volksschul- oder Feuerwehrhaus-Neubau, aber auch jedes zweite Einfamilienhaus mittlerweile als ein architektonisches Kleinod betrachtet werden kann.
«Permanent steht man hier unter dem Einfluss von Mannerschnitten, Kägi Fretli, Mon Cheri und Haribo Goldbären gleichermassen, könnte man sagen, das heisst, es entstehen hybride Geschmacksvorstellungen, die sich auf alle Lebensbereiche ausdehnen»
Überhaupt unterscheiden sich die äusseren Ansichten des Zeitgenössischen hier kaum noch von jenen in den Metropolen. Das liegt paradoxerweise auch an der fehlenden Universität. Denn diejenigen, die in den vergangenen Jahrzehnten entlang der kulturellen Achsen Paris-Zürich-Wien bzw. Mailand-München-Berlin zum Studieren weggezogen und wieder zurückgekehrt sind, haben stilistische Ansprüche mitgebracht. Und zwar nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern auch was alternative Lebensmodelle angeht.
Vielleicht ist es dieser Blick nach allen Seiten, gepaart mit dem Gefühl, nirgends wirklich dazu zu gehören, was Vorarlberg tatsächlich zu etwas Besonderem macht. Permanent steht man hier unter dem Einfluss von Mannerschnitten, Kägi Fretli, Mon Cheri und Haribo Goldbären gleichermassen, könnte man sagen, das heisst, es entstehen hybride Geschmacksvorstellungen, die sich auf alle Lebensbereiche ausdehnen. Zum Beispiel fällt hier nirgends eine eindeutige Entscheidung zugunsten ländlicher oder urbaner Strukturen. Hier komme man deshalb in den Genuss der Vorteile sowohl des einen als auch des anderen, sagen die einen. Andere behaupten dasselbe über die Nachteile.
Köhlmeier und Bilgeri damals.
Wie auch immer, die Mehrheit lebt gern hier und fährt auch gern hin und wieder weg. Das gilt höchstwahrscheinlich auch für Reinhold Bilgeri und Michael Köhlmeier alias Ray & Mick. Denn obwohl sich beide (unabhängig voneinander) weit über die Grenzen des Landes hinaus als Musiker beziehungsweise als Schriftsteller einen Namen gemacht haben, sind beide immer noch oder wieder hier zu Hause.
Schon in ihrem oben erwähnten Song, der mittlerweile zur inoffiziellen Landeshymne geworden ist, heisst es diesbezüglich: «Oft waren wir schon in der Ferne, / sogar bis Lindau kamen wir. / Dort sassen wir am Ufer gerne, / doch viel schöner ist das Ufer hier.»
Wolfgang Mörth, 1958, ist Autor und Herausgeber der Literaturzeitschrift «miromente». Er lebt in Bregenz.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten. Weitere «Gebrauchsanweisungen» erscheinen im Lauf des Monats auf saiten.ch. Eine Kooperation von Saiten mit seemoz Konstanz, Kulturzeitschrift Vorarlberg, thurgaukultur.ch und Akzent-Magazin Bodensee-Oberschwaben.
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