An diesem milden Frühlingstag treten nach und nach die gealterten Mitglieder der 80er-Alternativszene St.Gallens auf den Kapellenvorplatz im Friedhof Feldli. Zum Beispiel M., in bunte afrikanische Gewänder gekleidet. Sie und ihre kleine Tochter wohnten damals mit Nane zusammen in der WG an der Hirtenstrasse in Rotmonten. Y., der an seiner notorischen Gauloise Bleu ohne Filter zieht, bemerkt bitter humorig: «Ich habe immer gehofft, Nane eröffnet im Alter als grantige Wirtin ein Beizli.» J. kannte Nane seit Kindheitstagen, sie erzählt vom letzten Treffen mit ihr im Garten an der Hirtenstrasse: «Ihr weisser Hund döste im Schatten, es war ein wunderbarer Sommertag, alles schien wieder möglich.» Die Menschen im Halbrund auf dem Platz bringen ihre Geschichten mit.
Eine höchst ungewöhnliche Trauerfeier
Die Menge strömt in die Kapelle. In ihrer Ansprache hebt Pfarrerin Verena Hubmann das Besondere an diesem Anlass hervor. Nur schon die Todesanzeige, das sei ihr in ihrem Beruf noch nie begegnet: Eine Karikatur von Nane als Engel in Rückenansicht sitzt auf einer Wolke, sie schaut zornig und rebellisch über die Schulter zurück und zeigt dem Betrachter die Hand mit gestrecktem Mittelfinger. Zu Beginn der Feier intoniert ihr Bruder Bobby Geel auf der Kirchenorgel den Spiritual Amazing Grace.
Nach dem Lebenslauf von der Pfarrerin würdigt Nanes Sohn Jan die Verstorbene in Form eines DJ-Sets. Zwischen den Musikstücken erzählt er von ihrem aussergewöhnlichen Verständnis der Mutterrolle und beschreibt seine Kinderjahre in der Szene der autonomen Linken: «Ich wünschte mir auf keinen Fall eine andere Erziehung. Für mich war es eine absolut spannende und lehrreiche Zeit.» Abwechselnd mit Jans Inputs spielt die Musikanlage der Friedhofskapelle die Playlist mit Nanes Lieblingssongs. Am Schluss rauscht herzlicher Applaus durch den Kapellenraum. Er gilt wohl je zur Hälfte dem DJ und Nanes immateriellem Lebenswerk.
Der Lebenslauf mäandert
Nane kam als viertes von sechs Kindern am 18. Oktober 1957 zur Welt. Ihren Taufnamen Anita benutzte ihr Umfeld nicht. Schon früh machte sich ihr eigenwilliges und bestimmendes Wesen bemerkbar. In der ersten Klasse war einmal der Lehrer bei Schulbeginn noch nicht im Klassenzimmer, da schickte die kleine Nane kurzerhand alle Kinder nach Hause – sie bestimmte, dass schulfrei sei.
Mit 15 veränderte sich Nane, las Bücher über den Nazi-Terror. An der Schwelle zum Erwachsenenalter beschäftigten sie soziale Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg. Gleichzeitig trainierte sie im Leichtathletik-Club Brühl. Als Mittelstreckenläuferin kam sie bei den Schweizer Meisterschaften auf den achten Platz. Nanes Lebensmotto, sich nicht unterkriegen lassen, die Power herauslassen, bildete sich immer mehr heraus.
Mit 18 Jahren schloss sie im Talhof die Diplommittelschule Wirtschaft mit eidgenössischem Handelsdiplom ab. Anschliessend arbeitete sie in einem Anwaltsbüro. Eine Lehre als Fotografin brach sie wegen der Schwangerschaft ab. Es folgten Heirat, mit 21 die Geburt von Jan, und – wie auch immer es dazu kam – die Drogensucht. Sie zog ihr den Ärmel rein.
Vom Junkie zur Sozialarbeiterin
Nane leistete Unglaubliches: Sie kämpfte um das Sorgerecht für ihren Sohn, beteiligte sich bei zum Teil hirnrissigen Kollektivprojekten wie der Stadt-Landkommune mit Bauernhof, einem Piratenradiosender, der zweimonatlich erscheinenden «Grabenzeitung», organisierte die WG an der Hirtenstrasse und musste sich Stoff für ihre Sucht besorgen. Zu alldem jobbte sie noch für den Lebensunterhalt im Engel, im Stadtladen und bei der Pro Senectute.
Das schaffte sie nur dank ihrer Strukturiertheit und enormen Willenskraft. In der autonomen Szene bildeten Junkies die Ausnahmen. Nanes Freund:innen und Genoss:innen beschränkten ihr Rauschverhalten aufs Kiffen und Biertrinken. Womöglich verhalfen dieser Umstand und die positive Wirkung ihrer Beziehung zum WG-Genossen H. ihr zum Ausstieg aus der Sucht.
Nun wechselte Nane die Seite. Als Gassenarbeiterin betreute sie für die Suchthilfe Junkies. Zusätzlich absolvierte sie die Ausbildung zur Sozialarbeiterin an der Fachhochschule und war danach bei Maria Magdalena tätig, dem Beratungsangebot für Frauen im Sexgewerbe. Schliesslich nutzte sie ihre sozialpädagogische Berufserfahrung für die Betreuung von Menschen in schwierigen Lebensumständen.
Backflash in die 80er
«Was das Leben mit Nane so einzigartig machte», sagt Jan, heute selber in seinen 40ern und Vater von drei Kindern im jugendlichen Alter, «war, dass man nie wusste, was hinter der nächsten Kurve zum Vorschein kommen würde.» Eine seiner frühesten Erinnerungen betrifft die Reisen ins Tessin, die Nane gemäss richterlichem Beschluss mit ihm unternehmen durfte. «Auf der Fahrt mit einem roten Renault 4 gehörte der Bahnhof Thusis jedesmal als Haltestelle fix dazu. Dort bekam ich eine Raketenglace für 60 Rappen und für Nane gab es ein gut beleuchtetes WC. Dann ging es weiter auf der Autobahn, Nane mit zwei Kissen unter ihrem Hintern und mit Stecknadelpupillen, ich mit der Raketenglace auf der Rückbank, dazu die Stereoanlage auf voller Lautstärke.»
Jan kam als siebenjähriger Knirps zu Nane. Er zählt seine coolen und – wie er ironisch anfügt – «kindgerechten» Spielplätze auf: stundenlang im Bündnerhof pokern, am Abend in der Grabenhalle Eintritte verkaufen, die Seiten der frisch gedruckten «Grabenzeitung» zusammenlegen, im Stadtladen Müeslimischung abpacken, an der Engelsitzung am Dienstagnachmittag zuhören, wie Nane sich wortgewandt Gehör verschafft. Irgendwie habe sie es immer geschafft, ihn aus allen Schwierigkeiten wie Verhaftungen oder Schlägereien herauszuhalten. Hausbesetzungen und die offene Drogenszene wusste sie zu meiden.
Ausgebremst auf der Überholspur
2012 erkrankte Nane an einer Hirnhautentzündung, von der sie sich nie mehr richtig erholte. Infolge von Hirnblutungen und Epilepsie verlor ihr Gehirn nach und nach seine Hochleistungsfähigkeiten. Nane sei mehr und mehr kurz angebunden geworden, beschreibt Jan ihre letzten Jahre. Statt für soziale Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung habe sie gegen sich selber gekämpft. Dank zwei Mitbewohnern konnte sie die Selbstständigkeit behalten. Ohne die beiden hätte sie wahrscheinlich schon länger die eigene Wohnung gegen ein Zimmer in einer betreuten Institution tauschen müssen, meint Jan dankbar. Vor zwei Jahren brach dann der Krebs aus.
Nane starb am 13. März.
Edit 15. Juni: In einer früheren Version des Artikels hiess es, dass der stadtbekannte Punk Bobby Moor an der Abdankung auf der Orgel Amazing Grace intonierte. Es war aber Nanes Bruder Bobby Geel, der Orgel spielte. Danke, Remy Klaus, für den Hinweis.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.