, 18. Oktober 2018
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«Gallus, der Fremde» heisst Gabrielle Alioths neues Buch, das sich mit dem Gründer der Stadt St.Gallen befasst. Gallus Frei-Tomic, Namensvetter des Protagonisten, hat den historischen Roman gelesen und mit der Autorin gesprochen.

Gabrielle Alioth lebt seit bald 35 Jahren in Irland. (Bild: pd)

In der Gallusstadt aufgewachsen und zu Schule gegangen, bin ich durchsetzt von Legenden, die sich um meinen Namensgeber ranken. Der Mann, der um 600 n. Chr. im Wald an einem Bach unweit des Bodensees eine Klause gründete, habe nur mit Hilfe eines Bären in der unwirtlichen Umgebung überlebt. Er sei vielleicht sogar adeliger Herkunft gewesen und man habe ihn krank auf dem Weg nach Rom zurückgelassen, heisst es.

Gallus war damals mit einer Gruppe Mönche vom irischen Bangor auf dem Weg in den heidnischen Süden. Columbanus, ein charismatischer Führer leitete zwölf Brüder auf eine Reise, bei der es kein Zurück geben konnte. Eine Reise in eine Fremde, die so unwirtlich und unbekannt erscheinen musste wie heute ein fremder Planet. Eine Reise, die permanente Lebensgefahr bedeutete, die an sich Martyrium genug war, auf der der Tod in vielerlei Gestalt lauerte und Misstrauen uns Feindschaft nicht nur von aussen drohte, sondern mit Sicherheit ein Teil des Gepäcks war.

Lesung mit Gabrielle Alioth: 24. Oktober, 20 Uhr, Rösslitor St.Gallen

Vorverkauf: 071 227 47 35 oder per Email.

Gabrielle Alioth, die seit 1984 in Irland lebt und wohl immer wieder mit der Geschichte dieses Mannes aus dem irischen Bangor konfrontiert wurde, hat in ihrem Roman Gallus, der Fremde nicht einfach ein mögliches Abenteuer nacherzählt, die Legende eines «Heiligen» noch einmal bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen, was in der Vergangenheit immer wieder passierte. Sie hat stattdessen Fragen gestellt, einem Leben, einem Entscheid, einer Reise ins vollkommen Ungewisse nachgefühlt und nachempfunden.

Die Autorin erzählt auf mehreren Ebenen; als unmittelbare Begleiterin auf der Reise bis an den Ort, an dem er nach der Legende krank geworden hängen blieb. Als Frau, die den alt gewordenen Mann 20 Jahre später im Kreis seiner neuen Gefährten in der Siedlung unweit des Bodensees besucht und erfahren will, was den Mann damals von seinen Begleitern unumkehrbar Abschied nehmen liess. Und von der Frau in der Neuzeit, die selber einmal den Weg aus der Schweiz nach Irland machte.

Gabrielle Alioth: Gallus, der Fremde, Lenos Verlag 2018

Alioth verknüpft die drei Erzählebenen kunstvoll, spürt nach und zeichnet mit wagen Strichen. Das Leben ist eine Reise. Gallus machte sich damals mit seinen Gefährten um Columbanus auf eine ungewisse Reise an die Grenzen des Möglichen, an den Rand des sicheren Lebens, weg von aller Geborgenheit, weg von aller Gewissheit. Alioth zeichnet weniger ein Leben nach, als das, was aus den Konsequenzen einer Entscheidung entsteht.

In Gallus, der Fremde bleibt Gallus fremd. Und das ist gut so, denn das wenige, dass aus gesicherten Quellen überliefert wäre, reicht nicht für eine Nacherzählung seines Lebens. Aber der Mann von der grossen Insel im Norden hat etwas mitgebracht, etwas bewirkt. Geblieben ist eine Stadt, die seinen Namen trägt, ein weltbekanntes Kloster – und ein rätselhafter Name.

Ich konnte der Autorin einige Fragen stellen:

Sie wanderten einst aus nach Irland, ins Land Ihrer Sehnsüchte. Gallus wanderte 1400 Jahre zuvor auch aus. Ein Abenteuer ohne Rückkehr, wohl kaum eine Auswanderung ins Land der Sehnsüchte. Wie weit ist die Figur Gallus zu einem Spiegel geworden?

Gabrielle Alioth: Ich denke, man darf Gallus und Columbanus neben allen religiösen Motiven auch eine gewisse Abenteuerlust unterstellen, und es gibt ja auch Historiker, die (etwas zynisch) meinen, die irischen Mönche hätten Irland vor allem deshalb verlassen, weil es ihnen dort zu langweilig war. Ich denke also schon, dass sie auch ihren «Sehnsüchten» folgten; und so wie Gallus das Land, in das er auswanderte nicht kannte, habe auch ich Irland nicht gekannt, als ich beschloss, dorthin zu übersiedeln.

Grundsätzlich denke ich, dass Romanfiguren stets Aspekte des Autors oder der Autorin spiegeln. Schreibt man über die Gegenwart, wird oft automatisch unterstellt, man schreibe über sich selbst. In sogenannt historischen Romanen kann man sich als Autorin besser «verstecken», auf jeden Fall hat mich noch nie jemand gefragt: Wie wars denn im Kloster? Oder: Haben Sie immer noch ein Verhältnis mit Otto von Schwaben?

Was mich an Ihrem Roman beeindruckt, ist die Tatsache, dass Sie nicht noch weitere Schlaufen um die Legenden des Stadtgründers ziehen. Sie halten sich an die wenigen Fakten und beschäftigen sich mehr mit der Umgebung, dem Umfeld des Protagonisten. Brauchte es dafür Überwindung oder war es Absicht?

Ich finde es stets interessant und beim Schreiben natürlich auch ganz unterhaltsam, Legenden oder andere vorgegebenen Vorstellungen zu entlarven bzw. nach Gründen für Legendenbildung zu suchen und deren Entstehungsprozess nachzuzeichnen. Es ist Teil des Perspektivenwechsels, das in einem Roman erlaubt, möglich und auch spannend ist. Zudem wird Gallus bereits in den Viten als recht widerspenstiger Heiliger dargestellt. Um Gegensatz zu Columbanus ging es ihm wohl nicht so sehr um seinen eigenen Ruhm und Namen, sondern viel mehr darum, sein Leben so zu führen, wie er es für richtig befand.

Sie fügen in Ihren Roman starke Frauenfiguren ein. Zum Beispiel die Frau, die sich 20 Jahre nach Gallus Ankunft im Steinachtobel hartnäckig an die Fersen der Mönche heftet, um mehr vom Leben des Siedlungsgründers zu erfahren. Oder Ihre Stimme als Erzählerin, als Forscherin. Sieht der weibliche Blick anders auf eine Zeit, die so patriarchalisch geprägt ist?

Ich weiss nicht, ob jene Zeit tatsächlich so «patriarchalisch geprägt» war. Columbanus und Gallus kamen aus Irland, in dem zu jener Zeit die Brehon Laws den Frauen eine Gleichberechtigung einräumte, die wohl keltische Wurzeln hatte. Und auch im Burgund war etwa Brunichilde weit mächtiger und wichtiger als ihr Grosssohn Theuderich.

Ich weiss auch nicht, was «der weibliche Blick» sein soll… Ich denke, wir schreiben aus der Summe all unserer Erfahrungen, das heisst alles, was wir erleben und erfahren fliesst in unserer Schreiben ein. Das Geschlecht, das im übrigen bekanntlich sehr unterschiedlich erlebt werden kann, ist somit nur einer von vielen Faktoren, die unsere Sicht formen, und ich würde meine eigene Sicht lieber nicht auf meine Weiblichkeit reduzieren lassen.

Gallus, der Fremde ist nicht der erste historische Stoff, dem Sie sich literarisch annähern. Wo lag die Motivation, dieses Buch zu schreiben? Worin liegt der Reiz, sich immer wieder auf einen neuen historischen Horizont einzustellen?

Die Historie gibt Fakten vor, eine Art Skelett. Die Herausforderung beim Schreiben eines Romans mit historischem Hintergrund ist es, die Lücken zwischen diesen Fakten mit einer glaubwürdigen Fiktion zu füllen. Gleichzeitig ist dies auch das Privileg der Romanschreiberin: Dort, wo der Historiker schwiegen muss, weil ihm die Fakten fehlen, hat sie die Freiheit, über das zu spekulieren, was gewesen sein könnte. Ein weiterer Reiz ist sicher die vorhin angesprochene Möglichkeit, sich als Autorin in der Historie zu verstecken.

Und konkret zu Gallus: Diese sehr frühe Zeit hat den Vorteil, dass wir nur wenige Fakten haben, wir wissen also bald einmal, was man weiss und was man nicht weiss. Das Ausmass der Spekulation ist somit breiter als in anderen Epochen. Grundsätzlich, denke ich, sind es aber stets einzelne Schicksale, bzw. Fragen, die diese Schicksale aufwerfen, die mich (unabhängig von der Epoche) gepackt und fasziniert haben. Bei Gallus war es die Frage nach dem, was ihn mit Columbanus verband. Was hält diese beiden willensstarken, eigensinnigen Männer über 20 Jahre zusammen, und warum trennen sie sich dann doch? Was ist in Bregenz zu Ende gegangen? Was hat Gallus die Freiheit gegeben, sich gegen Columbanus aufzulehnen? Was hat ihm die Kraft gegeben, Columbanus’ Strafe und die Trennung zu ertragen?

Ist Gallus ein Fremder geblieben?

Sicher ist, dass er sich nicht vereinnahmen liess. Er weigerte sich, Bischof zu werden, beharrte darauf, in seiner «Einsiedelei» zu bleiben, die – so Cornel Dora – ja eigentlich eine Mehrsiedelei ist. Zudem denke ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen – und ich lebe nun seit 34 Jahren in Irland, also länger als ich in der Schweiz gelebt habe –, dass Exilierte, Emigranten und Migranten jenseits aller Integrationswünsche und -bestrebungen und unabhängig davon, wie «zuhause» sie sich an einem Ort fühlen, fremd sind und fremd bleiben und dass dies ein ehrlicherer Zustand ist, als eine oberflächliche oder künstlich geschaffene Zugehörigkeit.

Das ist ein durchaus erstrebenswerter Zustand. Er hat Gallus erlaubt, im Steinachtal zum dem zu werden, was er war, unter anderem der Namensgeber für Kloster, Stadt und Kanton. Es war Gallus’ Vergangenheit, der Weg, den er zurückgelegt hatte, sein Fremdsein, das ihn speziell machte. Wäre er aus Arbon oder Steinach gekommen, hätte sich niemand um ihn gekümmert. Und das Fremdsein und -bleiben hat mir erlaubt, über ihn zu schreiben, weil ich selbst weder hier noch da hin gehöre.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman Der Narr. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland.

Gallus Frei-Tomic ist Herausgeber des Literaturblatts: literaturblatt.ch

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