Der «Gruss» könnte aus einem Kindervers stammen, so fröhlich sprudelt und reimt er vor sich hin: «Guten Morgen, lieber Morgen! / Gut geschlafen, lieber Tag? / Lasst euch kitzeln, liebe Sorgen / auf dem Giebel krächzt der Rab.»
Christine Fischer fängt mit diesem «Gruss» ihr Kapitel im Band Lichtungen an, und nach dem Kinderton ist wenig später auch von der «Sprache der Mütter» die Rede, in einem wunderlich-tröstlichen Gedicht auf die Nacht:
Fort
Auf die Wunde des Tags legt leis ihren Finger die Nacht sagt in der Sprache der Mütter: Halt still die Vögel schlafen ruh jetzt auch du
Reckt sich hängt Sterne auf das ganze Gepränge und zieht mit den Füchsen fort in die Wälder am Rande der Welt
Christine Fischer, Jahrgang 1952, beherrscht den launigen wie den ernsten Tonfall, manchmal könnte man ihre Gedichte sofort singen, manchmal stockt der Atem bei einer unerwarteten Kehre. Sie kann aus einer Alltags-Nebensache wie dem Schlüsselblumenduft morgens im Bus ein Gedicht-Glück machen, sie findet krude Wörter («Denkrüssel», «Flugberge», «Regendürre») für eine düstere Endzeitvision oder sie nähert sich dem Fast-nicht-Spürbaren mit gerade noch sagbaren Worten: «Auch diese eine Flocke / nur einen Lidschlag lang auf meiner Wimper / und dann nicht einmal mehr Erinnerung».
Christine Fischer. (Bild: Franziska Rast)
So gekonnt und scheinbar leichthändig setzen alle vier Autorinnen ihre Verse. Man merkt die langjährige Erfahrung, die jedoch nie Routine zur Folge hat, sondern Reduktion und ein sicheres Gespür für das, was gesagt werden muss, und das, was zuviel wäre. Und man spürt das Wissen um das Gedicht als doppeltes Wundermittel: die Dinge zu erkennen, aber auch zu heilen. Im Vers Begegnung in der Früh etwa findet Christine Fischer den kindlich vertrauensvollen Reim auf den morgendlichen «Amselkehlenklang»: «nimmer ist mir angst und bang».
Claire Bischof Vetter, Jahrgang 1948, zeichnet mit ähnlich knappem Stift die Natur im Jahreslauf nach, karge Vierzeiler für den Winter, etwas gesprächiger der «Atem des Frühlings». Weiter geht es dann, mit grossem Ernst, um die Vergänglichkeit, um die Zeit, die «nur ein Netz» ist, «durch das man fällt», um die Stille, um Kindheit und Tod:
Von Augenblick zu Augenblick elftausend Geburten neuntausend Tode
Wie lange noch diese Welt aus Jubel und Tanz aus Schmerz und Schrei aus Glück und Gefahr?
Claire Bischof Vetter. (Bild: Sabina Reich Mentzer)
Erica Engeler erweitert den Horizont. Ihre Gedichte sind zum Teil durch ihr Herkunftsland Argentinien eingefärbt, rufen Büffelherde und Zikaden, Pferde und Papageien in Erinnerung, sie nehmen Bezug auf Orte und auf andere Dichter wie den Franzosen Jules Supervielle, sie deuten eine «Kartographie von Grauzonen / Schutzgebiete, Seuchengefahr / und Versprechen» an im «ungesicherten Hier und Jetzt». Engeler, Jahrgang 1949, ist ihrerseits eine Meisterin der «Hellhörigkeit» für Worte und Dinge:
Unterwegs liegt das Wort auf den Feldern, der Tag mäht still sein Gras bis in den Abend hinein, während das Schweigen dunkel wird und jede Nichtigkeit mich hellhörig macht
Erica Engeler. (Bild: Franziska Rast)
Schliesslich Maria Gertrud Macher: Mit Jahrgang 1945 die Seniorin des Quartetts, findet sie starke Bilder für das sich reduzierende Leben. Totholz liegt da, «schwarze flügel / kündigen den tag an», aber dann blüht auch wieder «eine graswucht in gold» und hängen «neue vorhänge» da – allerdings «fadenscheinig».
kein aufbrausen kein summen mehr – auf hügelrücken liegen schlohweiss die je gegangenen wege ruhn tote blätter in einem häuflein stille.
Maria Gertrud Macher. (Bild: pd)
Die Natur ist, einmal mehr, unerschöpfliche Inspirationsquelle dieser Lyrik. Aber oberflächlich ist das nie: «Einer Blume / auf den Grund / schauen // heisst // allen Dingen / auf den Grund / schauen», heisst es bei Claire Bischof Vetter einmal.
Buchpremiere: 13. November, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
Ruth Erat bringt im Vorwort diese Leistung des Gedichts auf den Punkt: «Was sich ereignet, ist eine Wendung. Ausgeworfen ist das Netz der Aufmerksamkeit. Was wir lesend erfahren, ist die Bergung der Alltagsmomente. Was entsteht, ist Nachsinnen. Und was an Land gezogen ist, öffnet uns eine Welt.» Lyrik dieser Art sei «das Gegenstück zu dem, was in der öffentlichen Flut der Hype- und Empörungssprache all unsere Äusserungskanäle überflutet. Es ist ein Sprechen, dem eine Zuwendung vorausgeht. Sparsam. Aufmerksam. Im Kleinsten auf die Welt stossend.»
Tatsächlich steckt in den rund hundert knappen, mit Lochkamera-Fotos von Regula Engeler illustrierten Gedichten ein Mass an sorgsamer Wahrnehmung und Reflexion, das man im rasenden Tagesgeschäft sonst vergeblich sucht. «Ob wir das Andacht nennen können – dürfen?», fragt Ruth Erat im Vorwort.
Claire Bischof Vetter, Erica Engeler, Christine Fischer, Maria Gertrud Macher: Lichtungen. Gedichte, mit Illustrationen von Regula Engeler, Waldgut Verlag, Frauenfeld 2018, Fr. 24.–
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
Der neue Roman der St.Galler Autorin Erica Engeler heisst Vom Verschwinden. Darin verschwinden Menschen, Häuser und Tiere. Gewollt und ungewollt.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.