, 14. November 2012
keine Kommentare

Noch kein Nollywood für Europa

Diesen Sommer waren am Ziff Filmfestival in Sansibar viele Europäer zu sehen. Abgesehen von den populären Hollywoodfilmen, die am Abend im Alten Ford gezeigt wurden und viele Sansibari anzogen, waren an den anderen Screenings mehrheitlich Weisse zu sehen. Guido Huysman, Jurymitglied und Direktor des Afrika Filmfestivals in Leuven schüttelte mehrmals den Kopf. «Die Filme sind so […]

Diesen Sommer waren am Ziff Filmfestival in Sansibar viele Europäer zu sehen. Abgesehen von den populären Hollywoodfilmen, die am Abend im Alten Ford gezeigt wurden und viele Sansibari anzogen, waren an den anderen Screenings mehrheitlich Weisse zu sehen. Guido Huysman, Jurymitglied und Direktor des Afrika Filmfestivals in Leuven schüttelte mehrmals den Kopf. «Die Filme sind so gemacht, wie sie denken, sie müssten sie machen, damit es in die europäischen Arthousekinos passt.» Wer will es verdenken: Nollywood in Europa? So weit ist das Publikum hier noch nicht.

Immer noch sind die Filme aus Afrika von einem verinnerlichten Kulturimperialismus bestimmt, oder die Filme wurden von Weissen gedreht, die sich darin afrikanischen Themen annehmen. Das trifft teilweise auch auf die Filmreihe im Kinok zu. Regie in den vier gezeigten Filme zum 100-jährigen Jubiläum des ANC führten vier weisse Männer, zwei davon (Lee Hirsch von Amandla und Michael Henry Wilson von Reconciliation) stammen aus Amerika respektive Frankreich. Oliver Schmitz mit Mapantsula (Besprechung folgt später) und Gavin Hood mit Tsotsi sind weisse Südafrikaner. Trotzdem: sie berichten in ihren Filmen vom Leben der unterdrückten schwarzen Mehrheit in Südafrika, zu der sie nicht gehören.

Tsotsi von Oliver Schmitz, ist ein preisgekröntes filmisches Werk und basiert auf dem Roman von Harold Athol Lanigan Fugard (ebenfalls ein weisser Südafrikaner). Tsotsi holte die Publikumspreise in Toronto und Edinburgh, war für den Europäischen Filmpreis, für die British Adacemy Film Awards und den Golden Globe nominiert und gewann 2006 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Die Geschichte ist die, einer Gang, die sich zusammengefunden hat, um sich mit Raubüberfällen gemeinsam über Wasser zu halten. Tsotsi ist der mit den besonders kalten Augen, der auch nicht davor zurückschreckt, einen querschnittsgelähmten Bettler zu terrorisieren. Während eines Alleingangs schiesst Tsotsi auf eine Mutter, klaut ihr Auto und merkt erst viel später, dass er mit dem Auto, der Mutter auch ihr Baby geklaut hat.

Und schon ist die Spur gelegt, der Turningpoint, der aus dem kaltblütigen Täter Tsotsi ein Opfer seiner Geschichte macht, aus dem herzlosen Typen eine sorgenvolle Vaterfigur. Nachdem er als Kind von der Gewalt daheim geflüchtet ist und in einer Betonröhre Zuflucht fand, hat er es jetzt immerhin bis zu einem Bretterverschlag in einem Township in Johannesburg geschafft. Tsotsi sucht auf seine gewaltvoll unbedarfte Weise Hilfe für «sein» Baby bei einer jungen Mutter in seiner Nachbarschaft, die ganz nebenbei gesagt, ihren Lebensunterhalt ohne Gewalt und Kriminalität bestreiten kann. Der Film löst sich immer stärker aus seiner südafrikanischen Verortung und rutscht ins Allegorische.

Die Qualität der gezeigten Filme am Ziff in Sansibar war mehrheitlich enttäuschend, was unter anderem am neuen Direktor zu liegen schien, der Gerüchten zu folge, die Filme anstatt zu screenen anhand ihrer Texte auswählte. Aber wie dem auch sei, glücklicherweise hat er «Uhlanga» ins Festival genommen. Die junge südafrikanische Crew rockte die Preisverleihung. Sie kassierten den Preis für den besten Film und werden wohl sämtlichen Afrikanischen Filmfestivals in Europa gezeigt werden. Der Film der Autodidakten spielt in seinen Bildern – der Kulturimperialismus scheint auch hier nicht ganz von der Hand zu weisen – mit farbstarken Close-ups und einer fragilen Tiefenschärfe, aber er bewegt sich auch in Symbolen, die das europäische Publikum nicht ohne weiteres immer verstehen wird – aber wir könnten uns vom Kulturimperialismus auch lösen und mal was nicht verstehen wollen.

 

Kinok, Cinema in der Lokremise St.Gallen.
Donnerstag, 15. November, 20.30 Uhr
Sonntag, 25. November, 20 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 25 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!