, 17. Dezember 2015
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Nur die Richtungen ändern sich

Am Donnerstag veranstaltete das Solidaritätsnetz Ostschweiz zum dritten Mal die Herbergssuche in der St.Galler Innenstadt. Sie führte bis in die türkische Stadt Bingöl.

Beim Vadian in der Marktgasse, dort, wo der protzige Coca Cola-Laster Techno-Weihnachten feiert, wo mit vollen Taschen bepackte Menschen vorbeieilen und sich andere mit Glühwein in die passende Stimmung versetzen, ist der Treffpunkt der diesjährigen Herbergssuche in der St.Galler Innenstadt.

Gegen hundert Leute sind gekommen, darunter viele Refugees, aber auch Persönlichkeiten Politik, Kultur und Kirchenkreisen: Regierungsrat Fredy Fässler, Journalist Jörg Krummenacher, Clownin Joséphine François oder der Präsident des Evangelischen Kirchenrats, Martin Schmidt.

Trommeln auf den Weg

Refugees erzählen ihre «Flüchtlingsgeschichten», berichten über Rassismus in Johannesburg, über den Alltag im Asylheim und die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche. Dazu wird die biblische Geschichte der drei Sterndeuter erzählt, immer ein bisschen weiter, an jeder Station. Den Soundtrack für unterwegs liefern Mamady Cissé und Vamoussa Sylla mit traditionellen Trommelrhythmen aus französisch Guinea.

trommeln

Ganz vorne: Mamady Cissé und Vamoussa Sylla

«Wenn sie wenigstens im Takt spielen würden», beschwert sich eine Passantin, als die Herbergssucherinnen und Herbergssucher auf den Neugass-Brunnen zukommen, wo die Blaukreuz-Musik bereits auf sie wartet. Doch es passiert, was immer passiert, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen: Es dauert nur einen Moment und dann ergänzen sie sich, spielen im Einklang.

Nach dem Ständchen spricht Jörg Krummenacher. Der Journalist erinnert an die 300’000 Schweizer Auswanderer, die vor 150 Jahren in Amerika einen ähnlich schweren Stand hatten wie die Migrantinnen und Migranten in der Schweiz heute. Migration werde immer stattfinden, sagt er, «nur die Richtungen ändern sich».

«Ein Mensch kann überall zustandkommen»

Danach geht es weiter, über Schmiedgasse und Klosterplatz, bis zur letzten Station, dem Paul-Grüningerplatz, wo Serenad Erzincan ein wunderschönes Lied singt; über einen Mann, der zur Zeit des Völkermordes an den Armeniern in Bingöl, einer türkischen Stadt, seine Frau zu finden versucht.

Zum Abschluss spricht der St.Galler Sicherheits- und Justizdirektor, Regierungsrat Fredy Fässler zu den Anwesenden. Und beschliesst den Rundgang mit einem denkwürdigen Zitat aus Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen:

«Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.»

Flückiger liest Plassard

Auch Saiten hat sich dieses Jahr wieder mit einem Beitrag aus dem Erker beteiligt. Schauspieler Matthias Flückiger las Claire Plassards Gedicht aus unserem Dezemberheft über Refugees und Post-Migration. Hier der Text in voller Länge:

ihnen meine handschuhe
den liebenden

an einem heissen sommertag mit überfülltem
zug vom budapester bahnhof nach belgrad,
noch steht kein zaun, ausser um rosengärten
serbischer bahnhofshäuschen, später auf der
reise, um bosnische minenfelder, später noch,
um montenegrinische abrissbauten, keine paar
wochen vergehen um verstehen zu können,
dass ich nicht mehr primär an skizzen
einer reise denke, wenn worte wie
budapester bahnhof & überfüllte züge
fallen, keine rosen
ohne dornen der realität, die träume
zerfetzen wie stacheldraht &
grenzwächterpatronen
menschenbeine, es ist immer noch
sommer & meine
joggen unversehrt
durch eine schweizer stadt,
in der es auch zäune gibt,
nur giessen auf der anderen seite
freundinnen salate, zucchini
& was weiss ich,
ausser dass dies
einem schlechten
hiphop-­musikvideo entspringen
könnte, mit chicago bulls-­leibchen
durch maschendraht schielend,
schöne grüsse aus der wohlstandsgosse
ebendieser stadt, in der es auch
luftschutzbunker gibt,
von denen ich nichts weiss, bis mich
ein schreiben des bundes erreicht,
dass exakt 48 flüchtlinge nicht in, sondern
unter meiner strasse schlafen,
bei sonnenuntergang,
für überfüllte strassen, mit denen
die partei der lachenden sonne
herr & frau schweizer via inserat
das fürchten vor dem aussen lehrt,
werden zumindest diese 48 nicht sorgen,
nun ist schon herbst & wahlsonntag
& mal ganz ehrlich,
vielleicht ist es im interesse dieser 48,
unter der erde zu bleiben,
wenn man bedenkt, dass,
in ebendieser stadt, auf offener strasse
ein pulk neonazis einen orthodoxen juden
beschimpft & bespuckt
& dass, in ebendieser stadt,
in der nacht zum wahlsonntag
menschen in einer schwulenbar
von vermummten attackiert
& geschlagen werden, während
alle medien, zumindest die ernst
zu nehmenden, im bundeshaus
verschlafen, der aufschrei bleibt aus,
jetzt geht’s so richtig los nach dem
rechtsrutsch, sagen die einen,
nur eine bestätigung der verhältnisse
in diesem land, sagen die anderen,
aus tradition grenzen überschreiten
besagt das motto einer deutschen uni,
die des guten geschmacks erst recht,
asylheime brennen, man ringt die tage
um luft & worte, merkel
um die unterstützung europas
& eine angehende oberbürgermeisterin
um ihr leben, wer braucht
überhaupt noch zeitung zu lesen
um wissen zu können, dass der wahnsinn
nicht nur im volk von zwergen
um sich greift, von dem ein
schweizer autor schreibt, ein mann,
der das glück hat, dass man
ihn kennt, druckt & ja, wichtig,
auch noch liest, der wahnsinn
ist ein monster, das tiefer sitzt,
in den menschen drin,
es ist kalt geworden im november,
so dass es sich anerbietet, sich zu verkriechen,
zäune zu errichten & gräben zu graben,
was kann ich an dieser stelle
noch weiteres sagen, ausser dass
all meine liebe jenen gilt,
die ihr herz nicht verschliessen,
um unversehrt zu bleiben,
was will ich an dieser stelle
noch weiteres sagen, ausser dass
ihre in die winterluft gestreckten fäuste
auf meine handschuhe zählen können.

Claire Plassard, 1990 in St.Gallen, studiert und arbeitet in Zürich.
Zuletzt veröffentlicht: Steinwürfe ins Lichtaug mit Florian Vetsch (Moloko Print /Pretzien 2014).

feder

Clownin Joséphine François bei ihrer Interpretation der Sterndeuter-Geschichte

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