, 2. Juli 2016
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Nur noch ein Souvenir

Schon fast vergessen: Die Schweiz war auch an der EM. Pascal Mülchi blickt zurück und schildert die Rückkehr zur Normalität im «Schweizer Hotel» in Montpellier.

Es gab da diese Szene im öffentlichen Training am 6. Juni im Stade de la Mosson. Ganz am Ende. Die Schweizer Natispieler schiessen als Dank EM-Matchbälle ins Publikum. Ein letzter bleibt übrig: Erst jonglieren Sommer, Mehmedi, Rodriguez, Embolo und Xhaka damit. Die verbliebenen Fans hoffen natürlich auf diesen letzten Ball. Dann haut ihn Xhaka übers Tor. Der Ball gelangt nie ins Publikum.

Die Szene ist nach dem Ausscheiden an der Europameisterschaft in Frankreich doppelt sinnbildlich: das Déjà-vu mit dem verschossenen Penalty im Achtelfinal und die Tatsache, dass die Schweizer der Öffentlichkeit in Montpellier bis am Ende weitgehend fernblieben. Deshalb konnte auch kein Enthusiasmus rund ums Team entstehen.

Im Hochsicherheitstrakt

Doch das war so gewollt: Die Privatisierung des Vichy Spa Hotels und die komplette Abschottung durch ein umfassendes Sicherheitsdispositiv rund herum zeugen davon. Autogramme für Fans: ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst die Anwohner sahen die Schweizer nur hinter den Carscheiben vorbeifahren. Die Gemeinde Juvignac erliess rund um das 4-Sterne-Hotel diverse Verordnungen, «um die Sicherheit der Schweizer zu gewährleisten», wie es in einem behördlichen Beschluss hiess: Der Aufenthalt auf den angrenzenden Wiesen und die Zufahrt zum Hotel waren strikte untersagt. Ebenso das Spazieren mit Hunden ohne Leine und das Picknicken in der Naherholungszone. Einzig der Weg entlang des Flusses La Mosson blieb begehbar. Wer in die Schweizer Festung eintreten wollte, musste eine Polizeikontrolle über sich ergehen lassen.

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Marlene mit Hund Asco

Man hätte das Team gerne etwas mehr gesehen, lautete der Tenor in der Bevölkerung. Doch die Sicherheitsvorkehrungen «waren schon sehr einschneidend, vor allem für meinen Hund», erzählt Marlene, die sonst mehrmals täglich die grüne Naherholungszone nutzt. Noch geraume Zeit nach dem Abgang der Schweizer sind diverse Abschrankungen sichtbar, doch die Grünflächen sind wieder begehbar. «Ich bin froh, sind die Schweizer ausgeschieden», meint die junge Frau. «Auch wenn sie es nicht verdient haben!»

Eine Gruppe Pensionäre hat die restriktiven Massnahmen weniger gestört: «Wir sind einfach woanders spazieren gegangen», sagt Cécile. Jetzt sind sie gekommen, um Lavendel und Pflaumen zu pflücken und sich im Schatten zu erholen. Rund ums Vichy Spa Hotel ist der Alltag wieder eingekehrt. Viele sind froh, wieder ihren täglichen Gewohnheiten nachgehen zu können: spazieren, joggen oder mit den Kindern draussen spielen. Andere missen bereits die erhöhte Sicherheit, weil der Umgang mit den Sicherheitsleuten «sehr angenehm» war. Eine Familie aus dem angrenzenden Quartier La Mosson strahlt, sie kann ihre Abende wieder  hier verbringen. Mit Fussball notabene.

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Gruppe Pensionäre, Cécile (hinten links)

Die Kühe dürfen bleiben

Im Vichy Spa Hotel kommt die Maschinerie laut dem Sportverantwortlichen Gregory Anquetil «nur langsam wieder ins Laufen». «Wir hatten eine sehr gute Zeit mit der Schweizer Delegation. Es war nicht einfach sie gehen zu lassen», erzählt der Ex-Handballer. «Wir sind enttäuscht. Die Equipe hat mit Herz gespielt und hätte mehr verdient. Immerhin hinterlassen sie einen guten Eindruck.» Die Kommunikationsabteilung spricht gar vom «Schweizer Blues«, den man empfunden habe, nachdem die Nati abgereist war. Auch deshalb wurde entschieden, die Schweizer Fahnen und die Kühe, die als Dekorationen auf dem ganzen Hotelgelände installiert wurden, für den Sommer zu belassen.

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Hotel Vichy Spa, inkl. Schweizer Dekoration, die über den Sommer bleibt

Selbst wenn sich die Schweizer der Lokalbevölkerung nicht viel zeigten, die solide Performance der Nati bleibt in Erinnerung. Einerseits das Remis gegen das Gastgeberland und natürlich das Traumtor von Shaqiri. Shaq war schon vor dem Turnier der bekannteste Schweizer Fussballer bei den Südfranzosen und wird es wohl auch bleiben. Die französischen Zeitungen waren sich einig: «Das war das schönste EM-Tor» – bis dahin. Die Zeitung LeMonde rechnete der Schweiz hoch an, nie aufgegeben zu haben, und die Gratiszeitung 20min sprach von Xhaka als einem «unglücklichen Helden, der es verdient hätte, weiter zu kommen».

Die Wahl Montpelliers erwies sich laut Peter Gilliéron, Präsident des Schweizer Fussballverbandes, als «goldrichtig angesichts der Wetterkabriolen in Mitteleuropa und den Überschwemmungen in Frankreich». Das Zuhause war wie gewünscht ein Kokon: Diskretion und Ruhe waren jederzeit gewährt. Die Schweizer haben also vieles richtig gemacht. Und summa summarum ein positives Bild hinterlassen. Jedenfalls bei jenen, die von ihrem Aufenthalt etwas mitbekommen haben.

Pascal Mülchi, 1985, ist u.a. freier Journalist und passionierter Gärtner in Südfrankreich. Infos: pascoum.net. Dieser Beitrag ist bereits in der Südostschweiz erschienen.

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