, 29. August 2021
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Offene Menschen, geschlossene Grenzen

Eine halb geglückte Ararat-Besteigung, Pandemie-Grenzen und Wellen von Gastfreundschaft: Der St.Galler Kinderpsychiater Daniel Bindernagel war mit dem Landrover unterwegs in der Osttürkei. Hier sein Bericht.

Was für eine wunderbare Art zu reisen: In den letzten drei Monaten bin ich mehrheitlich jeweils für zwei bis drei Wochen begleitet worden von Menschen, die ich schon sehr lange oder erst ganz frisch kenne. Das sind sehr intensive bereichernde Begegnungen. Wirklich Zeit für einander haben, sich zuhören und etwas gemeinsam erleben: Warum muss man dafür eigentlich auf Reisen gehen?

«Summit», sagt der Führer

Zum Beispiel das Abenteuer mit Thorsten, mit dem ich den Ararat besteige. Die Pferde bringen unser Gepäck hoch auf 3000 Meter, um dort das Basislager aufzuschlagen. Ein gehörloser Kurde aus dem Dorf unten am Berg bekocht uns. Da wir kein Kurdisch können, müssen wir sowieso auf Zeichensprache zurückgreifen. Nach einem Trainingstag ist Akklimatisationstag angesagt. Wir hängen rum, haben Zeit, über das Leben und unsere Beziehungen nachzudenken und uns gegenseitig anregende Fragen zu stellen. Am Tag der Gipfelbesteigung gibt es genügend Stoff für die Nachbearbeitung.

Auf dem Ararat, am Umkehrpunkt auf 4600 Metern Höhe.

Wir brechen um 4 Uhr morgens auf, legen unsere Tourenski – ich mein Splitboard – an und ziehen los. Die Morgenstimmung und die Aussichten in die iranischen, armenischen und türkischen Ebenen und Berge sind atemberaubend, der zu bewältigende Höhenunterschied von 2150 Meter auch. Nach etwa sechs Stunden im vereisten Steilhang rutscht der Bergführer plötzlich ab und zischt circa 300 Meter den Hang hinab. Zum Glück sind wir nicht angeseilt. «Mashallah» höre ich nur noch. Von oben – den Schreck in den Gliedern – sehen wir, wie er sich nach einigen Minuten wieder aufrappelt und zu uns aufsteigt. Seine Ski sind weg. Nach einer Stunde ist er wieder bei unserem notdürftig eingerichteten, sicheren Standort und sagt «sorry». «Sollen wir weiter?» fragen wir. Ja klar, «Summit», erwidert er.

Mit Steigeisen ohne Ski und Splitboard kämpfen wir uns weiter. Ein Wind von 60 km/h peitscht uns Eiskristalle ins Gesicht. Es ist um die 15 Grad minus. Nach neun Stunden Aufstieg auf einer Höhe von 4600 Metern fragen wir ihn: «Wie lange haben wir denn noch bis zum Gipfel?» Ungefähr drei Stunden! Das kann nicht funktionieren, und wir entscheiden uns, umzukehren. Die Kraft reicht gerade noch, um bis zu den Ski abzusteigen und die Abfahrt zum Basislager anzutreten.

Beim gemütlichen Abstieg vom Basislager durch warme blühende Gefilde am nächsten Tag frage ich Thorsten: «Wie ist die Stimmung?» «Ich bin froh, dass alles heil und dran ist.» Am nächsten Tag am Ufer des friedlichen Vansee machen wir Feuer, schauen aufs Wasser und die Insel Ahtamar, reden, schweigen und säubern den Standplatz. Dann bringe ich ihn zum Flughafen und bin wieder allein.

Ibrahim will nur weg von hier

Einige Tage später kehre ich zu dem wunderschönen Kiesstrand am Vansee zurück. Ibrahim, der 20-jährige Sohn des Besitzers dieses paradiesischen Stück Landes, kommt am Abend zu meinem Lagerfeuer. Er bringt Cay in der Thermoskanne und türkische Spezialitäten. Wir verbringen einen langen Abend, hören kurdische Musik und unterhalten uns. Sobald meine Türkischkenntnisse nicht ausreichen, wird google translate konsultiert. Ich sage: Ihr habt es wunderschön hier. «Burasi cok güzel». Er: Ja, aber ich finde es furchtbar, es gibt für mich keine Perspektive, ich will weg von hier. Was soll ich darauf sagen? Ich schicke ihm zwischendurch immer mal wieder kleine Nachrichten über Whatsapp.

Fahrzeuge schaffen Kontakte.

Da ich es zu diesem Zeitpunkt nicht schaffe, nach Georgien einzureisen, erkunde ich nochmals den Nordosten der Türkei. Ich fahre ins Firtina Tal bei Ardesen. Hier gibt es einen Wildwasserfluss und zahlreiche Raftinganbieter. Alles ist zu, weil der Präsident für drei Wochen einen kompletten Lockdown verordnet hat. Touristen sind davon ausgenommen. Eine bizarre Regelung, die offenbar den Tourismus nicht vollständig zum Erliegen bringen soll. Zumindest ich habe aber bisher – bis auf Istanbul – noch nicht einen einzigen Touristen gesehen.

In einem Raftingcenter bewegt sich etwas und ich fahre auf den Vorplatz. Ein paar Personen sind am Reinigen. Offenbar bereiten sie sich auf verheissungsvollere Zeiten vor. Ich komme mit Aydin, dem Besitzer, ins Gespräch, und so ergibt es sich, dass ich die kommenden zwei Wochen hier mein Lager aufschlage. Ich befahre mit ihm den Fluss, mache Ausflüge ins Tal, das durchsetzt ist mit alten osmanischen Steinbrücken. Ich mache Wanderungen über einige Tage ins Kacgargebirge. Wir freunden uns an, ich helfe ihm beim Flicken der Schlauchboote und beim Aufstellen neuer Werbeplakate.

Tatsächlich kommen in dieser Zeit zweimal Touristen für eine Nacht auf seinen Campingplatz. Für sie breite ich den Salat, weil Aydin meine Salatsauce toll findet. Eine komplett andere Welt als in der bis anhin und auch später gesehenen Türkei tut sich hier auf: Sportlerszene. Junge Frauen – ambitionierte Raftingschülerinnen von Aydin und von Beruf Sportlehrerinnen – laufen mit Shorts oder Leggings herum, sind humorvoll und kommunikativ. Eine lädt mich zweimal in ihre Familie zum Abendessen ein. Dass ich etwas türkisch sprechen kann, überrascht jeweils und kommt immer gut an.

Kein Weg nach Russland

Derweil warte ich auf einen Bescheid aus Georgien für eine Einreiseerlaubnis als Business Traveller. Er bleibt aus. Schliesslich gebe ich auf und fahre weiter. Auch die Option, per Schiff über das schwarze Meer nach Russland überzusetzen, zerschlägt sich. Mit Thomas, meinem nächsten Begleiter, vereinbare ich deshalb, sich in der Südosttürkei in Malatya zu treffen und eine Reise durch den türkischen Teil Kurdistans anzutreten. Ich bin einige Tage früher vor Ort und finde einen schönen Stellplatz mit grandioser Aussicht auf die mit Aprikosenhainen bewirtschaftete Ebene um Malatya.

Dass sich dieser Platz auf dem Gelände einer Strassenbaufirma befindet, realisiere ich erst, als ein Securitymann am nächsten Morgen mit geschultertem Gewehr zum Fahrzeug kommt. Statt Schelte und Vertreibung lädt er mich zum Tee ein. Später gesellen sich die Arbeiter dazu. Da ihr Wohnort etwa 100 km entfernt liegt, schlafen sie die Woche über hier und haben eigens einen Koch dabei. Nun, es kommt, wie es in der Türkei kommen muss: Ich werde zunächst zum Frühstück, dann zum Abendessen eingeladen. So bleibe ich drei Tage bei ihnen. Sie interessieren sich für mich, ich mich für sie.

Als sie erfahren, dass ich Arzt bin, möchte zunächst einer, später dann fast alle Konsultationen für ihre diversen Schmerzsyndrome haben. Da muss ich als Kinder- und Jugendpsychiater ziemlich improvisieren. Ich hole Thomas am Flughafen ab, nicht ohne vorher versprochen zu haben, ihn zu später Abendstunde im Kreis der Strassenarbeiter noch vorzustellen. Natürlich bekommt er erst einmal einen Teller mit für ihn zubereiteten Speisen. Was für eine Begrüssung in der Fremde!

Die Langzeitspuren des Kriegs

Wie kommt es, dass Menschen aus anderen Kulturen so viel gastfreundlicher sind als wir? Ein sich als Atheist bezeichnender kurdischer Berufskollege gibt eine Antwort darauf: «Ein Gast ist ein Geschenk Gottes.» In seiner Wohnung in Diyarbakir können wir einige Tage unterkommen. Er schläft auf der Couch im Wohnzimmer und bietet mir sein Schlafzimmer an. Ich spüre, dass ich dieses Angebot nicht ablehnen sollte. Die Gespräche werden von Tag zu Tag tiefer, offener und persönlicher.

Wir erfahren viele Details und Auswirkungen des Krieges, den der Präsident und sein Militär 2014/2015 gegen seine «eigenen» kurdischen Bürger geführt hat. Bis auf einen ausführlichen Artikel in der Woz habe ich seinerzeit davon wenig in der Schweiz erfahren. Weil sich bei einer Wahl die Machtverhältnisse im Parlament verschoben hatten, war der Präsident nicht mehr auf die Zusammenarbeit mit der kurdischen Partei angewiesen und paktierte mit einer erzkonservativen Partei. Daraufhin brach er die Friedensgespräche mit der separatistischen Bewegung ab. Diese radikalisierte sich und nutzte jugendliche Protestkundgebungen gegen die türkische Bevormundung. Sieben Städte in der Südosttürkei waren betroffen.

In Diyarbakir sehen wir die Überreste des Altstadtviertels «Sur» zunächst nur durch einen Spalt des Blechzauns, der die Steinwüste mit teilweise im Bau befindlichen modernen Strassenzügen vom Rest der Stadt abriegelt. Ein Militärposten an einer Ecke des Geländes erlaubt uns überraschenderweise, das Territorium zu betreten und einen unverstellten Augenschein zu nehmen: teils von Bulldozern geschaffenes Brachland, Baustellen, die 7 Tage die Woche betrieben werden, und weiter hinten zerbombte Häuserzeilen und Restfassaden übersät mit Einschusslöchern. Die Tragödie ist sicht- und spürbar. Einige sagen uns, dass nicht die Strategie der separatistischen Bewegung, sondern die des Präsidenten schlussendlich aufgegangen sei. Er konnte auch unter der kurdischen Bevölkerung offenbar mehr Unterstützung erzielen. Der Kollege vor Ort arbeitet mit durch diesen Krieg traumatisierten Menschen und ist selbst immer noch dabei, die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten.

Weiter geht es nach Mardin, einer wunderschönen am Berghang gelegene Altstadt, die seit einigen Jahren von Tourist:innen aus der Westtürkei als Destination entdeckt wird. Hier kommt das erste Mal so etwas wie ein kollektives Feriengefühl auf. Das nimmt dann allerdings rasch wieder ab, je weiter wir uns nach Osten bewegen. Wir schauen uns die zwei aramäischen Klöster Deyrul Zaferan und Mor Gabriel an. Der Sekretär des Erzbischofs, mit dem wir ein wenig durchs Klosterareal spazieren, fragt uns auf rhetorische Art und Weise, als wir auf den Genozid und die Diaspora der Armenier zu sprechen kommen: «Wieso redet die ganze Welt über die Armenier und niemand über die Menschenrechte der aramäischen Minderheit?» Dies habe er auch den Schweizer Botschafter gefragt, der vor kurzem das Kloster besucht habe. Wir in Westeuropa sollten uns in Acht nehmen, denn auch wir würden die Islamisierung noch stärker zu spüren bekommen.

Schlüsselwort «Offroad»

Ausgestattet mit einer Flasche Weisswein und Olivenöl vom Klosterbetrieb ziehen wir weiter nach Osten, zunächst entlang der syrischen, dann der irakischen Grenze, die teilweise 200 Meter parallel zur Strasse als mit Stacheldraht bewehrte Betonmauer verläuft. Die Frequenz der Millitärposten nimmt zu. Cizre, Sirnak, Uludere. In Beytüssebap beginnt die Offroadstrecke nach Hakkari, die wir auf der Karte ausgemacht haben und von der wir gehört hatten, dass sie fahrbar ist. Wieder ein Checkpoint mit einer Gruppe Polizisten und Soldaten, wir kennen das schon. Das kann länger dauern. Auch hier ist der leitende Soldat sehr freundlich und interessiert. Pässe und Autokennzeichen werden fotografiert, dann telefoniert er, während wir im Unterstand zum Tee eingeladen sind. Nach einer halben Stunde heisst es erst : «not possible, terrorist region». Ich beharre auf der Strecke und lasse zufällig das Wort «Offroad» fallen. Plötzlich lachen alle und rufen «Offroad, ahh Offroad». So bizarr das klingen mag, ein Schlüsselwort als Türöffner ist gefunden und wir können losfahren.

Im kurdischen Hochland.

Was sich in den kommenden zwei Tagen an Landschaften und Menschen eröffnet, ist unbeschreiblich. Immer wieder wird uns gewunken. Wir werden zum Tee, zu Datteln oder zum Frühstück eingeladen. Die Menschen hier haben grosse Viehherden und Bienenkästen, Pferde laufen frei herum. Bei einer Gelegenheit kann ich einer jungen Frau mit sonnenverbranntem Gesicht – die Frauen bewegen sich in dieser abgelegenen Region viel freier und offener – meine Sonnencreme anbieten. Vorm Abschied finde ich in den Tiefen meiner Nahrungskiste die letzte Büchse Chili con carne vom Schweizer Militär, die ich verschenken kann. Endlich kann ich auch mal etwas geben!

Im Gespräch mit Thomas, meinem Begleiter aus St. Gallen, fragen wir uns, bewegt von der Gastfreundschaft, Offenheit und Spontanität dieser Menschen: Was können wir selbst aus diesen Erlebnissen lernen und mit nach Hause nehmen?

Dieser Beitrag erscheint im Septemberheft von Saiten.

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