Kategorie
Autor:innen
Jahr

Oh Schepenese. Zwischenbetrachtung einer vieldeutigen Aktion

Die ägyptisch-st.gallische Initiative «Lasst Schepenese heimkehren» bietet eine ungewöhnliche Vielfalt an Themen, Konflikten, Einsichten und grossartigen Möglichkeiten. Let’s move on! von Rolf Bossart
Von  Rolf Bossart , 
Die Mumie der Schepenese, Illustration aus Johann Jakob Bernets Geschichtlichen Unterhaltungen von 1829.

Offenlegen

Gute Kunst erfindet nichts. Sie weist hin, verwandelt, versetzt, zerrt hervor. Die Aktion Schepenese ist gute Kunst. Sie reisst nichts vom Zaun, sondern weist mit dem losen Zaunpfahl auf die Lücke im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Erstens wird also auf eine Mumie gezeigt, die seit 200 Jahren die öffentliche Attraktion und das heimliche Faszinosum des Prunksaals des Weltkulturerbes bildet. Zweitens auf ein Land, das uns vor allem als eine von uns erforschte Hochkultur interessiert.

Die Aktion macht nun nichts anderes, als diese zwei Dinge zu verdoppeln, indem sie sie mit einer zweiten Bedeutung versieht: Die Mumie ist plötzlich eine tote Frau, Repräsentantin eines frühen und eindrücklichen Glaubens ans Jenseits, und darüber hinaus Repräsentantin für alle toten Menschen, mit einem Recht auf würdige Bestattung. Das pharaonische Altägypten erscheint plötzlich auch als Neuägypten auf der St.Galler Bühne mit Akteur:innen, die sich schon lange auf ihre Weise mit dem beschäftigen, was aus ihrer Heimat überall auf der Welt zu besichtigen ist. Neben das Gesicht der Schepenese und neben die schweizerische Ägyptologie tritt also plötzlich Monica Hanna, eine der renommiertesten Vertreter:innen einer ägyptischen Ägyptologie.

Offenlegen – das tun auch die Grabräuber. Sie zerren heraus, was nicht offengelegt sein soll – und schaffen wichtige Erkenntnisse über die menschliche Gattung. Das Offenlegen ist also immer zweideutig. Und der etwas absurde Streit darum, wie nackt die ausgestellte Mumie nun sei, verweist insofern auf die Fragen der Enthüllung des Obszönen: Wird mit der Mumie Geld verdient? Möchte der Künstler Milo Rau nur seinen Ruhm vergrössern? Besteht sein Team aus instrumentalisierten Dummen? Wissen wir besser, was die Ägypter:innen wollen? Ist Forschung an toten Menschen gut? usw.

Die in der Debatte umstrittene Frage, ob es eine Raubgrabung war und ob Schepeneses Weg nach St.Gallen nicht wenigstens unter damaligem Recht legal war, ist zwar weniger wesentlich als es den Anschein macht, kann aber wohl auch nicht definitiv juristisch geklärt werden. Die Indizien weisen zumindest deutlich auf Raub und illegalen Erstverkauf. (vgl. Offener Brief von Monica Hanna u.a., vgl. Siegmann/Müller, Hg, Cornel Dora: Schepenese – die ägyptische Mumie der Stiftsbibliothek St.Gallen, S. 39/59)

Übersetzen und Fragen

Die St.Galler Erklärung fliegt nicht vom Himmel, sondern reiht sich ein ins lange Unbehagen, das einmal öffentlich, mal in Hinterzimmern diskutiert und wieder verdrängt worden ist – siehe z.B. die erfolglosen Bemühungen der früheren Stiftsbibliothekare Ochsenbein und Duft, die Mumie aus dem Saal zu entfernen. Dieses oft geäusserte, spontane Unbehagen, das sich auch in sämtlichen Gruselgeschichten vom Fluch der Pharaonen bis zu den Zombie-Filmen findet, speist sich aus demselben uralten, universellen Gesetz menschlicher Zivilisation, wie der Wille Antigones, ihren Bruder gegen den Befehl des Königs zu begraben, die Suche nach den Massengräbern aus dem Bürgerkrieg in Spanien, die Umbettungen der Gebeine von Königen, die Denkmäler für die unbekannten Soldaten usw.: «Die Toten brauchen einen Ort!» Die Aktion macht nun nichts anderes, als diese uralte Evidenz menschlicher Kultur zu übersetzen in den hypermodernen postkolonialen Diskurs, der ebenfalls unerbittlich auf der Frage nach dem richtigen Ort besteht.

Dass in unserer Gesellschaft, die aus staatlichem Pragmatismus und ohne den Protest der Kirchen seit Jahrzehnten alle Gräber nach 25 Jahren vernichtet, dieses Gesetz bedeutungslos erscheint, nimmt eigentlich nicht weiter wunder. Verwunderlich ist dann aber, dass man die Mumie zeigen und sehen will, verwunderlich ist auch, dass die Katholische Kirche als ihre Besitzerin, deren Glaube an die Auferstehung genauso ein Glaube an die vorher erfolgte Grablegung ist, deren Auferstehungsglaube von Anfang an durch die Legende vom Grabraub bestritten wird, deren Glaube ans leere Grab darauf verweist, dass das Leeren der Gräber eigentlich Gottes Sache ist und dass der Leib auch im Jenseits dazu gehört, davon nichts wissen will.

Sollten nicht gerade die Katholik:innen des Bistums sagen «lasst uns Schepenese zum Anlass nehmen und fragen»: Wem gehören die Toten? Welche Rechte haben sie? Wie haben wir und wie wollen wir künftig unsere Toten begraben? Wie steht es mit unserem Verhältnis zu den Reliquien? Warum fasziniert die Menschen eine Mumie, während sie immer weniger an ein sinnvolles Jenseits glauben? Warum denken wir, dass es wichtig ist, eine Mumie zu haben?

Konservierung, Konservativ, Modern

Denn es bietet sich gerade angesichts des konservierten Körpers einer vor 2600 Jahren verstorbenen Frau nicht nur die Chance über die uralten eigenen Werte und Praxen im Verhältnis zu Leben und Tod Auskunft zu geben, sondern auc es auf Augenhöhe mit den Wertansprüchen der Vertreter:innen des modernen Ägyptens und der postkolonialer Praxis zu tun: Also gleichzeitig konservativ und modern zu sein. Nichts anderes ist ja die Aufgabe der Kirche, wenn sie authentisch Jesu Botschaft vertreten will. Die Doppeldeutigkeit, die das Wort «Zurückgeben» im Zusammenhang mit der Rückgabeforderung eines toten menschlichen Körpers annimmt, bildet hierbei eine wunderbare Brücke zwischen den Diskursen: Das Begraben der Toten hatte immer den Sinn der Rückgabe, des kollektiven Eingeständnisses der definitiven Begrenztheit jeder Verfügung über das Leben.

Provinz, Diktatur, Welt

Warum ist Schepenese in St. Gallen? Weil St.Gallens Verbindungen im frühen 19. Jahrhundert offenbar über persönliche Beziehungen bis nach Ägypten reichten. Auch im frühen 20. Jahrhundert reichten St.Gallens Verbindungen bekanntlich in alle Welt, ganz zu schweigen vom Mittelalter. Sollte nicht das frühe 21. Jahrhundert dazu genutzt werden über Schepenese in einen fruchtbaren Dialog mit Ägyptens Zivilgesellschaft zu treten, die ausgestreckte Hand zu ergreifen und in einer paritätischen Arbeitsgruppe des kulturellen Austauschs gemeinsam und ergebnisoffen über die beste Ruhestätte von Schepenese nachzudenken?

Am Ende kann eine Rückgabe, ein Verbleib mit einer angemessenen Ausstellungspraxis, Kulturgütertausch, eine andere kreative Lösung und hoffentlich eine Städtepartnerschaft stehen. Denn nicht wahr, eine Zivilgesellschaft, egal ob sie wie die st.gallische unter der Provinzialisierung oder wie die luxorische oder assuanische unter einer Militärdiktatur leidet wird am wirksamsten gestärkt durch regelmässigen Austausch und stabile Kontakte in alle Welt. Hey, St.Gallen, wir sind auf der ägyptischen Landkarte kein blinder Fleck mehr, man hat uns entdeckt, wollen wir nicht stolz darauf sein?

Kolonialismus Revisited

Grosse Teile der schweizerischen Presse, ob sie den Schepenesestreit nun «unnötig» findet oder «clever», ob Kolumnistin, Kulturjournalistin oder Chefredaktor, alle spielen auf den Künstler und Theatermann Milo Rau. Er manipuliert, benutzt, inszeniert, will dies oder das, hat davon keine Ahnung, sollte doch besser usw. Er gegen alle. Niemand spricht mit den angereisten Ägypterinnen, mit der Ägyptologin Monica Hanna, mit der Filmemacherin Rabelle Erian, niemand interessiert sich für die zahlreichen anderen ägyptischen Stimmen aus leitenden Stellen in Museen und Wissenschaft, die sich in dem offenen Brief an St.Gallen wenden. Mehrfach angebotene Interviews werden ignoriert. Stattdessen weiss man sehr gut, was DIE Ägypter wollen und was sie mit der Schepenese tun werden. Wird hier nicht gerade ein koloniales Muster weiterverfolgt, das die relevanten Akteure, ob im Guten oder im Bösen immer nur in der eigenen Kultur sucht und findet?

Es gibt Wichtigeres, aber das Wichtige ist schwer zu fassen

Es gibt natürlich Wichtigeres und wir alle, die wir hier mitmachen und mitstreiten wissen das. Aber wir wissen auch, dass Erbstreitigkeit in der Familie immer Stellvertreterstreite sind, wo es um die Klärung der wirklich wesentlichen Fragen um Anerkennung und Gerechtigkeit geht. Und warum ist das so? Vielleicht, weil der direkte Weg oft verstellt ist. Vieles spricht dafür, dass das auch hier der Fall ist. Und eigentlich ist es also damit nicht anders als im Christentum: Auch Gott ist nicht direkt, sondern nur in der Vermittlung zu erfahren.

Rolf Bossart, 1970, ist Publizist und Theologe in St.Gallen sowie Mitarbeiter von Milo Raus International Institute of Political Murder (IIPM) in den Funktionen Theoriearbeit, Recherche, Herausgeber.

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923