, 19. Oktober 2020
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Ohne Hilfe droht vielen die Insolvenz

Seit Freitagnacht gilt im Kanton St.Gallen das Tanzverbot, das Nachtleben liegt lahm – und die Veranstalterinnen sind sauer auf die Regierung. Nachfrage beim Gare de Lion in Wil, beim Palace und beim Kugl.

Der Gare de Lion in Wil. (Bild: co)

Tanzverbot. Nur schon das Wort hätte es verdient, dass man es mal eurythmisch zum Ausdruck bringt. Zur Art und Weise, wie es der Kanton am vergangenen Freitag verkündet hat, findet man leider nur schwerlich einen Ausdruck. Vielen fehlten die Worte. Um 16 Uhr wurde es verkündet, um Mitternacht trat es bereits in Kraft. Und es ploppten Fragen auf: Wo beginnt Tanzen? Darf man im Sitzen tanzen? Ist mitwippen auch tanzen?

Was für einige vielleicht lustig tönt, ist für die Nachtkultur bitterer Ernst. Welche Daseinsberechtigung hat ein Club noch, wenn man zur Musik darin nicht tanzen darf? Wie soll eine Bar über die Runden kommen, wenn sie nur noch einen Bruchteil von Gästen bewirten darf, weil die meisten von ihnen normalerweise stehen?

Die St.Galler Clubs und Bars sind zurecht sauer, die IG Kultur Ostschweiz sieht «dringenden Klärungsbedarf» und hat am Samstag bereits einen Offenen Brief an die Regierungen der Ostschweizer Kantone verfasst.

Tanzverbot = Berufsverbot

Die freitägliche Pressekonferenz habe bei ihren Mitgliedern für ein riesen Chaos gesorgt, schreibt auch die städtische Kultur- und Gastro-IG NachtGallen. Es sei «ein Schlag ins Gesicht aller Veranstalter*innen, Bars und Clubs» gewesen, insbesondere die Art und Weise. Solch einschneidende Massnahmen erst ein paar wenige Stunden vor Öffnung der Clubs und Bars zu kommunizieren, sei «mehr als unglücklich» und offenbare «ein grosses Unverständnis gegenüber der Arbeit, die die Clubs und Bars in den letzten Monaten geleistet haben».

Das Bundesamt für Statistik habe eben erst vorgerechnet, welche Wirtschaftsleistung die Kultur erbringe (noch ohne Clubs und Bars gerechnet), schreibt NachtGallen weiter. «2018 umfasste der Kultursektor mehr als 63’000 Unternehmen, insgesamt 300’000 Kulturschaffende und erbrachte eine Wertschöpfung von 15 Milliarden Franken oder 2,1 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Jedes zehnte Schweizer Unternehmen gehört zum Kultursektor. Wenn man Banken und Fluggesellschaften rettet, muss man jetzt auch die Kultur vor dem Kollaps retten.»

Das Tanzverbot sei de facto ein Verbot sämtlicher Veranstaltungen. Zwar sei dieser drastische Schritt angesichts der Infektionszahlen halbwegs nachzuvollziehen, «doch wer ein Tanzverbot ausspricht, muss den Kulturveranstaltern und Clubs auch Unterstützung zusichern», kritisiert NachtGallen. Konzerte seien im Gegensatz zu Partys zwar möglich, doch werden unter diesen Bedingungen kaum Leute kommen, dass sich der Betrieb noch einigermassen lohnt. «Für die Clubs sieht es noch schlimmer aus, das Tanzverbot kommt einem Berufsverbot gleich.»

Mittlerweile sei man an einem Punkt, «wo viele Betriebe mit den alten und neuen Massnahmen vor dem Aus stehen». Clubs schliessen bis Ende Jahr sei zwar eine Option, aber das gehe nicht ohne Hilfe – «sonst haben wir 2021 niemanden mehr, der Konzerte und Partys veranstaltet, weil alle Konkurs gegangen sind». Der Kanton müsse darum nun schnell und unbürokratisch Verantwortung übernehmen und neben den Konzertlocations auch für die Clubs und Bars Ausfallsentschädigung zulassen.

Die Haupteinnahmequelle fällt weg

Ähnlich tönt es auch in Wil, im Gare de Lion. Die Show von R.A. The Rugged Man aus den USA am Samstag konnte nicht dermassen kurzfristig abgesagt werden, sagt der Medien- und Programmverantwortliche, Mike Sarbach, auf Anfrage. Zudem habe sich gezeigt, dass die Regeln «Tanzverbot» und «Konsumation nur im Sitzen» in der Praxis schlicht nicht durchzusetzen seien – «und wenn, dann nur, indem man seine Gäste vergrault oder gleichzeitig Sitzpflicht einführt, was wiederum viele gar nicht erst kommen lässt zu einer Show dieser Art.»

Die internen Leitungen laufen heiss im Gare de Lion. Als zu über 80 Prozent selbsttragender Kulturverein muss der Club Überschüsse an Partys erwirtschaften, um einerseits die laufenden Betriebskosten decken zu können und andererseits überhaupt erst Kulturveranstaltungen organisieren zu können.

«Unsere Haupteinnahmequelle fällt mit den neuen Weisungen komplett weg», sagt Sarbach. «Aktuell sieht es ganz danach aus, als müssten wir den Laden bis auf weiteres komplett schliessen.» Und mehr noch: «Falls keine finanzielle Hilfe kommt, dann droht uns die Zahlungsunfähigkeit.»

Angesichts der aktuellen Situation sei es absolut verständlich, dass Massnahmen getroffen werden mussten, sagt er, trotzdem hätte er sich vom Kanton eine klarere, sprich unmissverständliche Kommunikation gewünscht. Was auch heisst: Wenn schon solch drastische Massnahmen ergriffen werden, müsste man gleichzeitig auch Infos über Nothilfe und Ausfallentschädigungen für die Institutionen und Veranstalter kommunizieren.

«Ziemlich blauäugige Vorstellung der Regierung»

Beim Palace St.Gallen sieht es ein klein wenig besser aus als in Wil, da es nebst Konzerten und Partys auch Lesungen und Podiumsdiskussionen organisiert. Die Situation ist aber auch hier angespannt. «Es bringt finanziell schwierige Aussichten», kommentiert der Co-Programmverantwortliche Fabian Mösch das Tanzverbot. «Wir haben zwar mit neuen Massnahmen gerechnet und sind selbstverständlich auch bereit, unseren Teil zum Schutz der Bevölkerung beizutragen, aber dass die Leute an einem Konzert wirklich alle brav stillhalten, ist eine ziemlich blauäugige Vorstellung der Regierung.»

Deswegen gleich komplett schliessen muss das Palace aber nicht. «Unser Glück ist, dass wir räumlich und inhaltlich mehr Möglichkeiten haben als andere», erklärt Mösch. «Wir versuchen jetzt hoffnungsvoll zu bleiben, weiterhin neue Formen und Inhalte zu entwickeln und einen adäquaten Umgang mit allen Beteiligten zu finden.»

Trotz dieser optimistischen Haltung ist auch beim Palace die Enttäuschung über die Art und Weise der regierungsrätlichen Kommunikation gross. «Wir hätten uns eine klare Haltung den professionellen Kulturbetrieben gegenüber gewünscht. Zuerst wollte man erst am Dienstag orientieren, dann machte man es doch schon am Freitag – wenige Stunden, bevor die Betriebe öffnen und ohne Möglichkeit zur Rückfrage. Das verkennt unsere Professionalität», kritisiert er. «Wir hätten uns mehr Wertschätzung und ein klares Bekenntnis zur (Nacht)kultur gewünscht.»

Kein Bewusstsein für den riesigen Aufwand

Dieser Meinung ist auch Dani Weder vom Kugl. «Die Kommunikation seitens des Kantons war für uns ein Schlag ins Gesicht.» Im Thurgau habe man es besser gelöst, da dürfe man noch tanzen, aber mit Maske, und man habe den Betreiberinnen der Kulturlokale und Bars noch ein paar Tage Zeit gegeben, um sich vorzubereiten.

Freitagnacht war im Kugl ein ausverkaufter Event mit einem grossen Act geplant, der bereits angereist war. Gäste aus der ganzen Schweiz und aus Deutschland seien extra nach St.Gallen gekommen, sagt Weder. Nach der Pressekonferenz um 16 Uhr habe es vonseiten der Stadt geheissen, dass die Verordnung erst ab Samstagnacht gelte, Veranstaltungen am Freitag könnten noch wie geplant stattfinden. Kurz vor 20 Uhr sei er dann informiert worden, dass doch bereits um Mitternacht die Lichter gelöscht werden müssen.

«Wir waren vor den Kopf gestossen und mussten Knall auf Fall alles abbrechen. Corona hin oder her», sagt Weder, «diese Art von Entscheiden ist nicht nachvollziehbar. Niemandem scheint bewusst zu sein, was für ein riesiger Aufwand – personell und finanziell – hinter solchen professionell organisierten Events steckt.»

«Ohne Ausfallentschädigung, Mieterlass und Kurzarbeit weiss ich nicht, wie wir in der kommenden Zeit unsere Fixkosten decken sollen», sagt er. «Die erste Welle hat uns jegliches Polster weggefressen, und wir können auch schlecht neue Veranstaltungen erfinden, solange die Lage so unsicher ist. Externe Anfragen kommen zurzeit ohnehin keine rein.»

Vielleicht klappts dann auch mit dem Livestream

Kurzarbeit und Ausfallentschädigungen also. Allenfalls auch Notkredite. Die St.Galler Regierung muss handeln, wenn sich dieser Kanton weiterhin an einem wusligen Kultur- und Nachtleben erfreuen will. Bekanntlich trägt ja auch das zur Wirtschaftsleistung bei. Und auch wesentlich zur Standortattraktivität.

Und wünschenswert in Zukunft wäre auch ein professionelleres Kommunikationsverhalten – angefangen beim funktionierenden Livestream nach sieben Monaten Pandemie. Vielleicht klappt es ja morgen Dienstag um 13:30 Uhr, dann will die Regierung Stellung beziehen zu den Themen Grossveranstaltungen, Tanzverbot respektive Offener Brief der Kulturschaffenden sowie den Kontrollen der neuen Regeln im Kanton.

2 Kommentare zu Ohne Hilfe droht vielen die Insolvenz

  • Barbara Huner sagt:

    Furchtbar!

  • Chantal Vergunst sagt:

    Man könnte das Kampfflugzeug Theater neu abstimmen,ehrliche xxxxxx Erlangen!!!!
    Ich denke dann hätten wir Milliarden für sinnvolleres:
    -wie Flüchtlingen helfen
    -Kultur
    -gesundes Wasser,Erde,Luft….
    -Kultur
    -Pestizide verbieten
    —Kultur
    gesunde Tierhaltung,….
    -Kultur
    -Tierarztrechnungen mit Stiftungen mehr Transparenz und direktzahlungen
    -Kultur
    -Den Tieren ihre Hörner für immer bewilligen
    -Kultur
    -Steingärten verbieten
    -Kultur
    -Bäume weltweit retten
    -Kultur
    ………….Kultur……..Kultur

    Ohne Musik und co….wäre das Leben
    KULTURLOS

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