, 11. April 2016
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«Ohne Munition nützt so eine Waffe ja nichts»

Im Kanton St. Gallen gibt es rund 300‘000 unregistrierte Waffen – immer wieder werden sie bei Raubüberfällen, häuslicher Gewalt oder bei Suiziden verwendet. Damit weniger Waffen im Umlauf sind, führt die Polizei Sammelaktionen durch. In St.Gallen wurden am Wochenende nebst Karabinern, Sturmgewehren und Bajonetten auch Sprengstoff und ein Mini-Revolver abgegeben. von Nina Rudnicki

Ein älterer Herr legt einen Taschenrevolver auf den Tisch im Zeughaus St. Gallen. «Ich habe die Waffe vor Jahren von meinem Vater geerbt. Aber jetzt sie hat keinen Nutzen mehr und ich kenne auch niemanden, der sie haben möchte», sagt er zu einem Polizisten, der seinen Namen in ein Formular einträgt. Damit ist das Schicksal des handgrossen und wohl schon antiken Revolvers besiegelt: Er wird zusammen mit den anderen abgegebenen Waffen geschreddert.

So gut wie im Vorjahr läuft die Waffensammelaktion der St.Galler Kantonspolizei allerdings nicht. In den grauen Plastikboxen liegen erst zwei Bajonette, einige Sturmgewehre und ein Revolver. Wieso in diesem Jahr weniger Personen Gewehre, Sprengstoff und Messer abgeben, können sich die Kantonspolizisten nicht erklären.

2015 waren es insgesamt 282 Gewehre, 64 Faustfeuerwaffen, 107 Bajonette, 180 Kilogramm Munition und 20 Kilogramm Sprengstoff. Einzusammeln gäbe es laut Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei, noch viel: «In St. Gallen gibt es neben 48‘000 registrierten rund 300‘000 unregistrierte Waffen.»

Als Drohmittel und für Suizid

«Dass diese unnötigen Waffen verschwinden, ist eines unserer grössten Interessen», sagt SP-Regierungsrat und Sicherheitsdirektor Fredy Fässler, der an diesem Morgen im Zeughaus vorbeischaut. Das sei die Voraussetzung dafür, dass der Kanton sicherer werde und die Anzahl der Delikte abnehme.

Am häufigsten würden Waffen für Raub und häusliche Gewalt sowie als Drohmittel oder bei Suiziden eingesetzt. «In St. Gallen bringt sich im Schnitt einmal pro Monat jemand mit einer Waffe um», sagt Fässler. «Das kann verhindert werden.»

Regierungsrat Fredy Fässler (rechts vorne) an der Waffensammlung. (Bild: nar)

Regierungsrat Fredy Fässler (rechts vorne) an der Waffensammlung. (Bild: nar)

Die Waffensammlung läuft bereits seit eineinhalb Stunden, als ein weiterer älterer Herr mit einem blauen Ikea-Sack über den Parkplatz vor dem Zeughaus geht. Es sind sowieso hauptsächliche Senioren, die an diesem Tag ihre Waffen abgeben. «Einige werden von ihren Frauen dazu gedrängt», sagt  Polizeisprecher Krüsi. «Andere besitzen ungewollt Gewehre, Revolver oder Messer aus Erbschaften.» Und wieder andere wollten diese Aufgabe noch erledigen, bevor ihre Nachfahren sie übernehmen müssten.

Der ältere Herr hat mittlerweile eine Armeewaffe aus dem Ikea-Sack gezogen und einem der beiden Waffenexperten übergeben. Dieser zerlegt das Sturmgewehr 57 routiniert in seine Einzelteile.

Munition und Sprengkapseln

Als nächstes erscheint ein Mann, der seinen Karabiner 31 abgeben möchte. Die 31 steht wie beim Sturmgewehr 57 für die Jahreszahl des Modells. «Ohne Munition nützt so eine Waffe ja nichts, und meine erwachsenen Kinder wollen das Gewehr auch nicht haben», sagt er. Ohne grosses Bedauern füllt auch er das Abgabe-Formular aus.

Um 11.30 Uhr ist die Sammelaktion in St. Gallen abgeschlossen und die Polizisten fahren weiter zum Stützpunkt in Thal. Insgesamt sind an den beiden Orten laut Krüsi bis zum Samstagabend 18 Lang-, fünf Faustfeuer- und drei Stichwaffen sowie sechs Kilogramm Munition und 50 Sprengkapseln abgegeben worden. «Wir wollen mit der Aktion die Öffentlichkeit sensibilisieren und darauf aufmerksam machen, dass man das ganze Jahr über Waffen bei uns abgeben kann», sagt er. Dies sei selbstverständlich strafffrei. Auch unregistrierte Waffen abzugeben habe keine Konsequenzen.

 

Auch Stichwaffen wie dieses Bajonett wurden abgegeben. (Bild: nar)

Auch Stichwaffen wie dieses Bajonett wurden abgegeben. (Bild: nar)

Am Samstag, 16. April, führt die Kantonspolizei eine Waffensammelaktion in Oberbüren durch.

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