, 20. Oktober 2013
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Opern-Zombie im Theater

Richard Wagner gab es 40 Jahre lang nicht mehr am Theater St.Gallen. Jetzt gibt es den „Fliegenden Holländer“ – ein Stück, das so fragwürdig unsterblich ist wie seine Hauptfigur.

Für Opernfreunde: Das Theater St.Gallen spielt mit dem „Fliegenden Holländer“ erstmals seit Jahrzehnten wieder eine Wagner-Oper. Für „Fluch der Karibik“-Liebhaber: Hier gibt es quasi das Original zu sehen und zu hören, die Geschichte vom ewig zum Weitersegeln verdammten Geisterschiff so, wie sie das 19. Jahrhundert sich vorgestellt hat. Und für Zombie-Fans schliesslich: Die kommen in der St.Galler Inszenierung des jungen Regisseurs Alexander Nerlich voll auf die Rechnung.

Der Holländer, gespielt von Almas Svilpa aus Litauen, richtet mit zuckenden Schritten und roten Augenhöhlen im bleichen Gesicht sein Verderben auf der drehenden, fast leeren Bühne an. Die Norwegerin Senta (Anna Gabler) verliebt sich mit dem flatternden Blick der Süchtigen in den Untoten und stürzt sich am Ende zum Treuebeweis nicht von der hohen Klippe ins Meer, sondern schlitzt sich Unterarme und Hals auf. In rasenden Arien beschwören die beiden eine Liebe, die nicht den anderen, sondern nur den eigenen Tod sucht. Duette auf Distanz und ohne Blickkontakt – so spitzt die Regie bildstark zu, worum es hier geht: Zwei Todesfanatiker finden sich.

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Grosse Stimmen, ein Orchester in Hochform und herausragende Chöre unter Dirigent Modestas Pitrenas: St.Gallen hat zweifellos das Knowhow für Wagners schwelgerisches Musikdrama mit seinen leitmotivischen Ohrwurm-Melodien, das seine Uraufführung am 2. Januar 1843 am Königlich Sächsischen Hoftheater von Dresden erlebte. 1 Taler kosteten die teuersten Plätze, 8 Groschen die Sperrsitze im vierten Rang, nach vier Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt. Sechs Jahre später musste Wagner Dresden fluchtartig verlassen, nachdem die von ihm lautstark unterstützte Revolution niedergeschlagen wurde – der Anfang seines zwölfjährigen Exils in der Schweiz.

So aufwühlend die damals revolutionären Klangwogen und Motivstränge noch heute sind, so fragwürdig bleibt der „Holländer“ inhaltlich. Mag sein, dass das Thema selber unsterblich ist, dass die tötelige Parallelwelt der Vampire, Wiedergänger und Zombies uns wohlig gruselnd an unsere eigene Sterblichkeit erinnert – das spürte man jedenfalls in der raffinierten Chor-Choreographie im dritten Akt, wenn die Untoten des Geisterschiffs sich gespenstisch zu Doppelgängern der norwegischen Schiffsleute verwandelten.

Doch der Fluch dieser Wagneroper bleibt: Sie ist eine einzige zweieinhalbstündige Ekstase der Sehnsucht nach Tod und Vernichtung. Sentas angebliche Liebe nährt sich aus einem kruden Geschlechterklischee – junge Frau, ohne Mutter und mit geldgierigem Kupplervater, bringt sich um für einen alten Mann, der nur ein „Heil“ kennt: endlich sterben zu können. Was diese lebensfeindliche Ideologie (die Wagner später für die Nazis so attraktiv machte) heute auf der Bühne soll, bleibt in St.Gallen unbeantwortet.

Diverse Vorstellungen bis Januar 2014. Bilder: Theater St.Gallen/Andreas J.Etter

1 Kommentar zu Opern-Zombie im Theater

  • Susann Romer sagt:

    Danke, Peter, für deine pointierte Kritik an der Première von „Der fliegende Holläner“. Zwar hat mich die Musik in den Bann gezogen und die Stimmen mich berührt, doch hat die Geschichte an sich etwas abgehobenes und befremdendes. Was du in Deinem Text wiedergibtst, fasst in Worte, was ich so oder ähnlich empfunden habe. Toll, danke.

    Liebe Grüsse und bis zum nächsten Mal.

    Susann

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