, 25. Oktober 2018
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Ort in Verhandlung

Damian Hohl verlässt nach bald zwölf Jahren als Programmverantwortlicher das St.Galler Konzert- und Debattenlokal Palace. Ein Gespräch über die fehlende Neugier beim Publikum, Konzerte für fünf Leute und die Kunst, am Puls der Zeit zu bleiben.

Damian Hohl, 1985, hat Kulturmanagement studiert und arbeitet noch bis Ende Oktober im Palace. (Bild: co)

Saiten: Damian, wie müssen wir uns deinen Tag im Palacebüro vorstellen?

Damian Hohl: Sehr unterschiedlich. Ich – besser gesagt wir – machen ja nicht nur das Programm, sondern leiten auch einen Betrieb. Ich erledige also auch administrative Arbeiten, beantworte Anfragen oder koordiniere den Einsatzplan.

Und hörst ständig die neuste Musik.

Ja, eigentlich den ganzen Tag lang. So versuche ich eine Art Vorauswahl zu treffen, die wir dann in der Programmgruppe besprechen. Ausserdem kommuniziere ich fast täglich mit diversen Agenturen und Managements, um die Detailplanung für die Konzerte zu machen. Manchmal kommt noch ein Getränkelieferant oder ein Elektromonteur – und ich habe natürlich regen Kontakt mit den anderen etwa 50 Mitarbeitenden des Palace. Kurz, es ist auch tagsüber viel Leben in der Bude.

Nach bald zwölf Jahren als Programmverantwortlicher verlässt du nun Ende Oktober das Palace. Traurig?

Trauer finde ich ein zu starkes Wort, Wehmut wäre vielleicht passender. Aber es ist schon ein emotionales Wellenbad, klar – obwohl ich mich natürlich freue, auf das, was jetzt kommt.

Wie hat sich das Palace über die Jahre verändert?

Einerseits hat sich natürlich das Haus stark verändert – vom Probebetrieb zu einem schweizweit etablierten Konzerthaus –, andererseits auch die Rahmenbedingungen, sprich Stadt und Gesellschaft. Heute wird ein Konzertlokal unter ganz anderen Voraussetzungen betrieben als noch vor acht oder zwölf Jahren.

Zum Beispiel?

Das Freizeitverhalten hat sich stark verändert, aber auch das Kulturangebot vervielfältigte sich. Der musikalische Hunger wird heute nicht mehr unbedingt beim Entdecken einer unbekannten Band im Stammclub nebenan gestillt, sondern zum Beispiel mit einem unkomplizierten Städtetrip zum Konzert einer Lieblingsband. Und es sind auch die grossen globalen Themen wie Digitalisierung, Medienkrise, Mobilität oder Migration. Das alles wirkt sich auch aufs Palacebetrieb aus bzw. auf das Programm.

Ihr veranstaltet nebst den Konzerten auch Lesungen, Diskussionsrunden, Filmabende und vieles mehr – das Geheimrezept für einen zeitgenössischen Kulturort?

Unbedingt. Da hat das Palace auch einige Dinge vorweggenommen, denke ich. Der Zuspruch für die Erfreuliche Universität zum Beispiel ist seit Jahren sehr gross. Unser Programmmix ist ein sehr taugliches Modell, wie man sich auch als Konzertlokal ins Zentrum gewisser zeitgenössischer Fragen stellen kann.

Das Palace ist bekannt für musikalische Bijoux, auch wenn manchmal nur zehn oder zwanzig Leute kommen. Manche sagen, es sei «zu progressiv» für eine Stadt wie St.Gallen. Was entgegnest du?

(lacht…) Dass das teilweise wohl stimmt. Es war ja immer unser zentraler Anspruch, ein progressives Programm zu machen, gerade auch im musikalischen Bereich. Vieles, das künstlerisch ein bisschen unbequem ist, geht heute leider unter, wird an den Rand gestellt. Wir können und wollen es uns leisten, ab und zu Konzerte für nur eine Handvoll Leute zu machen. Aber es ist schon manchmal ein Kampf, weil dann schnell die Frage nach der Daseinsberechtigung kommt, nicht nur von aussen, sondern auch bei uns Programmverantwortlichen. Kommt hinzu, dass dieser inhaltlich hohe Anspruch von aussen auch als Eintrittshürde wahrgenommen werden kann. Das versuchen wir aber mit anderen Konzerten und Programmpunkten, die ein breiteres Publikum ansprechen, auszugleichen.

Du sprichst vom «Gerücht», dass das Palace «zu elitär» oder «zu abgehoben» sei…

Das hat auch mit dem Raum zu tun. Er ist zwar schön und einmalig, teilweise aber etwas schwierig: Mit den Kinosesseln und der starken Ausrichtung auf die Bühne hat es schon hin und wieder etwas von Frontalunterricht – was natürlich alles andere als zeitgemäss ist für ein Kulturlokal mit all den gefragten Ansprüchen an Interdisziplinarität und Partizipation. Diese «Logik des Hauses» versuchen wir aber immer wieder zu durchbrechen. Beim Konzert von Joasihno etwa befanden sich Band und Publikum auf der Bühne, der Vorhang war zu, der Einlass erfolgte über die Kellerräume. Auch wollen wir ein offenes Haus sein: Fast die Hälfte unserer Angebote ist kostenlos, wir machen immer noch viele Tanzveranstaltungen und haben seit zwölf Jahren keine Türsteher. Für mich ist das nicht abgehoben.

Immer wieder beklagen sich Clubbetreiber, dass die Gäste zunehmend wegbleiben. Wie schätzt du die Situation in der Stadt ein?

Wir würden uns wünschen, dass das Publikum wieder neugieriger wird. In den letzten Jahren hat man schon gespürt, dass die Bereitschaft, sich mal zwei Stunden Musik auszusetzen, die man vielleicht noch nicht kennt und unter Umständen einige Konzentration beansprucht, gesunken ist. Das ist schade. Wir bekommen im Palace zudem seit Jahren stark zu spüren, dass viele unserer potenziellen Gäste die Stadt studien- oder berufsbedingt verlassen.

Man setzt als Konzertveranstalter also lieber auf das Bewährte und holt dieselben Rapper noch ein fünftes und sechstes Mal, statt etwas Neues zu wagen.

Für die anderen kann ich nicht sprechen, aber wir im Palace strecken uns schon auch nach dem Machbaren. Oder wir überlegen uns zweimal, ob wir dieses oder jenes Konzert wirklich veranstalten. Schlussendlich müssen halt auch die Zahlen stimmen. Zudem ist es nicht gerade angenehm, sich gegenüber den Künstlerinnen oder dem Management für ein zu kleines Publikum rechtfertigen zu müssen.

Auf Wiedersehen, Adios und Au revoir – das grosse Stimmungsfass mit Überraschungsgästen:
27. Oktober, 22 Uhr, Palace St.Gallen.

Damians «Maximum Extended Palace Love»-Playlist aus 12 Jahren mit 288 Songs: hier.

Das Palace ist auch eher harzig in die letzte Saison gestartet, konnte sie aber dank grossen Konzerten von Faber, Crimer, Danitsa und Züri West doch noch sehr erfolgreich beenden. Zufrieden mit diesem «Mittelweg»?

Ja. Diese Konzerte wurden zuvor in der Programmgruppe zwar auch kontrovers diskutiert, aber schlussendlich ist es immer auch ein Abwägen zwischen eigenem und öffentlichem Interesse. Wir konnten jedenfalls hinter allen unseren Konzerten stehen. In diesem Zusammenhang muss man auch sehen, dass sich die Funktion eines Bookers verändert hat in den letzten Jahren. Als Programmverantwortlicher habe ich heute nicht mehr die starke Filterfunktion wie noch vor sieben oder acht Jahren. Heute, wo alles jederzeit und überall verfügbar ist, herrscht ein viel demokratischeres Verständnis dessen, was öffentliches Interesse generieren soll oder nicht.

Deine Nachfolger sind Fabian Mösch und Johannes Rickli. Wäre es nicht höchste Zeit für eine Frau an der Spitze des Ladens?

Auf jeden Fall! Wir sind uns auch durchaus bewusst, dass in der Genderfrage ein Ungleichgewicht herrscht.

Zumindest in der Organisation, das Palaceprogramm ist diesbezüglich progressiver.

Genau. Und wir finden es wichtig und richtig, dass sich die Genderfrage auch in der Struktur niederschlägt. Zum Anstellungsprozess kann ich nicht viel sagen, da ich nicht involviert war, aber ich weiss, dass es ein sorgfältiger Prozess war und das Kriterium Gender mit berücksichtigt wurde. Schlussendlich ging die Stelle an die Person mit den Fähigkeiten, die am besten zum Jobprofil passten.

Was wünschst du dem Palace und seinem neuen Team?

Ich wünsche Fabian, Johannes und all den anderen, die sich im Palace engagieren, dass die Bude weiterhin lebendig und «ein Ort in Verhandlung» bleibt. Dass sie am Puls der Zeit bleiben, sowohl künstlerisch als auch in gesellschaftlichen Fragen. Und wie schon gesagt, wünsche ich dem Palace wieder ein neugierigeres Publikum.

Hast du Wünsche an die Stadt?

Ohne die Unterstützung von Stadt und Kanton könnten wir gar nicht arbeiten. Insofern ist das Palace momentan gut aufgestellt. Ich würde mir aber wünschen, dass man die Rahmenbedingungen der Kulturschaffenden generell etwas genauer anschaut. Nach dem kulturellen Aufbruch vor fünf bis zehn Jahren scheint man sich heute etwas auf dem Erreichten auszuruhen. Das hat auch damit zu tun, dass die öffentlichen finanziellen Mittel im Moment eher knapp sind, vor allem für die freie Szene und die kleineren Kulturinstitutionen. Auch fehlen Strukturen, mit denen man Kunst- und Kulturschaffende zeitgemäss fördern kann. Man muss mehr in Plattformen und Netzwerken denken – und etwas wegkommen von der Raumdiskussion.

Zum Schluss darfst du dich noch outen: Was hörst du privat, das du nie auf die Palace-Bühne lassen würdest?

(lacht…) Da müsste ich länger studieren! Auf Anhieb kommt mir Lana Del Rey in den Sinn. Die meisten anderen sind tot.

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