, 7. August 2018
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Ortstermin beim Klimawandel

Buchen werfen ihre Blätter ab, Bachforellen sind im Hitzestress, Turbinen stehen still, Forst- und Wasserbehörden rotieren: Eindrücke vom real existierenden Klimawandel – am Dienstag morgen beim Steinigen Tisch ob Thal.

Grossaufmarsch der Ostschweizer Medien auf dem Parkplatz an der Staaderstrasse: Es scheint tatsächlich, als wäre man gerade «bi öppis Grossem debii», wie in Manuel Stahlbergers Lied vom «Klimawandel».

Um diesen geht es denn auch an der Medienorientierung des Kantons St.Gallen: Das Kantonsforstamt, das Amt für Natur, Jagd und Fischerei und das Amt für Wasser und Energie haben ihre Fachleute aufgeboten, um über die aktuelle Trockenheit und ihren Zusammenhang zur Klimaerwärmung zu informieren.

Klimaverlierer und -gewinner

Diese spürt man nicht nur auf der Haut, sondern man sieht sie. Auf dem Weg liegt das Laub wie im Herbst. An der südexponierten Krete trocknen die spärlichen Buchen, einige Meter weiter nördlich ist der Wald höher gewachsen und noch mehrheitlich grün. Die Buche, erklären Maurizio Veneziano und Jörg Hässig vom Forstamt, gehört zusammen mit der Fichte zu den Verlierern des Klimawandels. Kiefer, Eiche und andere hitzeresistentere Bäume halten sich besser.

Wie im Herbst: Buchenlaub auf dem Steinigen Tisch.

Der Klimawandel, wie ihn die Fachleute nennen, weil neben der Erwärmung auch noch andere Faktoren entscheidend seien, dieses Jahr insbesondere die Trockenheit, aber auch das jeweilige Mikroklima – der Klimawandel ist für die Experten des Kantons keine Ansichtssache, sondern Tatsache. Seit 30 Jahren rede man davon, sagt Veneziano, der beim Forstamt für das Thema zuständig ist; man kenne die Ursachen, allen voran den Ausstoss von CO2, und die Frage sei heute: Wie können wir den Wald fit machen für die prognostizierten heissen und niederschlagsarmen Zeiten?

Eine Antwort sollen Testpflanzungen liefern. Koordiniert vom WSL, der Bundesanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, sind gesamtschweizerisch rund 50 Pflanzungen geplant – noch dieses Jahr sollen die Reviere ausgewählt werden. Der Wald, sagt Veneziano, werde tendenziell höher wandern. Die Buche, heute bis etwa 900 Meter über Meer wachsend, könnte bis 1400 Meter steigen und dafür in den trockenen tieferen Gebieten verdrängt werden von Eiche und anderen Baumarten.

Das Zauberwort zum Klimawandel heisst für die Waldexperten: Biodiversität. Je variantenreicher die Baumpopulationen, umso stärker ihre Reaktionsfähigkeit auf Veränderungen. Und umso besser die Voraussetzungen für eine ebenso vielfältige Tierwelt.

Fitnessprogramm für den Wald: Maurizio Veneziano.

«Südländische» Klimabedingungen, bisher im Kanton St.Gallen einzig am Walensee vorhanden, dürften sich gemäss den Szenarien des Bundes auf weitere Gebiete im Kanton ausweiten. Damit wird zum einen die Waldbrandgefahr steigen – zum andern sei die Frage, wie sich nicht nur die Bäume, sondern auch die Verwaltung wappnen könne. Dafür erstellt der Kanton, wie Jörg Hässig sagte, zur Zeit eine «Defizitanalyse», beispielsweise dazu, ob es für abgelegene Gebiete mehr Wasserreservoirs bräuchte.

Bäche trocknen aus

Seit April fehlen rund 300 Millimeter Niederschlag. Seit 110 Jahren war es in der Ostschweiz nie so trocken wie jetzt, hinzu kommt die Hitze – «hätten wir nicht einen so schneereichen Winter gehabt, dann wäre hier alles braun», sagt Urs Arnold, beim Kanton für die Oberflächenwasser zuständig.

Sein Telefon läuft im Moment heiss – von Gemeinden bis zu Sportvereinen tauchen Fragen auf, wo gewässert und wo noch Wasser entnommen werden darf. Kleingewässer, sagt Arnold, sind zur Zeit tabu, ein Entscheid «zugunsten der Fischerei und der Ökologie». Ausgenommen vom Wasserentnahmeverbot sind aktuell der Alpenrhein, die Binnenkanäle im Rheintal, Flüsse wie Seez und Linth sowie Walensee, Obersee und Zürichsee.

Kaum noch Lebensraum für Fische: Der Steinlibach.

Der Wassermangel bringt mit sich, dass auch der Grundwasserpegel sehr tief liegt. Um dies zu kompensieren, wären längere Landregen nötig. Kurze, auch heftige Gewitter wie lokal letzte Nacht lassen zwar die Wasserstände kurzfristig steigen, aber nachhaltig sind sie nicht. Diverse Flusskraftwerke, Schwänberg, Kubel und andere haben ihre Tätigkeit eingestellt.

Fische im Stress

Die tiefen Wasserstände und warmen Temperaturen machen allen voran den Fischen zu schaffen. Christoph Birrer, Herr der Fische im Kanton, erläuterte am mager fliessenden Steinlibach oberhalb Thal den Stress, dem die Fische bei Wassertemperaturen über 20 Grad ausgesetzt sind. Ab 22 Grad fressen Bachforellen kaum noch, ab 25 Grad geht es ums nackte Überleben, für die Fische, aber auch für Krebse und Kleinlebewesen. Der Steinlibach war am Montagabend, vor dem kleinen Gewitter, 27 Grad warm.

Kein Klima für Fische: Christoph Birrer.

Im Rhein sterben bereits viele Aeschen. Noch etwas besser steht es um die Thur, dem Standort einer Aeschenpopulation von nationaler Bedeutung, wie Birrer sagte – ob sie die aktuelle Hitze gut überstehe, sei noch unklar. An zahlreichen Stellen mussten Fische abgefischt und in andere Gewässer umgesiedelt werden. Informationen zu den Flusstemperaturen finden sich hier, eine Grafik zur Thur hier.

Eins hängt mit dem andern zusammen

Fazit der Wald- und Wasserspezialisten: Klima ist ein komplexes Phänomen. Die Natur ist es auch. Waldgesellschaften haben, wie Bach- und Seemilieus, ihre teils lokalen Eigenheiten. Deshalb seien Prognosen nicht leicht zu stellen und Verallgemeinerungen problematisch. Sicher sei aber: «Man muss die Situation ernst nehmen.»

Der Kanton setze nicht auf Panikmache, sondern auf Information. Und diese heisst zur Stunde: Das absolute Feuerverbot bleibt bestehen. Und die Bevölkerung wird aufgerufen, sparsam mit Wasser umzugehen. Für Freitag ist Regen angesagt – die Trockenzeit geht aber weiter, gemäss Prognosen bis zum 20. August.

 

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