, 21. April 2016
keine Kommentare

Ost-West-Krusten

Dialekte aus der Ostschweiz rangieren ganz oben auf der Unbeliebtheitsskala. Der «Beobachter» erklärt, was das mit dem Eisernen Vorhang und mit Rap zu tun hat (oder auch nicht).

Good old days: Big Poppa und Tupac waren 1994 noch zusammen im Studio. Drei Jahre später waren beide tot. (Bild: hip-hop-music.wikia.com)

«Rapper aus dem wilden Schweizer Osten mischen heute ganz vorn in der hiesigen Hip-Hop-Szene mit. Unbeliebter Dialekt inbegriffen.» Das vermeldet der «Beobachter» Mitte April. Mit «unbeliebt» sind die Thurgauer-, die St.Galler- und die Rheintaler-Schnorren gemeint.

Berner Rap sei beliebter als beispielsweise der Thurgauer – einen «Dialekt-Faschismus» gebe es aber nicht, versichert SRF-«Bounce»-Moderator Pablo Vögtli dem Journalisten. Wenn einer gut rappe, sei es egal, in welcher Sprache er das tue.

Wahrgenommen wird der Osten trotzdem kaum, schiesst Rapper und Saiten-Kolumnist Khaled Aissaoui alias Esik zurück – obwohl die Ostschweiz «eine sehr lebendige Hip-Hop-Szene mit vielen jungen, coolen Talenten» habe.

So weit so harmlos. Danach wirds grotesk: Mit dem Klang des Dialekts habe das wenig zu tun, sagt Martin Hannes Graf auf die Frage des «Beobachters», wieso die Ostschweizer Dialekte mitunter zu den unbeliebtesten gehören.

Graf ist aus dem Thurgau und Sprachwissenschaftler. Er glaubt, dass «historische Gründe» dafür verantwortlich sind: «Regionen im Osten einer Stadt oder eines Landes haben traditionell einen eher schlechten Ruf», sagt er. «Das East End ist selten der vorzeigbarste Teil der Stadt.» Spätestens seit dem Kalten Krieg sei klar: «Was aus dem Westen kommt, ist gut, der Osten ist böse.»

Wow. So viel Dummfug auf so wenig Zeilen! Und das von jemandem, der am Schweizerischen Idiotikon mitarbeitet – jenem Dialekt-Wörterbuch, das zu den umfangreichsten im deutschen Sprachraum gehört und die regionalen Sprachunterschiede bis ins späte Mittelalter zurückverfolgt.

Das East End. Ursprünglich waren damit die prekären Bezirke Londons gemeint. Mittlerweile gilt es als «Synonym für sozial unterprivilegierte oder Arbeiterviertel». Sagt Wikipedia. Ich sage: Das East End ist überall. Von Bern aus gesehen, liegt Tsüri auch im Osten.

Viel wichtiger ist aber: Rap hat nicht nur seinen Ursprung in Ghettos und Abbruchhäusern, er könnte auch east-endiger gar nicht sein! Ja, genau: Rap wurde an der East Coast erfunden, nämlich in New York. Die West Coast kam erst danach. Sagen die Fachleute.

Als geschichtsbeflissener Sprachwissenschaftler muss man das natürlich nicht unbedingt nicht wissen. Vermutlich ist es auch besser so. Sonst wäre Herr Graf womöglich noch auf die Idee gekommen, dass der Ost- West-Graben im Schweizer Rap auf den berüchtigten Beef zwischen Biggie Smalls (East Coast) und Tupac (West Coast) zurückzuführen ist.

Dann die Sache mit dem Kalten Krieg … Glaubt er ernsthaft, dass sich die Rap-Fans heutzutage noch um irgendwelche Vorhänge scheren? Sorry, aber die Zeiten, in denen man sich die Dinge noch so einfach machen konnte, sind mindestens seit Vorgestern vorbei.

Der Westen ist genauso bös wie der Osten gut und Entwicklungshilfe nachhaltig ist. Mit Sprache beziehungsweise Dialekt hat das wenig zu tun. Höchstens mit verkrusteten Weltanschaungen. Get over it.

Nimm das, Westen, und lern was über Vielfalt:

Mehr von Esik: hier. Und falls jemand noch nichts vor hat am Wochenende: Doppia Erre beehrt wiedermal die Tankstell, am Freitag, 22. April, um 20 Uhr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!