Sebastian schwärmt von den Adamiten, Roman versteht Dolomiten: Das gehört zu den billigeren Pointen im rasanten verbalen Schlagabtausch, den das Stück bietet. Kurze Irritation inklusive – ist der vor zwei Jahren uraufgeführte Text des deutschen Autors st.gallisch aktualisiert worden, fragt man sich, als Sebastian in die Runde wirft: Ihr wisst, was «kks» bedeutet? Einige Lacher im Publikum, kurz darauf wird klar: Nicht von «kks», der St.Galler Ständerätin war die Rede, sondern von «kkf». «Kniekehlenfick», triumphiert Oliver Losehand, das ist nicht wahnsinnig lustig, aber es passt zu seiner Figur des abverheiten Kulturhistorikers Sebastian, der die Fäden in dem Stück so zieht, dass es einem zugleich lachend und elend zumute ist.
Das ist die Qualität dieses Stücks: Es stellt ernste Fragen an den Zustand unserer Paarbeziehungen und unserer aus den Fugen geratenen Welt – aber auf eine lockere, komödiantische Art, so dass man am Ende des Abends nicht gleich zur Scheidungsanwältin rennt, sondern sich gut amüsiert hat und einen Rest Nachdenklichkeit mit nach Hause nimmt.
Knatsch im «Bewusstseinszimmer»
Kalhammer-Löw, Wiedemer, Dengler und Losehand (von hinten). Bilder: Tine Edel
Die Konstellation ist denkbar einfach: Hannah und Sebastian wollen Wohnung tauschen mit Roman und Magdalena. Beziehungsweise: Hannah will, Sebastian will auf keinen Fall. Vier Personen, zwei Paare, vier ziemlich überzeichnete Gegenwartstypen, zwei unglückliche Ehen – die Katastrophe zeichnet sich von den ersten Sätzen an ab. Hannah, überorganisierte Zen-Lehrerin für gestresste Banker, passt wie die Faust aufs Auge zu Sebastian. Dieser, Büchernarr und Fortschrittshasser, will weder aus seiner Bibliothek (seinem «Bewusstseinszimmer») heraus noch in Zürich das von Hannah minutiös eingeplante Kind zeugen.
Dafür funkt es auf Anhieb mit Tiertherapeutin Magdalena, die mit ihm ein inniges Flair für «russische Melancholie» (und Alkohol) teilt. Hannah blüht ihrerseits mit Roman auf, dem rasenden Informatiker, der an einem revolutionären Satellitenprojekt beteiligt ist – dabei aber selber beruflich auf der Abschussliste steht.
Reichlich Klischees demnach, aber auch dankbares Material für Regisseur Roland Koch und sein versiertes Schauspieler-Quartett. Diana Dengler verleiht ihrer Figur dabei am meisten Doppelbödigkeit. Und hat grosse Szenen, wenn sie den hinkenden Gang der Stute von Starreiter Schockemöhle imitiert oder die Revolution gegen die Kältetherapie ausruft. Showtime auch für Tim Kalhammer-Löw am sternenübersäten Nachthimmel: Alle Welt soll verbunden und vernetzt werden dank seiner ingeniösen Erfindung – aber mit der eigenen Gemahlin connected es ebensowenig wie mit Hannah, als diese ihm an den Hosenladen geht. Eine Schau- und Hörlust sind Oliver Losehands Wutausbrüche und wortreichen Theorien zur «hochherzigen» Befriedung der Menschheit mittels Kopulation. Etwas blutleer wirkt dagegen Monika Wiedemer in der (allerdings undankbaren) Rolle der makel- und humorlosen Hannah.
Kritik am «Projekt Liebe»
Showdown im Ehekrieg: Tim Kalhammer-Löw mit Knarre.
Was nimmt man also mit aus diesem Stück? An diesem Mittwoch, bei der dritten Vorstellung, sassen gestandene Paare neben Jugendlichen im halbvollen Saal – mit vermutlich ganz unterschiedlichem Fazit.
Im Programmheft wird der Autor mit dem klugen Satz zitiert, «dass wir heute lieben und gleichzeitig eine Erosion des anderen vornehmen». Jeder seine eigene Ich-AG, in der die Liebe nur noch als Projekt, aber nicht als «Drama und Gefährdung» vorkommen darf: Diese Zeitdiagnose leben die ebenso liebesbedürftigen wie -behinderten Gestalten in der Lokremise vor, auf einer Bühne (von Hugo Gretler), die sinnigerweise halb Laufsteg und halb Rundgefängnis ist.
Eine der gewichtigeren Fragen im leichtgewichtigen Stück heisst: «Kann man zusammenbleiben, wenn man sich die Wahrheit sagt?» Die Antwort fällt desillusionierend aus: Ob gesagt oder verschwiegen – wo die Liebes-Wahrheit so trist ist, gibt es kein Zusammenbleiben. Was die vier Ritter von der traurigen Gestalt am Ende dann auch mit einem Knalleffekt in die Tat umsetzen.
Lokremise St.Gallen, weitere Vorstellungen bis 27. September. theatersg.ch
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.