, 6. Mai 2015
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Pariser Charme und eine Klosteraufhebung

«Vom Lustgarten ins Paradies» – die Affiche der 6. Jahresausstellung der St.Galler Denkmalpflege im Rathaus greift etwas hoch. Aber falsch ist sie nicht.

 

Vorgestellt werden St. Leonhard, Vonwil und Paradies – Stadtquartiere, die vom Strassen- und Eisenbahnverkehr zwar arg zerschnitten und beschallt sind, aber einen Teil ihres Charakters bewahren konnten. Die Lustgarten- und auch die Paradiesstrasse sind nach wie vor da, hingegen sind die üppigen Gärten und der erholsame Kurbetrieb, die zu den Namen inspirierten, längst verschwunden.

Im Clinch der Kirchen

Die Ausstellung zeigt mit Fotos und kurzen Texten, was nicht mehr existiert und was erhalten werden konnte. Katrin Eberhard, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Denkmalpflege die Ausstellung konzipiert hat, führte an der Vernissage mit einem Tour d’Horizon durch mehrere Jahrhunderte der Quartiergeschichte zwischen Leonhardsbrücke und Burg Waldegg an der Bogenstrasse. Was in den drei Quartieren auffällt: Es sind viele städtebauliche Ensembles aus vergangenen Zeitaltern erhalten geblieben. Das ist nicht zuletzt auch das Verdienst der städtischen Denkmalpflege, die seit den 1980er-Jahren als Fachstelle wirkt.

Am Anfang stand in den drei über Jahrhunderte gewachsenen Quartieren die St.Galler Tuchgeschichte mit den Bleichen. Die freie Talsohle wurde allmächlich zugebaut. Zuerst entstand das Kloster St.Leonhard, dort wo heute die gleichnamige Brücke und die stillgelegte protestantische Kirche ist. Die Anlage, die auf eine Feldklause im 12. Jahrhundert zurückging, umfasste ein langgezogenes mittelalterliches Schwesternhaus, eine Kirche und einen Friedhof. Das alles stand auf einem kleinen Hügel, der heute weitgehend abgetragen ist. Weiter westlich wurde 1474 die Burg Waldegg errichtet, die 1901 abbrannte und wieder im gleichen Stil aufgebaut wurde.

Die Entwicklung der Quartiere lief bereits im 15. Jahrhundert an. Mit der wachsenden Bevölkerung während des Stickereibooms im 19. Jahrhundert erfolgten die prägendsten baulichen Schübe. Das Leonhardskloster, das durch die Reformation aufgehoben worden war und danach die verschiedensten Nutzungen erlebte – ab 1803 auch als Erziehungsanstalt –, wurde um 1900 abgebrochen. 1901 entstand auf einem Teil des früheren klösterlichen Areals die Leonhardsbrücke. Zuvor wurde die protestantische Leonhardskirche erbaut (1885-87). «Die Brücke war der stärkste Eingriff», sagte Eberhard. «Die Kirche, welche zuvor die Leonhardsstrasse als Eckpunkt beherrschte, wurde damit abgeschnitten.»

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1922: Turner auf der Kreuzbleiche

Pariser Charme

Die Bauten aus der Stickereizeit, vor allem die Wohnquartiere, verströmen noch heute Pariser Charme. Für St.Gallen sind sie in ihrer baulichen Grosszügigkeit, ihrer Anordnung und Eleganz etwas Besonderes und mit Strassenzügen in der französischen Metropole durchaus vergleichbar. Rund um die einzige unüberbaute Bleiche, die Kreuzbleiche, entstanden ab den 1870er-Jahren die Bauten des Waffenplatzes: die Kaserne, das Zeughaus, das Magazin, die Reithalle und die Militärkantine. Kaserne und Magazin sind 1981 abgerissen worden.

Identitätsbildend für die Quartierbewohner waren die Brauerei Uhler mit der «Concert- und Trinkhalle», die 1889 erbaut und 1977 abgebrochen wurde, und das 1881 erbaute Hotel-Restaurant St.Leonhard. 1966 brannte der Dachstock aus, danach fiel die Baute der Abbruchkugel zum Opfer. Die Kreuzbleiche diente der Olma als Geburtsstädte. 1927 stellte hier die damals noch sehr lokale Gewerbeausstellung ihre Zelte auf.

Die Reformation vertrieb selbstbestimmte Frauen

Das Leonhardsquartier lag lange Zeit im Fokus der Kirchen. Kaum hatten die Protestanten ihre Kirche erbaut, wollten die Katholiken als Pendant ihr Gotteshaus daneben stellen, errichteten es dann aber als Otmarkirche im Vonwil, um den religiösen Frieden nicht zu stören.

Keinen Frieden fanden die Frauen, die das Kloster St.Leonhard gründeten und mehr als 200 Jahre lang betrieben. Sie waren sogenannte Beginen. Die Bewegung entstand im Mittelalter europaweit und zog vor allem selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen aus den unteren Gesellschaftsschichten an. Sie führten entweder als Klausnerinnen oder in kleinen Gemeinschaften ein stark religiös bestimmtes Leben, gehörten aber keinem Orden an und leisteten auch kein klösterliches Gelübde. Die Kirchenoberen, so auch die St.Galler Fürstäbte, versuchten die Beginen unter Kontrolle zu bringen, in dem sie ihnen Ordensregeln auferlegen wollten. Einige nahmen dann auch die Ordensregeln der Franziskaner an. Die Frauen wurden der Ketzerei und der Häresie beschuldigt und von der Inquisition verfolgt. Um sich davor zu schützen, legten sie sich die «Dritte Regel» zu, eine Art Orden.

Die St.Galler Beginen verdienten ihren Lebensunterhalt mit Spinnen, Weben und Krankenpflege. Mit Stiftungsgut wie die offiziellen Klöster sind sie kaum bedacht worden. Im ersten Jahrhundert ihres Bestehens bewohnten 64 der als Feldnonnen bezeichneten Frauen die Klause St.Leonhard.

Nonnenhaus St.Leonhard

Unterdrückte Feldnonnen

In der Reformation gab es Konflikte mit der protestantischen Stadtführung in St.Gallen respektive mit dem Oberbürgermeister Vadian. Die letzte Oberin der auf elf Frauen geschrumpften St.Galler Beginengemeinschaft, Wibrat Fluri, hat in der harten Zeit eine Chronik der Ereignisse verfasst. Darin beschwert sie sich bitterlich über die Unterdrückung der Lebensform der Feldnonnen in den Jahren 1524 bis 1538. Im Juni 1524, schreibt Fluri, habe der städtische Rat eine sechsköpfige Abordnung geschickt, die erklärt habe, sie wolle die Beginen der Herrschaft und dem Schutz der Stadt unterstellen.

Die Frauen lehnten ab, mussten sich dann aber dem Druck des Rates beugen. Vadian selbst sagte laut den Aufzeichnungen von Wibrat Fluri: «Ihr seid eigensinnige Köpfe und wollt keinen Gehorsam leisten.» Fluri will darauf geantwortet haben: «Wir wollen Gehorsam leisten in allem, was nicht gegen unser Gewissen ist und gegen das, was wir Gott gelobt und versprochen haben.»

Der Rat versuchte einzelne der Schwestern zum Austritt aus der Gemeinschaft zu bewegen. Als die Frauen aber standhaft blieben, schickte der Rat am Palmsonntag 1525 eine mehrere hundert Männer und Frauen zählende Abordnung aus dem Volk, welche die Einrichtungen der Beginengemeinschaft St. Leonhard zerstörte. Die Oberin Wibrat Flurin und eine weitere Frau wurden verhaftet. 1538 hob der Rat der Stadt St.Gallen die Gemeinschaft auf und vertrieb die Beginen. Es ist nicht bekannt, was aus den Frauen geworden ist.

 

Vom Lustgarten ins Paradies: bis 5. Juni, Rathaus St.Gallen, 1. Stock

Montag bis Mittwoch 8.30–17 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr, Freitag bis 16.30 Uhr.
Führungen: Do 7. Mai 17 Uhr; Fr 22. Mai 12.30 Uhr.
Führung durchs Quartier: Dienstag, 12. Mai 12.30 Uhr und Freitag, 29. Mai, 17 Uhr, Treffpunkt: Reithalle
Weitere Infos: stadt.sg.ch

 

Otmarkirche und Kaserne

 

Bilder: Stadt St.Gallen

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