Will man den Charakter einer Stadt beschreiben, soll man erst hinter den Bahnhof schauen. In der Gentrifizierungsecke St.Gallens macht das nicht nur Spass, doch gibt es glücklicherweise Ausnahmen. Sonst müsste man ja gleich wieder auf den Zug.
Das Perronnord, ehemals Bierstübli, ist ein richtig guter Laden. Das Publikum ist durchmischt, Stammgäste von früher, jüngere Leute und Musikliebhaberinnen, gekommen, um das Konzert von «Café Deseado» zu besuchen. Auch Jean Genet zeigte sich an dem Abend, klaute ein Bier und zeigte sein Gebiss.
Café Deseado beginnt mit einer Interpretation von Happy Birthday (ein Gast hatte Jubiläum), worauf ein ziemlich betrunkener Ex-Matrose lautstark und falsch mitzusingen geruhte, der zuvor ebenso laut mitteilte, glücklicher Single zu sein. So holt man Gäste ab, nachher wird zugehört.
Das Trio (Martin Amstutz am Bandoneón, Julia Herkert an der Violine, Stefano Tisato am Kontrabass) spielt vor allem Eigenkompositionen von Martin Amstutz, «Musik aus dem Café, das es in Puerto Deseado nicht gibt». Irgendwo auf dem nicht-kürzesten Weg von Puerto Deseado (47.5° Süd) nach St.Gallen (47.5° Nord) sind dann auch die Melodien zu verorten, man vermeint Tango-Grooves, Volksweisen und Irisches zu erkennen. Das begehrenswerte Café zieht damit Fluchtlinien aus dem Containerkulturbegriff der gängigen Diskurse. Die dionysische Meditation schwingt zwischen Sehnsucht, Verzweiflung und unbedingter Lebensfreude und beschert dem Publikum Welt und Heterokosmos unlösbar verknotet.
Das legendenumrankte Café Deseado tauchte am Ende des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Die Formation hat viel gewechselt, zuletzt war aber fast 8 Jahre lang Funkstille. Um so schöner die Überraschung, dieses neue Auftauchen des nomadisch fungierenden Projekts zu entdecken, mitten im Charaktergesicht der Stadt, dem Perronnord – hinter dem Bahnhof.
Bilder: Bobby Moor Plakat: Point Jaune Museum, Martin Amstutz
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.