, 8. März 2014
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Patagonien im Perronnord

Im frisch renovierten Perronnord sollen künftig monatlich Konzerte stattfinden. Am vergangenen Freitagabend spielte «Café Deseado», eine legendenumrankte Formation aus dem Linsebühl.

perronnordWill man den Charakter einer Stadt beschreiben, soll man erst hinter den Bahnhof schauen. In der Gentrifizierungsecke St.Gallens macht das nicht nur Spass, doch gibt es glücklicherweise Ausnahmen. Sonst müsste man ja gleich wieder auf den Zug.

Das Perronnord, ehemals Bierstübli, ist ein richtig guter Laden. Das Publikum ist durchmischt, Stammgäste von früher, jüngere Leute und  Musikliebhaberinnen, gekommen, um das Konzert von «Café Deseado» zu besuchen. Auch Jean Genet zeigte sich an dem Abend, klaute ein Bier und zeigte sein Gebiss.

Café Deseado beginnt mit einer Interpretation von Happy Birthday (ein Gast hatte Jubiläum), worauf ein ziemlich betrunkener Ex-Matrose lautstark und falsch mitzusingen geruhte, der zuvor ebenso laut mitteilte, glücklicher Single zu sein. So holt man Gäste ab, nachher wird zugehört.

Das Trio (Martin Amstutz am Bandoneón, Julia Herkert an der Violine, Stefano Tisato am Kontrabass) spielt vor allem Eigenkompositionen von Martin Amstutz, «Musik aus dem Café, das es in Puerto Deseado nicht gibt». Irgendwo auf dem nicht-kürzesten Weg von Puerto Deseado (47.5° Süd) nach St.Gallen (47.5° Nord) sind dann auch die Melodien zu verorten, man vermeint Tango-Grooves, Volksweisen und Irisches zu erkennen. Das begehrenswerte Café zieht damit Fluchtlinien aus dem Containerkulturbegriff der gängigen Diskurse. Die dionysische Meditation schwingt zwischen Sehnsucht, Verzweiflung und unbedingter Lebensfreude und beschert dem Publikum Welt und Heterokosmos unlösbar verknotet.

IMG_0266Das legendenumrankte Café Deseado tauchte am Ende des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Die Formation hat viel gewechselt, zuletzt war aber fast 8 Jahre lang Funkstille. Um so schöner die Überraschung, dieses neue Auftauchen des nomadisch fungierenden Projekts zu entdecken, mitten im Charaktergesicht der Stadt, dem Perronnord – hinter dem Bahnhof.

Bilder: Bobby Moor
Plakat: Point Jaune Museum, Martin Amstutz

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