Die Herren sind sichtbar nervös. Riedl lockert die Augenmuskeln, lächelt gequält ins Publikum, Schröder hat es mit den Fingerspitzen, Schäfer vibrieren die Beine. Doch die Talkshow, an der sie darüber diskutieren sollen, ob man Hitler auf dem Theater spielen kann und wie, fängt und fängt nicht an. Nichts klappt ausser dem Klapptisch – so reden sie sich halt schon mal untereinander in Fahrt.
Der alternde Grossschauspieler Franz Prächtel, sein passiv-aggressiver Gegenspieler Peter Söst und der junge Ulli Lerch, der es bisher erst zum Goebbels gebracht hat: Es ist nahrhaftes Schauspielerfutter für Bruno Riedl, Marcus Schäfer und Julius Schröder, was die deutsche Dramatikerin Theresia Walser als «komödiantisches Kammerspiel» 2006 geschrieben hat.
Julius Schröder, Bruno Riedl, Marcus Schäfer am klapprigen Tisch.
Sie geben denn auch alles, Prächtel deklamiert und kommandiert, Söst applaudiert und windet sich, Lerch kriegt seine Lektionen ab und zahlt zurück: «Sie wirken auf der Bühne viel grösser als in Wirklichkeit», ätzt er gegen Prächtel und bringt diesen in Verlegenheit: «Soll das ein Kompliment sein?» Worauf Söst munter nachlegt über die «Schwundexistenz» des berühmten «Bühnentitans».
Nächste Vorstellungen: 20., 23., 28. September
theatersg.ch
Die Kostüme von Franziska Rast passen perfekt, Schröders Glimmerjäckchen, Riedls Lederhose, Schäfers Shakespeare-Outfit samt angegrauter Prinzenfrisur. Und die Pointen jagen sich, die Autorin kennt sich aus auf der Bühne, aber hinter dem Wort- und Spielwitz wird es ernst (was einige Dauerlacher im Publikum an der Premiere nicht merken wollten).
Hamlet, Hämlet, Hamlets…
Happige Diskussionen führen die drei darüber, ob und wie man das Böse spielen kann, ob Hitler menschlich dargestellt und über Goebbels gelacht werden darf. Und wieviel an Bösartigkeit der Schauspieler dabei in seinem eigenen Innersten entdeckt.
Antwort gibt das Stück nicht, ebenso wenig wie beim zweiten Dauer-Streitpunkt: modernes Regietheater vs. altes Schauspielertheater. Sieben Hamlets, zur multiplen Persönlichkeit aufgesplittert – oder doch lieber Prächtels legendärer «Hämlet» 1973 in Göttingen? Der gute alte Glaube an die Figuren und an den Text – oder eine Bühnenästhetik, die der globalisiert diversen Welt gerecht wird?
Showdown der Grossschauspieler.
Lerch kritisiert Textabspulerei und Repräsentationstheater, Prächtel verdammt die «überdrehten Provokationsdeppen», die heute Regie führen. Der Pegel steigt, Schäfer und Riedl geraten sich in die Haare, Hitler oder KZ-Häftling… da reisst der junge Kollege die Regie an sich, und das Ganze eskaliert.
Yvonne gegen Penthesilea
Nichts gewesen also mit Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm, wie die Autorin diesen ersten Teil betitelt hat. Und im zweiten Teil geht es mit Nach der Ruhe vor dem Sturm ähnlich deftig weiter. Die Kontrahentinnen sind hier zwei ihrerseits in Ehren gealterte Damen.
Irm König war 36 Jahre lang Chefhostess Yvonne in der TV-Serie «Glücksschiff», 36 Jahre lang immer dem «Käptn!» zu Diensten und einem Millionenpublikum. Liz Hansen hält mit Penthesilea dagegen, «60 mal allein in Düsseldorf», und all ihren Bühnen-Julias, Johannas oder Medeas. Beide gehören zum alten Eisen, so «abgespielt» wie die Luft auf der Bühne.
Birgit Bücker (oben), Diana Dengler.
Aber jetzt glänzt Birgit Bücker oben auf der Kommandobrücke noch einmal mit ihren Schiffserinnerungen, zieht vom Rollator herab über Bootsflüchtlinge her, die dem Dreh in die Quere kamen, und sagt Bemerkenswertes wie «Es wird immer schwieriger, die Welt so zu zeigen, wie sie nicht ist».
Unten im Rollstuhl macht sich Diana Dengler über die «Kreuzfahrtschranzen» lustig. Blickt altersweise auf Fluch und Segen der jahrtausendealten «Pimmeldramatik» zurück. Wünscht sich neue Männerrollen. Und bedauert, dass der Mensch seine Tragik vergessen habe.
Dem scharfsinnigen verbalen Schlagabtausch der beiden zuzuhören, ist ein grandioses Vergnügen, ausser für Julius Schröder, der als zur Bühnenarbeit verknurrter Schauspieler hier wieder auftaucht und zwischen die Fronten gerät.
Showdown der Grossschauspielerinnen.
Und dann eskaliert auch in diesem zweiten Teil die Lage. In einem grotesken Zweikampf mit Rollator, Stöcken und Wortpfeilen streiten die beiden Diven um die Frage, ob Kleist in seiner Penthesilea fünfmal oder doch nur viermal ein «So» geschrieben habe.
Die Kunst des Abgangs
Der Doppelabend, rasant inszeniert von Chefdramaturgin Anja Horst und Schauspieldirektor Jonas Knecht, bietet amüsante Einblicke in einen Theateralltag, in dem die Bühne mehr Jahrmarkt der Eitelkeiten als moralische Anstalt ist. Ein Ort, wo es auf den richtigen Abgang eher ankommt als auf die innere Haltung.
Und wo, nach Irm Königs Überzeugung, das Ende überschätzt wird. Was allerdings nicht stimmt für Schauspieldirektor Jonas Knecht, der letztmals in dieser Funktion in der Lokremise inszeniert. Und ebenso wenig für jene Ensemblemitglieder, deren Verträge nicht verlängert werden – im Moment finden unter der künftigen St.Galler Schauspieldirektorin die entsprechenden Gespräche statt.
Ein Thema für Pausendiskussionen – und eins, das an die Existenz geht. Das macht im Stück zumindest Peter Söst klar: Ein Schauspieler, auch ein Tragöde von der Statur des Franz Prächtel, «weiss eigentlich gar nicht, wer er ist, wenn er keine Rolle spielt».
Als wäre die Pandemie zu Ende, stellen Konzert und Theater St.Gallen einen vollen Spielplan 21/22 vor. Es geht um Ausnahmezustände und gesellschaftliche Irrungen, ganz besonders aber auch um den weiblichen Blick auf das kulturelle Erbe und die Gegenwart.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.