Cendrars wurde am 1. September 1887 in La-Chaux-de-Fonds unter seinem bürgerlichen Namen Frédéric-Louis Sauser geboren. Mit 23 Jahren zog es ihn nach Paris, wo er Freundschaften u.a. mit Guillaume Apollinaire, Marc Chagall, Robert und Sonia Delaunay sowie Henry Miller pflegte. 1914 meldete er sich als Freiwilliger in der französischen Fremdenlegion, um seine Wahlheimat gegen die Deutschen zu verteidigen; bei einem Angriff in der Champagne verlor er seinen rechten Arm. Reisen führten den Abenteurer und Avantgardisten nach New York, Brasilien, Rom und Spanien.
Blaise Cendrars. (Bild: pd)
2004 erschien bei Lenos, Basel, die repräsentative Gedichtauswahl Ich bin der Andere, und 2014 wurde in der Anderen Bibliothek, Berlin, sein Monsterroman Moravagine neu aufgelegt. Blaise Cendrars gehört mit Friedrich Glauser und Annemarie Schwarzenbach zu einer Schweizer Gilde von Schreibenden, die konsequent die bürgerlichen Werte und Konventionen ablehnte, das eigene Leben als Experiment begriff und vom Fernweh kreativ umgetrieben wurde. Ihre Literatur steht für einen Nomadismus, der auch innerlicher Art ist, für Bewegung, Unruhe und die Kraft von unten.
Der britische Dichter, Theaterautor und Schauspieler Heathcote Williams (1941–2017) widmete dem einarmigen Sonderling das Gedicht Blaise Cendrars, Poet; es erschien 2010 in einer Auflage von 36 Exemplaren in der von Gerard Bellaart seit den 1970er Jahren betriebenen Cold Turkey Press.
Heathcote Williams (Bild: pd)
Während ich Cendrars schon seit vielen Jahren kenne (mir fährt gerade durch den Kopf, dass ich im Juni 2010 mit Daniel Fuchs eine «Sauser-Glauser»-Lesung im Kult-Bau in St.Gallen durchgezogen hatte), stiess ich erst 2018 auf Heathcote Williams. Im Schaufenster eines Antiquariats in einer Seitengasse ennet der Aare in Solothurn entdeckte ich Kontinent der Wale, die deutsche Übersetzung seines Langgedichts Whale Nation, das ein glühendes und zugleich zärtliches Pamphlet für die grössten Säugetiere dieses Planeten ist (Whale Nation wurde 1988 verfilmt und ein Welterfolg).
Seither lese ich alles, was mir von diesem Autor in die Hände gerät, und kann ihn nur begeistert weiterempfehlen. Royal Babylon etwa, seine Abrechnung mit dem britischen Königshaus, hat sich gewaschen.
Blaise Cendrars, Dichter
Ich bin der Mann, der keine Vergangenheit hat… Nur mein Stumpf schmerzt, in meinem leeren Zimmer, hinter einem erblindeten Spiegel, arbeite ich an Emmène-moi au bout du monde!
Blaise Cendrars: Unbescheidener Blaise
Blaise Cendrars, Dichter, Leistete Pionierarbeit rückwärts auf dem Zeitstrahl – Orgasmen illuminierten seinen Weg.
Blaise sagte, er erinnere sich an Die Stösse von dem Penis seines Vaters Gegen die Gebärmutter.
«Ich versuchte reinzubeissen», Kicherte er oft, Wenn er sich das Paaren der Eltern Nach seiner Zeugung In Erinnerung rief.
Genealogien Der menschlichen Seele, Welche die meisten überfordern würden, Konnte Blaise mühelos rekonstruieren.
Des mütterlichen Eis und des väterlichen Spermas War er sich bewusst – Wie ihre Gedanken aufeinandergeprallt waren Und daraus er, Blaise, hervorgegangen war. Ein mit ihm befreundeter Jungianer Schwor, dass dies wahr sei, Und ich glaubte es.
Einst fragte ich ein kleines Kind, Wie das sei, geboren zu werden: «Durch einen Tunnel gehen. Dann herauskommen. Es ist Rot und Schwarz.» (die Farben der Anarchie)
Ein seelenloser Skeptiker meinte dazu: «Daran kann sie sich nicht erinnern! Unmöglich. Sie schwindelt. Sie erfindet das nur.»
Aber nein doch, wenn du diese wenigen Sekunden Abrufen kannst, dann kann deine Erinnerung Sich über Jahrhunderte zurückerstrecken: Durch Wurmlöcher in der Zeit Zu Revolutionen, Plato, den Jägern und Sammlern, Nach Mesopotamien.
Wenn die Regeln ausser Kraft gesetzt sind, Begegnest du Gilgamesch auf der Suche Nach der Unsterblichkeit …
Der Ständer von Cendrars Vater Durchbrach die Konvention Kindlicher Amnesie.
Neurotransmitter Lesen Gedanken aus unendlichen Synaptischen Verbindungen auf.
Zellulare Memoria, Ein eingebettetes Hologramm, In Äonen geätzt.
Heathcote Williams (aus dem Englischen von Florian Vetsch)
Interviews mit Blaise Cendrars hier oder hier. Zu den Schweizer Nacheiferern von Cendrars: ein Beitrag auf swissinfo.
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