Auf den ersten Blick ist es ein Glanzresultat für die Uni St.Gallen: 63 Prozent der Stimmbevölkerung sprachen sich heute für den neuen Campus am Platztor aus. Überdurchschnittlich gute Resultate gabs in Buchs, Mörschwil, Diepoldsau und Rapperswil-Jona mit gut 70 Prozent. Auch in der Standortgemeinde St.Gallen wollen zwei Drittel der Stimmenden den HSG-Neubau am Rand der Altstadt. Einzig Flums und Quarten lehnten die Vorlage ab.
Allerdings lag die Stimmbeteiligung – wie beim Toggenburger Klanghaus – mit 26,1 Prozent auf einem Rekordtief. Es gab keine nationale Abstimmung, eine breite Mobilisierung blieb aus. Kaum jemand schien sich für das Projekt zu interessieren, und so wurden die 160 Millionen Franken, die der Kanton zum 207-Millionenprojekt beisteuert, sehr locker durchgewinkt.
Die grosse schweigende Mehrheit schien sich nicht dazu durchringen zu können, sich für die Sache zu interessieren. Die Hochschulpolitik spielt sich übers ganze betrachtet eben doch weit weg von der Bevölkerung ab.
Kaum Opposition
Eine Opposition hat sich praktisch nicht formiert – nebst zwei, drei Leserbriefen und einer Flyeraktion einiger Platztor-Anwohner. Selbst die kantonalen Jungsozialisten – die einzige Partei, die die Nein-Parole beschlossen hatte – kamen nicht über das Verfassen einer Medienmitteilung hinaus.
Wie gross das Vertrauen der Bevölkerung in das Schalten und Walten der HSG nach all den unrühmlichen Kapiteln und Kapitelchen der vergangenen Monate nach dem heutigen Ja zum Platztor-Campus tatsächlich ist, lässt sich also nicht sagen. Immerhin erhält die Uni von der stimmenden Minderheit einen ordentlich vergoldeten Vertrauensvorschuss. Den Studenten in Platznot seis gegönnt.
Vor allem aus linken politischen Kreisen ist die Annahme des Platztorkredits an gewisse Bedingungen geknüpft. Der «zaghaft angesetzte Reformprozess» an der HSG müsse jetzt zügig vorangebracht werden, schreibt etwa SP-Präsident Max Lemmenmeier. Die «bedenkliche Spesenpraxis» werde trotz des jetzigen Jas zur Uni-Erweiterung in keiner Weise gutgeheissen. Und die Präsidentin der SP-Grünen-Fraktion im Kantonsrat will im Rahmen der Beratung über das neue Universitätsgesetz «klare Regeln» fordern.
Die SP-Frauen zeigte sich über das Ja «befriedigt», forderten aber zugleich, dass der bezahlten und unbezahlten Care-Arbeit endlich mehr Beachtung in der Volkswirtschaftslehre geschenkt wird. Zudem verlangen sie die Einführung eines Lehrstuhls für feministische Ökonomie.
Erste Visualisierungen kursieren
Mit Visionen für den neuen Campus trumpften am Sonntag rasch auch die Grünliberalen der Stadt St.Gallen auf. Insbesondere solle der Weg vom Rosenberg zum Platztor innert weniger Minuten zurückgelegt werden können, findet GLP-Vorstandsmitglied Markus Tofalo. Busse seien dafür wenig geeignet, ebenso wenig eine unterirdische S-Bahnstation mit Verbindungen zu beiden Standorten. Allerdings solle die Idee eines Schräglifts oder einer Rolltreppenanlage geprüft werden.
Der städtischen GLP schwebt eine grosszügige Unterführung vor. (Visualisierung: GLP/Markus Tofalo)
Zudem, so Tofalo, sollte die Unterführung an der St.Jakobstrasse sehr grosszügig gestaltet und für einen hindernisfreien Veloverkehr ausgebaut werden. Die Umgebung müsse frühzeitig in die Planung einbezogen werden, damit der neue Campus dann – wie von Uni und Kanton vielfach versprochen – zur öffentlichen Begegnungszone werden kann, nicht wie die «Einöde vor der Fachhochschule am Bahnhof Nord». Dafür mit viel Grün- und Wasserelementen und allenfalls einer Fassadenbegrünung.
Business as usual – eine erste Platztor-Visualisierung des Kantons vom Frühjahr 2018. (Bild: pd)
Wie das Ganze ab 2027, wenn der Campus eröffnet werden soll, aussehen wird, weiss bis jetzt allerdings noch niemand. Vor einem Jahr kursierte allerdings eine Visualisierung des Kantons, auf der schon einmal deutlich gemacht wird, wer sich vor dem Campus aufhalten wird. Es sind ausschliesslich junge Damen und Herren in Business-Chic, teils mit cooler Sonnenbrille oder oberwichtigen Aktentaschen. Auf der St.Jakobstrasse flitzt ein weisses Cabrio. Die Architektur riecht dann schon sehr nach «Bahnhof Nord».
Aber noch ist ja alles offen. Jetzt ist erst einmal das Geld parat. Auf dass es im Sinne der ganzen Öffentlichkeit ausgegeben wird – und nicht nur nach dem Gusto der Spesen- und Nebenjob-Jongleure.
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