, 10. November 2012
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Politische Aktion und Melancholie

Das Theater St.Gallen hat nach den «Kontrakten des Kaufmanns» erneut mit einem Jelinek-Stück die Nase vorn. Als Schweizer Erstaufführung hatte jetzt ihre «Winterreise» in der Lokremise Premiere. Charles Uzor ist mitgewandert. In Franz Schuberts spätem Liederzyklus «Die Winterreise» verlässt einer die Geliebte und kommt nach langer Reise einsam und verrückt bei sich selbst an. Was […]

Das Theater St.Gallen hat nach den «Kontrakten des Kaufmanns» erneut mit einem Jelinek-Stück die Nase vorn. Als Schweizer Erstaufführung hatte jetzt ihre «Winterreise» in der Lokremise Premiere. Charles Uzor ist mitgewandert.

In Franz Schuberts spätem Liederzyklus «Die Winterreise» verlässt einer die Geliebte und kommt nach langer Reise einsam und verrückt bei sich selbst an. Was Schubert als logische Kette von Hoffnung und Enttäuschung kreisen lässt, wird in Elfriede Jelineks Stück zum Mittel für Gesellschaftskritik und Dekonstruktion des romantischen Seelenbilds. Schuberts stille Klage erfährt dadurch einen Ingrimm, der durch Peter Ries’ stringente Inszenierung in der St.Galler Lokremise verstört, aber bei allem Sarkasmus auch stille Momente schafft.

Nahtlos aus dem Apéro-Smalltalk erklingen verstimmte Fetzen Schubertscher Streichermusik – dann das erste Lied «Gute Nacht», bevor die drei Frauen mit Dirndl und popigen Sonnenbrillen – Mutter, Mädchen und Geliebte (Diana Dengler, Meda Gheorghiu-Banciu und Julia Schran) als Liebes-Wunschwirklichkeiten – einen mit Bruchstücken gestelzter Existentialphilosophie untermalten Pseudo-Stangenstrip vorführen.

Der (gewollt unerträgliche?) Diskurs über das Zeitliche ist durchsetzt mit einem brisanten Pamphlet über die Asylproblematik: Schuberts Wanderer mutiert zum Migranten vor geschlossenen Grenzen – ein Ausgeschlossensein, das im Gegensatz zum Original nicht freiwillig, sondern politisch begründet ist. Dann wird die Ehe («Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh») als betrügerische Illusion der Finanzwelt entlarvt, die Braut als Stiftung mit volatilem Wert. In «Gefror’ne Tränen» wird Politik mit bürgerlichem Familiendrama verknüpft, und in «Der Lindenbaum» und «Die Post» wird mit halbnackten Barbiepuppen etwas überdeutlich auf die mediale Hetze um Natascha Kampus und auf Pornografie im Netz angespielt.

Viele Ebenen, vielleicht zu viele, werden verbunden, dies aber mit einer formalen Strenge und spielerischen Präsenz (hervorragend auch Sven Gey und Marcus Schäfer), die Jelineks Mut zur nackten Verwundung – sie zitiert die psychiatrische Unterbringung ihres dementen Vaters durch die Mutter – erträglich macht. In assoziativ starken Bildern wird das Publikum durch die Räume der Lokremise (Gernot Sommerfeld, Bühnenbild) und durch fragmentarische Liedzitate (Wolfgang Fernow, Bühnenmusik) geführt, bis es sich im letzten Bild, beim «Leiermann», endlosen Worthülsen ausgesetzt sieht. Man tritt nicht einmal vor Ort, sondern wartet am langen Dinner-Tisch fast bis zur Versteinerung auf das Ende des schaurigen Spiels.

Indem der Regisseur die zwischen Ich und Gesellschaft pendelnde Innenschau trübt und die Handlung schliesslich austrocknet, riskiert er einen Spannungsabfall vor dem Höhepunkt und überlässt die Zuschauer ihrer Ratlosigkeit. Im Nachhinein wird gerade hier die Stärke der St. Galler Inszenierung erkennbar, die politische Aktion und Melancholie ohne Sentimentalität vereint: Theater, das nicht ganz an Becketts genial-absurde Mischung von Gefasel und Gräben plötzlicher Tiefe heranreicht, aber eine persönliche Annäherung an Schuberts «Winterreise» zeigt.

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