, 8. Juli 2012
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Poolbar: Hagelsturm trifft Amélie

Timo Posselt über die zwei Gesichter des Yann Tiersen, am Samstag in der Poolbar Feldkirch. Das Konzert von Yann Tiersen beginnt mit einem Kinnhaken für alle, die ihn nur vom Soundtrack des Films «Die fabelhafte Welt der Amélie» kennen. Der erste Song «Till the end» ab dem Album «Dust Lane» baut sich aus einer flauschigen […]

Timo Posselt über die zwei Gesichter des Yann Tiersen, am Samstag in der Poolbar Feldkirch.

Das Konzert von Yann Tiersen beginnt mit einem Kinnhaken für alle, die ihn nur vom Soundtrack des Films «Die fabelhafte Welt der Amélie» kennen. Der erste Song «Till the end» ab dem Album «Dust Lane» baut sich aus einer flauschigen Schäfchen-Wolke zum angsteinflössenden Hagelsturm auf. Es klimpern Elektronik-Spielchen, die an Kraftwerk erinnern und klingen wie ein ISDN-Verbindungspiepsen unter Starkstrom.

Hin und wieder hört man es raus, das Flair des verspielten Amélie-Soundtracks, das ihn vor mehr als zehn Jahren auf einen Schlag berühmt machte. Nichts nervt ihn seit damals mehr, als wenn er auf den Soundtrack reduziert wird – auch an der Poolbar. Französische Rufe aus dem Publikum wehrt er trocken auf Englisch ab. Er möchte niemandem das Klischee des französischen Bon-Vivants mit Akkordeon und Rotweinflasche bestätigen. Trotzdem spürt man die Melancholie seiner Filmkompositionen in seinen Songs. Ob er es will oder nicht.

Den Abend an der Poolbar dominieren aber die grossen Postrock-Hymnen seiner letzten paar Alben. Die fünfköpfige Band aus versierten Musikern schafft, manchmal auch mit Xylophon, Ukulele und Saxophon, einen Klangkosmos mit Platz für grosse Momente. Beim Song «The Gutter» greift Tiersen dann doch noch zur Geige. Alles beginnt mit Sprachfetzen ab Tonband wie ein Stück der Postrock-Legenden von Godspeed You ! Black Emperor. Tiersen fiedelt sich unter dem Helium-Gesang seines Bandkollegen in eine andere Sphäre, bis am Ende alles ausbricht – ein starker Song. Von da an gibt er die Geige nicht mehr aus der Hand bis kurz vor Schluss. So kommen sie doch noch, die Momente, auf die alle Amélie-Fans gehofft haben. Bei «Sur Le Fil» bringt Tiersen es dem Publikum definitiv wieder in Erinnerung: Keiner spielt die Rockgeige so sehnsüchtig wie er.

Inzwischen ist es kochend heiss in der grossen Halle im Alten Hallenbad in Feldkirch. Der Schweiss treibt, auch wenn man sich nicht bewegt. Ein Pärchen trotzt der Hitze und tanzt zu Tiersens Balladen einen leidenschaftlichen Tango. Die Poolbar zeigt sich von der besten Seite, längst sind auch die letzten Zweifel zerstreut, ob sich die beschwerliche Zugfahrt gelohnt habe. Nach eineinhalb Stunden Konzert mit einer Zugabe hält Tiersen sein Bier Richtung Publikum und geht mit einem «Vielen Danke» leicht angetrunken von der Bühne. Die Amélie-Fans danken zurück; doch auch die ihn auch anders kannten, hatte er nach dem ersten Song in der Tasche.

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