Kategorie
Autor:innen
Jahr

Postkultur I: Frankierte Kunst

Mit Briefmarken und Stempel wurde H.R. Fricker zum Pionier der Mail-Art. Heute kommt seine Kunst per Facebook.
Von  Peter Surber
Bilder: H.R. Fricker

Konzeptkünstler, Aktionskünstler, Kommunikationskünstler? Oder eher Adressverwalter und Briefmarkendrucker? An Berufsbezeichnungen fehlt es H.R. Fricker nicht, das steht schon in der ersten Monografie über den in Trogen lebenden Künstler, 1989 im St.Galler Vexer Verlag erschienen und betitelt: I AM A NETWORKER (SOMETIMES).

Fricker und die Post: Das ist jedenfalls eine lebenslängliche Beziehung. 1981 hat Fricker mit Mail-Art begonnen, das Instrumentarium waren Briefbögen und Stempel. Seit den Anfängen habe er über 1000 Briefumschläge und etwa 100 verschiedene «Artistamp»-Bögen für den Aufbau und die Kontakte im weltweiten Mailart-Netzwerk geschaffen.

Entscheidend, sagt Fricker im Gespräch, war für ihn die Einsicht, «dass per Post ein direkter Austausch mit anderen Kunstschaffenden und mit dem Publikum möglich wurde unter Umgehung des Kunstbetriebs». Das blieb bis heute so: Ob er Mail-Art betrieb oder seine legendären Orts-Schilder entwickelte, die Umwelt beschriftet wie zuletzt diesen Sommer die Stufen einer alten Treppe in Castasegna im Bergell, ob er Gasthäuser im Säntisgebirge zu Alpstein- Museen erklärt, die Stadt St.Gallen mittels in die Trottoirs eingelassenen Messingbolzen mit einem 5,6 Kilometer langen Orte-Kataster überzieht oder seine Arbeiten auf Facebook plaziert: Stets findet Frickers Kunst im kunstfernen Alltag statt.

Was die Mail-Art betrifft, hatte er damit allerdings erstmal ein Anerkennungsproblem: «Nur wer grosse Bilder malte, galt als richtiger Künstler», sagt er. Und mit der Post ging es auch nicht ganz ohne Friktionen ab. Briefmarken dürfen, weil im öffentlichen Raum unterwegs, nicht anecken. Fricker schuf drum unter anderem 1985 einen ABC-Briefmarkenbogen für persönliche Botschaften und bot ihn der Post an – die verzichtete mit dem Argument, dies wäre für die Ausgabe am Postschalter zu kompliziert, brauche es doch viel mehr A’s als Z’s.

Die meisten anderen Bögen Frickers waren hingegen explizit subversiv. WHO IS AFRAID OF WORDS AND SENTENCE? steht auf einem Briefumschlag. Ein Selbstbildnis mit den Händen vor den Augen ziert eine HELVETIA-Marke. Anderswo steht das Anagramm GLASNOST / ANGSTLOS, auf US-Marken RACISM oder DELETE: ein Reflex der Tatsache, dass die Kommunikation nicht immer konfliktfrei war und ist; so reagierte jemand in den USA empört auf einen Fricker-Brief mit lauter Four-Letter-Words in Briefmarken.

Spannend sei für ihn stets auch die Tonalität gewesen – auf Marken oder mit Stempeln kann nur mit schlagkräftigen Slogans gearbeitet werden, ähnlich wie auf Twitter, sagt Fricker. Und was gestempelt daherkommt, wirke offiziell. Pikant war dies insbesondere bei Frickers Kontakten in die DDR und andere Ostblock-Staaten – per Mail-Art konnte man den Eisernen Vorhang überwinden, umgekehrt fanden Kunstschaffende aus dem Osten damit Anschluss an die westliche Avantgarde. Und die ersten Leser im Osten wie im Westen waren die Pöstler; eigentlich habe er ihnen seine Briefe geschickt, lacht Fricker.

Von seinem «Büro für künstlerische Umtriebe auf dem Lande», ausserhalb von Trogen gelegen, ist Fricker in der Blütezeit der Mail-Art bis zu dreimal täglich mit dem Töffli ans Postfach im Dorf gefahren, in der Erwartung von Kunst-Post. Auch abgeschickt habe er seine (neben den eigenen Marken stets regulär frankierten) Briefe immer von der Dorfpost aus. Heute steht die Post Trogen auf der Liste der bis 2022 zu schliessenden Poststellen. Und seit die Post ihr Markenmonopol aufgegeben habe, interessiere ihn die Markenkunst nicht mehr. Dazu kam schon früh sein Bedürfnis, im Mail-Art-Netzwerk nicht nur postalisch, sondern auch leibhaftig zu kommunizieren. Die direkte Begegnung, das Reisen oder in Frickers Terminologie: TOURISM trat an die Stelle der Briefpost.

Was für Fricker bei allen unterschiedlichen Medien zentral ist: Es geht immer um Kunst als Kommunikation. Und um den Kernsatz: NUR SENDER KANN MAN ORTEN. Persönliche Briefe habe er hingegen letztmals in jungen Jahren geschrieben, als Vreni, seine spätere Frau, in London war. «Und wenn ich sonst Briefe verschickt habe, war es meist aus Ärger oder wenn ich glaubte, mich wehren zu müssen.» Doch auch das sei, vielleicht aus Altersmilde, seltener geworden. Gut für ihn, schlecht für die Post.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579