, 15. Januar 2020
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Preis für die Rettung eines Industriebaus

Nicht mehr gebrauchte Industriebauten sind immer rasch vom Abbruch bedroht. Dass es auch anders geht, freut den Heimatschutz. Er ehrte deswegen das St.Galler Unternehmen Bischoff Textil mit dem «Goldenen Schemel».

Er ist ein schweres Stück Bronze, gegossen im Sitterwerk und entworfen von der Künstlerin Katalin Deér – der «Goldene Schemel». Die Heimatschutz-Sektion St.Gallen/Appenzell-Innerrhoden vergibt ihn für Verdienste auf dem Gebiet der Baukultur und für den sorgsamen Umgang mit Landschaft- und Siedlungsräumen.

Dieses Mal wurden gut erhaltene Industriebauten aus der Zeit zwischen 1945 und 1975 gesucht. Die Jury entschied sich nach intensiver Diskussion für das Hochhaus und die Shedhallen von Bischoff Textil in St.Gallen – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass unter den weiteren Kandidaten weitere hochkarätige Bauten zu finden sind, etwa die Goldzack-Halle in Gossau und der Weidmann-Bau in Rapperswil-Jona oder, aus neuerer Zeit, das Beldona-Gebäude in Widnau.

Bischoff-Textil bekam den «Goldenen Schemel» für den Erhalt der Gebäude, aber auch aus wirtschaftshistorischen Gründen. Denn das Unternehmen hat trotz der Verlagerung der Produktion nach Thailand und Sri Lanka und dem damit verbundenen Stellenabbau in St.Gallen die Gebäude als Arbeitsstätte erhalten. Inzwischen sind die Räume zu grossen Teilen an Dritte vermietet.

Damit habe das Unternehmen an der Baukultur festgehalten und es verstanden, diese nachhaltig mit neuen Nutzungen zu bewirtschaften. Andernorts verschwinden Industriebauten, wenn deren Nutzung ändert oder aufgegeben wird. Das jüngste Beispiel ist die ehemalige Spinnerei Uznaberg, die die St.Galler Regierung trotz bestehendem Denkmalschutz im revidierten Richtplan zum Abbruch freigegeben hat.

Die Shedhallen sind dank Vermietung an einen Sportmarkt öffentlich zugänglich. Gebaut wurden sie 1955. Das Hochhaus wurde zwei Jahre später fertiggestellt. Die Pläne für beide Anlagen stammen vom St.Galler Architekten Albert Bayer. Er war zusammen mit dem Firmenbesitzer vor dem Bau extra in die USA gereist, um sich dort über Hochhausbauten zu informieren. Die Statik der Gebäude stammt vom St.Galler Ingenieurbüro Scheitlin, Hotz & Zähner.

Die Shedhallen sind in je 11 Segmente eingeteilt mit nach Norden gerichteten Oberlichtern, die eine optimale Belichtung ergeben – und auch für ein Museum gut geeignet wären, wie der Laudator Peter Röllin an der Preisverleihung bemerkte. In den Shedhallen standen zwanzig rund 13 Meter lange Saurer-Stickmaschinen.

Das im originalen Blau-Weiss erhaltene Hochhaus mit seinen zwei auskragenden Obergeschossen steht städtebaulich markant und von weitem her sichtbar am Rand der offenen Wiese der Kreuzbleiche, dem ehemaligen Militärgelände. Das zehnstöckige Haus ist eine Eisenbeton-Skelett-Konstruktion, die eine freie Raumdisposition und eine durchgehende Fensterfront erlaubt, weil keine tragenden Zwischenwände nötig sind. Massive Stützen an der Fassade leiten die Kräfte ab.

Die originalen Glasbausteinwände sind ebenfalls erhalten, und das mächtige Treppenhaus wird mit einer im Geländer integrierten Heizleitung temperiert. Im Sitzungszimmer im Attikageschoss findet sich ein Wandgemälde des bekannten St.Galler Kunstmalers Willy Koch mit dem Kinderfestmotiv.

Bilder: René Hornung und Archiv Peter Röllin

 

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