Das Theater Konstanz hat als Spielzeitmotto «Märchen» gewählt. Das Stück, das jetzt Premiere hat, fängt denn auch an wie alle Märchen, geht aber anders weiter: «Es war einmal ein Völkermord…». In «Das Märchen vom letzten Gedanken» arbeitet der deutsche Dichter Edgar Hilsenrath den Genozid an den Armeniern von 1915 auf.
Hilsenrath, selber ein Überlebender des Holocaust, setzt einen Märchenerzähler namens Meddah ein, der den Armenier Thovma Khatisian auf dem Sterbebett (eben beim «letzten Gedanken«) zurückbegleitet in seine Kindheit und zu den Gewalttaten an seinem Volk. «In einer kargen anatolischen Landschaft schleppt sich ein Deportationszug von tausend Armeniern eine staubige Landstrasse entlang. Unter ihnen eine schwangere Frau, bei der die Wehen einsetzen. Vom Bajonettstoss eines türkischen Soldaten aus dem Bauch geschnitten, bleibt ein Baby allein im Staub zurück. Dieses Baby warst du, Thovma.» So wird die Erzählung eingeleitet.
Die Märchenform hatte beim Erscheinen des Buchs 1989 vorerst provoziert – später erhielt es zahlreiche Auszeichnungen, und Hilsenrath hat in Armenien den Status eines Nationalhelden. «So unwahrscheinlich, so grauenhaft ist das hier Erzählte, dass es den Kunstgriff des Märchenhaften brauchte, um das Unbegreifliche zu schildern», heisst es in einer Kritik.
In Konstanz wird jetzt aber Protest gegen das Stück laut. In E-Mails sei die Absetzung der Produktion verlangt worden, schreibt das Theater. Und mit einem Eilbrief meldete sich das türkische Generalkonsulat in Karlsruhe und äusserte sich «überaus unglücklich» darüber, dass das Theater den Begriff «Völkermord» verwende. Die Türkei hat das Massaker an den Armeniern nie als Genozid anerkannt; auch das Konsulat beharrt in seinem Brief darauf, ein Gerichtsurteil gebe es zu den Ereignissen von 1915 nicht. Vielmehr handle es sich bei diesen «um ein legitimes akademisches Diskussionsthema», schreibt das Konsulat in bemerkenswerter Untertreibung. Dies müsse man den Theaterbesuchern mitteilen. Inzwischen ist auch eine Demonstration vor der morgigen Premiere angekündigt.
Die Stückankündigung gibt sich zurückhaltend: «Dem Theater Konstanz liegt es fern, ein Urteil zu fällen, ob die Ereignisse von 1915 ein Völkermord waren oder nicht. Mit der Inszenierung greift es aber die Fragestellung auf und stellt das Thema zur Diskussion.» Forderungen, das Stück abzusetzen, hat der Konstanzer Intendant Christoph Nix aber als «massiven Eingriff in die künstlerische Freiheit» bezeichnet.
Das Theater wird die Premiere wie geplant spielen, bestätigt Pressesprecherin Martina Kraus auf Anfrage. Man habe sich zudem mit Vertretern der türkischen Gemeinde in Konstanz getroffen und «konstruktiv und einverständig» diskutiert. Das Ergebnis: Vor den Aufführungen wird jeweils der Konsulatsbrief verlesen – «schliesslich ist das Thema ja kontrovers», sagt Kraus. Die Demonstration sei bewilligt, aber «friedlich und still» geplant.
Bilder: Theater Konstanz/Ilja Mess
Premiere: Freitag 21. März, 20 Uhr
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