Eigentlich gab es sie schon seit 2013, die Initiative. Ein Nationalrat aus der Westschweiz hatte sie eingereicht, mit dem eigentlich einfachen Wunsch: Kann es bitte illegal werden, eine Gruppe aufgrund ihrer sexuellen Orientierung herabzusetzen? Die Initiative, letztlich eine Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm, wurde im langsamen Parlaments-Pingpong hin- und hergeschoben. Vier Jahre später gab es eine Ergänzung seitens der Rechtskommission: Die Geschlechtsidentität sollte ebenfalls reinkommen, damit auch trans Menschen und intergeschlechtliche Personen, zwei besonders verletzliche Gruppen, besser vor Diskriminierung geschützt werden.
Der Nationalrat fand das gut. Aber im Ständerat rumorte es. «Wenn sie dem hier zustimmen, dann hört das nie auf», sagte etwa ein Walliser FDP-Ständerat. Sonst, so sein Argument, müsste man das Diskriminierungsverbot ja auch auf Behinderungen ausweiten, oder gar aufs Geschlecht! Und sowieso, sagte ein Glarner FDP-Ständerat, sei der Begriff der Geschlechtsidentität schwammig. Die Initiative wurde wieder reduziert auf die sexuelle Orientierung. (Dann ergriff die rechte EDU das Referendum. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Wie kann es passieren, dass ein Parlament den Schutz vor Diskriminierung aktiv verhindern will? Dass ein Ständerat – öffentlich und ungescholten – einen international und juristisch etablierten Begriff wie Geschlechtsidentität als «schwammig» abtun kann? Woher kommt es, dass ein wesentlicher, mächtiger Teil des Parlaments ein Thema, das LGBT (also lesbische, schwule, bisexuelle und trans Menschen) sehr wesentlich betrifft, derart vernachlässigt?
Ein Teil dieses Unwissens, dieser gleichgültigen Nicht-Priorisierung, hat einen anderen Ursprung als die blosse rechtskonservative Mehrheit – zumindest einen, der vermutet werden kann: In unserem Parlament sitzt fast keine Person, die von solchen Diskriminierungen betroffen sein könnte.
24 Regenbogen
Statistiken über LGBT-Identitäten sind immer schwierig. Die Schweizer Organisation Eduqueer, die Lehrmaterial zu LGBT-Themen anbietet, geht davon aus, dass in jeder Schweizer Schulklasse ein bis zwei queere Kinder beziehungsweise Jugendliche sitzen – was vor allem auf dem Land relevant sein dürfte, in einem Alter, in dem man noch nicht in die etwas queer-freundlicheren Städte zieht. Die LGBT-Jugendorganisation Milchjugend hantiert ebenfalls mit einer groben Schätzung von zehn Prozent Queer-Anteil in der Schweizer Bevölkerung. Auf das Parlament gerechnet mit seinen 246 Sitzen wären das also etwa 24 (mit vielleicht noch einem bi-curious Parlamentarier oder so).
Schwenken also 24 Politiker*innen stolz das Regenbogenfähnli im National- und Ständerat? Nein, aus zwei sehr verschiedenen Gründen. Der erste: Eine queere Identität führt nicht automatisch zu queer-freundlicher Politik. Später mehr dazu. Der zweite: So viele geoutete Parlamentarier*innen gibts gar nicht. Sogar das Gender-Sternli ist hier unangebracht, die wenigen Geouteten sind nämlich alles Männer; vom linken bis ins rechte Lager. Geoutete Frauen gibt es momentan nicht (allerdings verzeichnete das Parlament mit Marianne Huguenin schon anfangs der Nullerjahre seine erste geoutete Politikerin). Eine geoutete trans Person gab es im Parlament noch gar nie.
Solange LGBT-Politiker*innen es gar nicht erst ins Bundeshaus schaffen oder aber sich nicht sicher genug fühlen, um sich zu outen, stimmt etwas nicht. Wir sind nicht nur an einem Punkt, an dem ein Coming-Out noch nötig ist – wir sind sogar am Punkt, an dem jedes In-Erwägung-Ziehen eines öffentlichen Coming-Outs auch eventuelle Shitstorms und Abstiege involviert.
Schutz vor dem Übergangen-Werden
Lesbische Ständerätinnen, bisexuelle Nationalräte: Arbeiten wir nicht darauf hin, dass solche Aspekte eben genauso zur Normalität gehören wie Haarfarbe und Haustiere? Ja, eh; aber dazwischen müssen Schritte gemacht werden, von denen wir noch weit entfernt sind. Unsere Politik, nicht nur auf der nationalen Ebene, soll die Schweizer Bevölkerung vertreten. Deshalb sind die Sprachregionen und Kantone möglichst ausgeglichen vertreten im Parlament, im Falle des Ständerats sogar überproportional, um die Minderheit der kleinen Kantone vor dem Übergangen-Werden zu schützen. Als Ignazio Cassis für den Bundesrat kandidierte, lag es vielen Schweizer*innen am Herzen, dass mit ihm endlich auch wieder das Tessin vertreten war in der Regierung. Weil es eben etwas ausmacht, ob bei einer eventuellen Entscheidung rund ums Tessin die Entscheidungsträger aus Biasca oder aus Mettmenstetten stammen.
Die queerfeministische Liste «q*f».
Nun ist die Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm aber nicht die einzige Angelegenheit, bei der queere Perspektiven relevant sind. Ende August befand die Rechtskommission des Nationalrats, dass die Ehe für alle zwar Zukunft habe, aber ohne den Zugang zu Samenspenden, der vor allem für Frauenpaare die nötige Basis einer Familiengründung wäre. Hätte das Ergebnis anders ausgesehen, wenn im Parlament nicht 70 Prozent Männer sitzen würden? Und null Prozent offen lesbische oder bisexuelle Frauen? Wie fair wird über ein so wichtiges Anliegen wie die Ehe für alle entschieden, wenn im Parlament der Anteil derjenigen, die davon betroffen wären, so viel kleiner ist als in der tatsächlichen Schweizer Bevölkerung?
Fast zwei Tamaras
Um den Anteil queerer Parlamentarier*innen zu erhöhen (und natürlich auch, um queere Stimmen zu gewinnen), outen sich dieser Tage viele Kandidierende gezielt. Vom Aargau über Bern bis Zürich kandidieren trans Personen, und gleich zwei frauenliebende Tamaras sorgten mit ihrer Berner Kandidatur für Aufruhr: Während die offen lesbische Tamy Glauser ihre Kandidatur aufgrund zu heftiger öffentlicher Reaktionen wieder zurückzog (!), hat die frisch ehemalige Juso-Präsidentin und ebenso frisch geoutete Bisexuelle Tamara Funiciello Chancen auf einen Sitz. Im Aargau gibt es mit «q*f» sogar eine ganze queerfeministische Liste.
Die LGBT-Dachverbände veröffentlichten derweil die Plattform regenbogenpolitik.ch, auf denen einerseits queere Kandidierende aufgelistet sind, andererseits aber auch LGBT-bezogene Haltungen von Kandidierenden, unabhängig von ihrer eigenen Identität. Denn natürlich ist nicht garantiert, ob eigene «Betroffenheit» eine*n Kandidierende*n LGBT-freundlich macht; es gibt genauso ausländerfeindliche Politiker mit Migrationshintergrund wie unfeministische Politikerinnen.
Und doch: Das Parlament basiert auf dem Prinzip der Volksvertretung. Das ist zu beachten in einer Zeit, in der besonders viele LGBT-Themen diskutiert werden. Und zu einer Zeit, in der wir unsere Vertretung neu wählen können.
Anna Rosenwasser, 1990, ist Journalistin, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und kandidiert im Kanton Zürich für die JUSO. Ihr Polit-Crush zu Teeniezeiten war allerdings Bastien Girod.
regenbogenpolitik.ch
Macht und Geschlecht in der «erfreulichen Universität»: Zum Auftakt beschrieb Historikerin Elisabeth Joris Frauenbewegungen des letzten Jahrhunderts, den Abschluss macht Soziologin Eveline Yv Nay mit Gedanken zu queer-feministischen Bündnispolitiken.
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.