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Radikal poetisch

Anna Ospelt hat mit «Wurzelstudien» ein feinnerviges Prosadebüt vorgelegt. Es verknüpft Biologie und Sprache virtuos. Am Mittwoch las die Liechtensteiner Autorin mit Jahrgang 1987 im Kirchhoferhaus St.Gallen. 

Von  Eva Bachmann , 
Anna Ospelt bei der Lesung im Kirchhoferhaus. (Bild: Marina Schütz)

Wurzel heisst auf Lateinisch radix, und davon leitet sich das Adjektiv «radikal» ab. Radikal klingt es, wenn Anna Ospelt an ihrer Lesung sagt, sie habe eine «Kampfschrift gegen die Wurzel» schreiben wollen. Ihr Buch sollte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wurzelbegriff werden, einer üblichen Metapher für Herkunft und die feste Verbundenheit mit einem Ort – wo Menschen doch beweglich seien und sein müssten.

Diesen Anspruch löst der Text ein. Aus der Kampfschrift ist jedoch eine poetische Studie geworden. In ihrer Gestalt ist sie radikal in einem anderen Sinn: Von Grund auf anders ist Anna Ospelts Schreibfluss. Sie unterläuft die Erwartungen an einen Roman. Ihre Prosa folgt ihrer eigenen Gedankenlogik. Sie entfaltet sich in Abschnitten, die wohl miteinander verbunden sind, aber nicht auf der geraden Linie einem Ziel entgegenstreben.

10. Mai

Robust. Fahl. Wunsch nach. Angst vor.

Mir scheint, ich bin ein Blumenkern, den man nicht zu eng neben anderen Blumenkernen einpflanzen kann. Oder doch, man kann, ich hab nur noch nicht herausgefunden, neben welche. Bisher war nach einigen Jahren stets ein Umtopfen vonnöten.

Einen Blumentopf gemeinsam zu bewohnen, scheint mir etwas eng. Allein möchte ich auch nicht darin wohnen, ich möchte gar keinen Blumentopf bewohnen!

Ich sitze im Zug und fahre an Feldern vorbei, Rapsfeldern, Maisfeldern, Mohnfeldern. Ein Feld soll es auch nicht sein, das ist zu monoton. Eine Blumenwiese? Zu dekorativ. Der Garten von Herrn Büchel?

Ich schliesse die Augen und wurzele in Herrn Büchels Garten.

«Solange der Text bei mir war, wollte ich ohne Schablone schreiben», erzählt Anna Ospelt. Sie habe sich gedacht, dass ein Verlag das Manuskript früh genug zurechtstutzen würde. Das war dann aber nicht der Fall; der Limmatverlag hat das Buch in seiner ganzen Eigenwilligkeit herausgebracht und es überdies richtig schön gestaltet, insbesondere den Fotos viel Raum zum Schauen und Verweilen gegeben.

Feldforschung

Das Buch ist in vier Mappen und einige lose Zwischenblätter gegliedert. Die erste Mappe geht aus von der Hängebuche im Garten der Govertsvilla in Vaduz. «Wer war wohl dieser Henry Goverts, der auf die gleiche Hängebuche blickte wie ich meine ganze Kindheit hindurch?» Dieses Ich erkundet den Baum und die Biografie des Verlegers, nimmt ein Blatt mit und zeigt ihm Goverts Wege, sein Gymnasium, das Deutsche Theater in Berlin. Es liest Zeugnisse über ihn und besucht den verbliebenen Teil seiner Privatbibliothek in der Liechtensteinischen Landesbibliothek.

Die Recherche hat Leerstellen, die stehenbleiben dürfen. Der Text ist tastend, unternimmt Versuche, die als verworfene Sätze durchgestrichen gedruckt sind. Und er fügt auch Goverts-Sätze zu eigenen neuen Texten zusammen.

Diese Art der Feldforschung dehnt sich in den folgenden Mappen in weitere Gebiete aus. Sie sind mit «Eichung» und «Rhizom» überschrieben und beschäftigen sich mit dem Stammbaum und dem Wurzeln in einem allgemeineren Sinn: Von Pina Bauschs Tanz der Jahreszeiten bis hin zu Zahnwurzeln werden zahlreiche Felder erkundet, die Autorin zeichnet, mikroskopiert, studiert die Maserung ihrer Haut und überlegt sich, ob sie ein Baum werden möchte.

Sie gibt sich den Namen Ivy – Efeu, eine Pflanze, die Rhizome bildet, «die einzige sprechende Pflanze in diesem Text» – und schreibt dann in der vierten Mappe unter diesem Pseudonym das Exposé zu einem «richtigen» Roman.

Ich gehe zu Starbucks, sage, mein Name sei Ivy. Ivy wie Efeu, und Efeu bilde Rhizome. Die Frau an der Kasse schreibt den Namen auf den Pappbecher. Sobald der Kaffee fertig ist, wird durch den Raum «Ivy» gerufen.

Anna Ospelt wagt sich dabei immer weiter ins Experimentelle vor. Wörter wie «sich zwiebeln», «sich kerzeln» oder «sich aneichen» tauchen auf. Auch der assoziative Zugang radikalisiert sich, die Abschnitte werden über «Konnexionen» verbunden. Die Autorin erklärt: «Das Wort bezeichnet die ‚vorteilhafte Verbindung‘ einer Heirat im Adel, aber eben auch einen biologischen Vorgang. Das hat mich fasziniert.»

Unter Konnexionen versteht die Neurobiologie Ionenkanäle, die in den Synapsen Signale zwischen aneinanderliegenden Membranen übertragen. Der Gedanke springt sozusagen von einer Nervenleitung in die nächste, eine Vorstellung, die sich auf die Machart dieses Texts wunderbar übertragen lässt.

Vernetzungen

Die Wurzelstudien sind hochliterarisch und graben gleichzeitig tief in der Biologie. Es überrascht nicht, dass Anna Ospelt dafür ein Stipendium der Stiftung Nantesbuch im Rahmen des Deutschen Preises für Nature Writing erhalten hat. «Das Genre liegt im Trend», meinte Anya Schutzbach (die mit diesem Abend ihren Einstand als Programmleiterin der Wyborada gegeben hat). Ospelt war sich dessen beim Schreiben zumindest nicht bewusst, aber: «Ich bin vernetzt, ich bewege mich in der Gesellschaft. Vielleicht hat das einfach in der Luft gelegen.» Dass sie feine Antennen hat, nimmt man ihr sofort ab.

Anna Ospelt: Wurzelstudien. Limmatverlag, Zürich 2020. Fr. 28.-

Für Leute mit solchen Antennen war der Veranstaltungsort übrigens sehr stimmig: Das nomadisierende Literaturhaus Wyborada hat für die Lesung den Musiksaal im Kirchhoferhaus gewählt. Es ist ein Haus, in dem Geschichten atmen: Die Textilgeschichte des Erbauers Paul Kirchhofer ebenso wie die Naturgeschichte des Höhlenbär-Forschers Emil Bächler mit seinem Heimatmuseum.

Es gäbe viele Parallelen zwischen dem Kirchhoferhaus und der Govertsvilla, aber während in St.Gallen die Silberlinden vor der Tonhalle gefällt wurden, ist in Vaduz umgekehrt die Villa abgerissen und nur die Hängebuche übriggeblieben. Der Rest ist Literatur.

 

 

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