, 6. Juli 2021
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Rätselhaftes Sarganserland

Zwischen urbaner Zukunft und konservativer Agglo, zwischen Eigensinn und Massengeschmack: Unterwegs in der «Flumserei», in Mels, Sargans, Landquart und Bad Ragaz. Und ein Abstecher auf die Flumserberge.

Flumserberge, oberhalb der Endstation Tannenboden: Hier sollte das Heididorf entstehen.

Die Schils stürzt sich an diesem Morgen, nach den Regenfällen der letzten Wochen, wild ins Seeztal hinab. Seez, davon hatten wir in der Schule gehört, aber Schils? Der wilde Bach gehört samt dem Schilstal tatsächlich zum Kanton St.Gallen, etwas versteckt zwischen dem zugänglicheren Weisstannental und dem Murgtal. Und an der Stelle, wo er die breite Ebene erreicht, tut sich Bemerkenswertes: Hier in Flums, in der ehemaligen Spinnerei Spoerry, erfindet die «Flumserei» ein zukunftsträchtiges Ensemble aus Gewerbe, Kultur und Wohnen.

Die Schils war auch der Grund, weshalb Heinrich und Johannes Spörri 1866 hier ihren Fabrikbau errichteten. Im Glarnerland, wo Spörris Spinnereien bereits liefen, verhinderte die Enge eine Expansion. So suchten die Patrons nach neuen Plätzen mit der nötigen Wasserkraft. An der Murg, an der Schils und weiter östlich, an der Seez in Mels entstanden die imposanten Fabrikkästen, die bis heute das Bild des Tals prägen – aber nicht mehr als Industriebauten in Betrieb sind.

Nach dem Schock begann die Zukunft

«Es war eine Schockstarre für Flums», sagt Andreas Hofmänner in seinem Büro mit den grossen Fensterflächen in der zweiten Etage. 150 Jahre lang hatte die Spinnerei Arbeit ins Tal gebracht; die Spoerrys, wie sie sich inzwischen amerikanisiert schrieben, machten Flums zum Industrie- und Arbeiterdorf. 2009 aber mussste die Spinnerei als letzte im Tal ihren Betrieb einstellen, 140 Angestellte verloren ihren Job, viel für ein 5000-Einwohner-Dorf wie Flums, und dies, nachdem noch in den 80er-Jahren in einen Anbau investiert worden war. Textile Spezialitäten hatten die Fabrik am Laufen gehalten, massenproduziert wurde aber längst in Billiglohnländern – dort, wo am Ende dann auch die Maschinen aus Flums landeten.

Nach der Schliessung gab sich die Besitzerfamilie zwei, drei Jahre Zeit, teilte das Unternehmen in einen Immobilien- und einen Textilhandelsbereich auf und schrieb schliesslich eine Umnutzung des Gebäudes aus. Das Konzept der «Flumserei» siegte, und Andreas Hofmänner setzte es als Geschäftsführer um. Ein Glücksfall, sagt er, dass hier eine «Eigentümerstrategie» zum Tragen kam von Leuten, die sich weiterhin mit dem Ort und dessen Geschichte identifizierten. Das gilt auch für die Pensionskasse Stiftung Abendroth, die das Areal anfangs 2020 erwarb und das Konzept weiterführt.

Die Schwesterfabriken im Tal haben ihrerseits überlebt, als Projekte von Investoren um den Umnutzungs-Spezialisten Dieter von Ziegler: In Mels, ehemals Stoffel AG, bietet der Wohnkomplex «Uptown Mels» vorwiegend Eigentumswohnungen, und die Alte Spinnerei Murg umfasst heute ein Hotel, Restaurants, Hallen für Tennis und Events und Fitnessangebote. Das Gegenbeispiel liegt am anderen Ende des Walensees: Dort in Uznach droht der Spinnerei Uznaberg der Abbruch (siehe Beitrag im Sommerheft auf Seite 33).

Andreas Hofmänner

Auf drei Pfeiler baut die «Flumserei»-Strategie, erkärt Hofmänner. «Grösse und Vielfalt» ist das eine: In den Gewerberäumen sind vom Yogastudio bis zur Kletterhalle, vom Prominentencoiffeur bis zur Chocolaterie, vom Feinkostladen bis zu Architekturbüros über 50 Firmen eingemietet. «Service» ist das zweite: Kostenloses Wlan, eine zentrale Post, Sitzungszimmer und gemeinsame Aufenthaltsräume stehen allen Mieter:innen zur Verfügung. «Die Mischung funktioniert», sagt Hofmänner, «und sie ist für Start-ups attraktiv. Man hat viel Fläche, hohe Räume, einen einfachen Ausbau und Mietzinsen leicht unter dem marktüblichen Niveau.» Renoviert wurde sanft; der Boden zeigt noch die Spuren der Arbeit von damals, die Lampen sind umfunktionierte Spinnkannen.

Der dritte Pfeiler heisst: «Impuls». Dazu ist eine der Hallen zum Saal umgebaut worden, mit Platz für bis zu 480 Personen, wenn nicht gerade Corona die Türen dicht macht. Und Hofmänners heimlicher Stolz ist das «Gwelb»: In den früheren Lüftungsschächten, einem über vier Etagen reichenden, betongemauerten und mit einer Stahltreppe erschlossenen Schlitz in der Gebäudemitte, sind Räume für kleinere Kultur- oder Gesellschaftsanlässe freigespielt worden, mit kreisrunden Durchbrüchen und einem rohen Charme.

Jetzt werden noch die Wohnungen hinzukommen als weitere Etappe, geplant im ältesten Teil, dem Hauptbau von 1864– 1866. Die riesigen Hallen, gesamthaft 17ʼ000 Quadratmeter Fläche, stehen zur Zeit leer, die Säuleneinteilung lässt noch die Aufstellung der Spinnmaschinen erkennen im Normabstand von 3,30 Metern, den die Maschinenfabrik Rieter vorgab. Man kann sich die künftigen loftartigen Wohnungen ungefähr vorstellen, auch hier: viel Fläche, viel Platz und viel Fabrikatmosphäre, welche das Projekt von Hotz & Partner Architekten möglichst bewahren will.

Die Säulenhalle der Flumserei.

Am Turm in der Mitte des langgezogenen Fabrikgebäudes prangt eine Uhr, die einst der nahen Kirchenuhr Konkurrenz machte – sogar um das «Erstschlagrecht» sollen Pfarrer und Fabrikpatron gestritten haben. Von der Turmspitze aus kann man hinter Bäumen die Fabrikantenvillen erahnen. Und weiter links das «Neudorf» – mein nächstes Ziel.

In der Gartenstadt für die Fabrikler

Gekieste Fahrwege, teils gepflegte, teils verwahrloste Gärten, Fassaden, an denen der Zahn der Zeit nagt: Das «Neudorf» scheint aus der Zeit gefallen. Die 49 Wohnhäuser auf mehr als 13ʼ000 Quadratmetern, ordentlich in Dreierreihe angelegt, jedes mit Umschwung, liessen die Spoerrys in den Jahren vor und nach 1900 erstellen als eine Art Gartenstadt für die Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter.

Heute ist etwa ein Drittel der Häuser unbewohnbar, drei wurden renoviert, noch in den 90er-Jahren sollte die ganze Siedlung abgebrochen werden. Tempi passati: Heute geniesst das «Neudorf» als eine der bedeutendsten Arbeitersiedlungen der Schweiz gemäss der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege «Ensembleschutz», und Andreas Hofmänner ist zuversichtlich, dass es mit seinem «Herzensprojekt» bald vorangeht: Er hat mit einer eigens dafür gegründeten Immobiliengesellschaft den Fabrikeignern die Siedlung abgekauft und plant ihre Überführung in eine gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft. Diese soll die Häuser mit möglichst geringfügigen Eingriffen sanieren und so kostengünstigen Wohnraum schaffen.

Das Neudorf in Flums.

Ob Bedarf danach besteht? Hofmänner ist zuversichtlich: Flums sei am Aufholen, nachdem die übrige Region schon seit rund 15 Jahren einen eigentlichen Boom und wachsende Einwohnerzahlen registriere – während Flums noch lange das Image des «Arbeiterdorfs» anhing. Das ist es im übrigen immer noch: Vorne am Bahnhof raucht die Flumroc, ebenfalls eine Spoerry-Gründung. Hier wurde die überschüssige Energie des Kraftwerks ab 1900 in eine Karbidfabrik eingespeist, und statt dem stets weniger gefragten Karbid wird seit den 50er-Jahren Steinwolle produziert. Allerdings nicht unumstritten: Bis in den St.Galler Kantonsrat hinauf gab es kritische Töne.

Im November 2020 monierte eine Interpellation den legendären «blauen Rauch» aus dem Flumroc-Kamin und fragte nach Schadstoffen. Die Luft-Grenzwerte seien grundsätzlich eingehalten, die Luftqualität im Tal sei unbedenklich, doch überschreite die Fabrik teilweise die zulässigen Stickstoff- und Feinstaubwerte, steht in der Antwort der Regierung. Eine Sanierung sei jedoch technisch und umweltrechtlich «ausserordentlich anspruchsvoll».

Arbeitsplätze gibt es also vor Ort, in der Industrie und der Kreativwirtschaft, aber vor allem auch im nahen Fürstentum Liechtenstein. «Ein Treiber», sagt Hofmänner: Hier arbeiten viele Grenzgänger:innen aus der Schweiz, Wohnraum ist im Ländle rar und zudem per Gesetz fast ausschliesslich der eigenen Bevölkerung vorbehalten. Der Grossraum Sargans-Buchs-Liechtenstein-Walenstadt sei heute ein Wirtschaftsraum im Aufwind. In einer Viertelstunde ist man in Chur, in knapp einer Stunde in Zürich. Aber sowohl für die künftigen Lofts in der «Flumserei» wie für die Arbeiterhäuser im «Neudorf» ist für Hofmänner klar: «Wir bauen hier nicht in erster Linie Wohnungen für stadtmüde Zürcherinnen und Zürcher.» Angepeilt sei die hiesige Bevölkerung, Leute, die anstelle der üblichen Nullachtfünfzehn-Wohnungen etwas suchen, das es nur hier gibt: in der Fabrik oder in der Gartenstadt.

Hinter der Fabrik steigt der Berg steil an, talseitig fällt der Blick auf die ehrfurchtgebietenden Felsen von Fulfirst, Alvier, Gauschla und Gonzen. Wird es hier nicht eng auf Dauer? Die «Flumserei» und Andreas Hofmänner, der mit seiner Firma Eckstein Immobilien das Projekt weiterhin technisch betreut, stehen für ein weltoffenes und zukunftsoptimistisches Denken. «Aber klar: Man muss in dem Tal wohnen wollen», sagt Hofmänner. Flums hat am 13. Juni mit Zweidrittelmehrheit Nein zu den Agrarinitiativen, zum CO2- und zum Covid-Gesetz gesagt, einzig das Anti-Terrorgesetz kam knapp durch. Flums und das Sarganserland stimmen Mal für Mal tiefschwarz.

Kultur für viele

Fortschrittlich? Konservativ? Was gilt jetzt? Wir sitzen am neugestalteten Dorfplatz von Mels, das Bistro des Kulturzentrums Verrucano hat eben geöffnet, und Hans Bärtsch bestätigt zum einen, die konservativ-katholische Tradition sei im Sarganserland «durch alles durch» spürbar – zum andern aber sieht er auch Bewegung. Wie hier beim Verrucano, dem kühnen Neubau mitten im Dorfzentrum, den sich die Gemeinde als Ersatz für den alten «Löwen» und dessen Saal geleistet hat für 31,5 Millionen Franken. Die Abstimmung 2016 fiel allerdings hauchdünn aus, und wegen Corona kommt der reguläre Betrieb erst langsam ins Rollen.

Bärtsch, langjähriger Lokaljournalist, stellvertretender Chefredaktor des «Sarganserländers» und im Vorstand des Alten Kino Mels engagiert, ist gespannt, wie sich der 3000 Quadratmeter grosse Kulturdampfer bewähren wird. Immerhin gastiert im kommenden Winter hier das Sinfonieorchester aus der Hauptstadt, das in voller Besetzung sonst noch nirgends je im Kanton aufgetreten ist, weil es nirgends einen so hochklassigen Saal gab – bisher.

Die Saal-Konkurrenz rundherum ist allerdings nicht ohne: Murg hat eine neue Eventhalle, in der «Flumserei» fasst der neue Saal knapp 500 Personen. Aber der Vorzug des Verrucano: Es ist im Eigentum der Gemeinde und soll den Vereinen und den Einheimischen dienen.

«Niederschwellige» Kultur: Das ist ein Stichwort, das im Gespräch mit Bärtsch gleich mehrmals fällt. Über einen volkstümlichen Anlass wie das Schlager Open Air Flumserberg könne man zwar schnöden – und Bärtsch hat das in seinem Blatt vor zwei Jahren selber getan, unter anderem schrieb er dort: «Dass die ersten Besucher schon am frühen Nachmittag mit einer gewissen Schräglage unterwegs sind, kann eigentlich nur eines bedeuten: Auch das sind keine Schlagerfans, die trinken sich den Anlass jetzt einfach schön, weil sie lebensabschnittspartnerbedingt mitmussten.» Und trotzdem, sagt Bärtsch: Es sei auch bemerkenswert, wie an einem solchen Festival Leute über alle Gesellschaftsschranken hinweg zusammenkommen.

Niederschwellig: Das gelte auch für die Skulpturenausstellung Bad Ragartz, die alle drei Jahre im Kurort stattfindet. Oder für das Schloss Sargans – just an dem Tag berichtet der «Sarganserländer» über die Ergebnisse einer Studie zur Zukunft des Schlosses. Also auf zum Schloss.

Die Kanone zielt aufs Outlet

«Die Strassen / die ländlichen / staubigen / der Staub der // Jahrhunderte / liegt, liegt im / Licht, dem / Strassenstaublicht.» Es trifft die Realität nicht schlecht, das Gedicht von Michael Donhauser aus seinem Gedichtband Sarganserland. Das Dreieck um Sargans ist Strassenland, Transitland seit Jahrhunderten. Mels und Sargans wären heute zusammengewachsen, trennte sie nicht der Verkehr. Von Mels also quer übers Tal, auf inzwischen sommerlich heissen Strassen, durch Hüsliquartiere, an einer staubigen Pferdekoppel vorbei, dann die Unterführung unter der Autobahn durch, an der Wand Graffiti: «Fuck Covid» und «Hopp FCSG». Die Sarganser Fussballfans glaubten an den Hauptstadt-FC, hat Bärtsch erzählt, obwohl Vaduz gleich um die Ecke spielt und St.Gallen sonst sehr weit weg ist.

Aggloland – aber die Richtung ist klar, das Schloss ist hier überall immer vor Augen. Ein Postkartensujet. Der Weg durch die engen Städtligassen erinnert an Kafkas «Schloss»-Roman. Das Schloss sei Teil der Identität und zugleich ein Klotz am Bein der Region und des Kantons, sagt Bärtsch. 900 Jahre Geschichte stecken darin, das Museum im Turm ist in die Jahre gekommen, im Schlosshof-Restaurant ist an diesem Mittag wenig los, aber irgendwann nächstens soll die Zukunft beginnen: Die Studie mit Ideen für das Schloss hat die Stadt in Auftrag gegeben, 432 Fragebogen kamen ausgefüllt zurück, an zwei Workshops im Rittersaal sollten die Vorschläge diskutiert werden.

Tenor der Bevölkerung: Sie wünscht sich das Schloss als familienfreundlichen, zugänglichen, sozialen Begegnungsort. Als Platz zum Picknicken. Am höchsten bewertet wurde die Aussicht.

Auf der Terrasse mit ihrer tatsächlich umwerfenden Panoramasicht zielt eine Kanone fadengerade den Rhein entlang Richtung Chur. Oder, in meiner Fantasie, auf das Landquart Fashion Outlet, diesen Hüsli-Shopping-Billigpreis-Unort. Auf der Website des in Amsterdam domizilierten Unternehmens figuriert es, als einzige Schweizer «Location» von elf Outlets quer durch Europa, unter dem Namen «Zürich». Von Sargans ist man mit dem Zug in wenigen Minuten dort und damit in Graubünden. Der Parkplatz ist pumpenvoll – ausser mir scheinen hier alle mit dem Auto zu kommen. Auch die zwei jungen, arabisch aussehenden Männer, die grad am Portal zur Hüsli-Ladenzeile aus dem Fond eines schwarzen Mercedes S-Klasse mit getönten Scheiben steigen. Der livrierte Chauffeur wendet den Wagen.

Ich sehe ihn nach meinem Blitzbesuch im Outlet (nichts gekauft, nichts erlebt, alle Vorurteile bestätigt) eine runde Stunde später wieder beim Grand Resort Bad Ragaz, in der ausladenden Vorfahrt vor dem Fünf-Stern-Hotel. Hier stehen die Mercedesse bereit für die Nobelgäste. Nebenan klemmt ein roter VW-Kleinwagen in einem überdimensionierten Abfallkübel. Es ist eine Arbeit von Ottmar Hörl, eine der meistgeknipsten der diesjährigen Skulpturenschau Bad RagARTz. Schlamassel betitelt der deutsche Konzeptkünstler seine kritische Auseinandersetzung mit der Konsumwelt.

Ottmar Hörls Schlamassel und Daniel Schmids Waldi in Bad Ragaz. 

An der Ragazer Bahnhofstrasse bellt ein hölzerner Riesendackel über den Zaun, Waldi von Daniel Schmid. In einer der Gassen ein Abfallsack, den man erst beim zweiten Hinsehen als Kunst erkennt. Im Kurpark Grossskulpturen aller Art, gegen den Giessenpark hin ist die «Erbsünde» (Original Sin), eine Kolonne gigantischer Tier-Mensch-Figuren der Chinesin Liu Ruowang, ein unvermeidliches Fotosujet. Nebenan hängt das Nashorn von Stefano Bombardieri in den Riemen.

Ein normaler Werktag, aber die Promenaden sind voll. Mehrere hunderttausend Besucherinnen und Besucher zieht die Freiluft-Skulpturenausstellung alle drei Jahre an. Die rund 2,5 Millionen Franken Kosten tragen die Initianten, das Ehepaar Rolf und Esther Hohmeister, der Kanton St.Gallen, Stiftungen und Gönner sowie Werkverkäufe. Umgekehrt fliessen über 8 Millionen Franken zurück nach Bad Ragaz und die Region Sarganserland, wie die Fachhochschule Graubünden 2018 ausgerechnet hat.

Bad RagARTz, das ist viel persönliches Engagement, viel Wertschöpfung, viel Standortförderung – aber auch viel Ermüdung. Die Skulpturen in erschlagender Fülle, viele davon in imposanten Grössen, sind einigermassen beliebig über Strassen und Pärke verstreut, meist ohne erkennbare ortsspezifische Setzung. Die Region ist kaum vertreten, ebensowenig ein zeitgenössischerer Begriff von Skulptur.

«Distanz schärft den Blick» heisst das Motto der Schau 2021. Masse hingegen schwächt den Blick – aber dann unversehens dies: Am Rand eines Parks steht eine Gruppe magerer Bronzefiguren des tschechischen Künstlers Milan Spacek. Passantinnen bestaunen sie, jemand fotografiert die Szene mit Menschen aus Bronze und Menschen aus Fleisch und Blut, und plötzlich kommen weitere «Mitspieler» ins Blickfeld: Teilnehmer eines Senioren-Golfturniers, die dahinter im Park ihre Caddies ziehen.

Auf dem Dach des Grandhotels steht ein Neon-Schriftzug: «Everything Is Going To Be Alright». Das Werk des britischen Konzeptkünstlers Martin Creed aus dem Jahr 2000 ist der Beitrag des Grand Resorts zur Skulpturenausstellung.

Creeds Work No. 3485 ist, wie das Hotel auf Facebook schreibt, «auch als farbenfrohe Mini-Version im Grand Hotel zu finden». Dort sind Zimmer ab 560 Franken erhältlich, die teuersten Suiten kosten über 2000 Franken pro Nacht. Mit «niederschwellig» ist es da dann flugs vorbei.

Ein Heididorf auf dem Tannenboden?

«Everything alright»? Der Süden ist ambivalent. Mal massentauglich, mal eigensinnig. Mal weit, mal eng. Und manchmal wissen die Einheimischen auch nicht so recht, wie er tickt.

So geschehen am 13. Juni. Da steht neben den eidgenössischen und kantonalen Abstimmungen ein Referendum an: Die Bevölkerung von Quarten hat über einen Teilzonenplan für ein Heididorf und ein Hotelresort auf dem Tannenboden zu befinden.

Eine «heikle» Abstimmung, sagt ein paar Tage vorher Journalist Hans Bärtsch: Obs ein Ja oder Nein gebe, sei kaum abzuschätzen. Wenig öffentliche Debatte, keine Leserbriefe. Hinter einem Ja stehen die finanzkräftigen Bergbahnen, die Tourismusverbände, das Gewerbe. 200ʼ000 Gäste soll das «Heidi Alperlebnis» anlocken. Für ein Nein hat sich ein Komitee stark gemacht mit dem Argument, die Alpkorporation sei zu wenig einbezogen worden. Und ein zweites Heidiland sei hier fehl am Platz. Auch Andreas Hofmänner hat beim Gespräch in der «Flumserei» die Achseln gezuckt: schwer zu sagen, wie die Abstimmung ausgehen werde.

Die kurvige Strasse hoch auf die Flumserberge fahre er seit bald 20 Jahren, sagt der Postautochauffeur. Ja, das Heididorf, dazu müsste man wohl Ja sagen, um den Breitentourismus zu fördern, vor allem im Sommer, jetzt, wo die Winter immer rarer werden. Oben auf dem Tannenboden, Endstation der Postautostrecke, deuten einzig die kahlen Rasenflecken der Stellplätze, auf denen im Winter die Camper stehen, den Ort an, wo das Heididorf hinkommen soll.

Die Lage ist atemberaubend, der Blick hinüber zu den Churfirsten trotz Regenwolken einmalig. Kein Transparent, kein Pro und Kontra, keine Visiere: Nichts deutet auf eine Abstimmung hin. Die Bedienung im Gasthof Molseralp, einen Steinwurf vom künftigen Resort entfernt, lässt sich nur Diplomatisches entlocken: Gäste kämen mit oder ohne Heidi schon viele, jedenfalls an schönen Tagen.

Am 13. Juni lehnt Quarten die Umzonung mit 56 Prozent Neinstimmen ab. Selbst Gemeindepräsident Erich Zoller hat am Tag danach in den Medien keine rechte Erklärung dafür. Rätselhafter Süden.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten. (Bilder: pd./Su.)

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