Seit gut einem Monat als Nachfolgerin von Katrin Meier im Amt, war die jährliche Kulturkonferenz für Tanja Scartazzini die richtige Bühne, um sich den Akteur:innen aus der St. Galler Kulturszene vorzustellen. Das tat sie mit einer zweifachen Verneinung.
Nein, sie habe nichts gegen St. Gallen, bleibe aber vorderhand in Winterthur wohnen, weil sie ihre beiden Teenager (15 und 17) nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reissen wolle – für ihren Job gelte ausserdem keine Wohnsitzpflicht. Und nein, sie habe trotz ihres Namens keine italienischen Wurzeln. Scartazzini stammt aus dem Bergell, ihr Name leite sich von Distel (Karde) ab, dem Gerät, mit dem man einst Wolle gezogen hat. Ja, sie habe schon auch ein paar Stacheln, baute sie quasi eine Eselsbrücke zu ihrem Namen.
Womit die zwei häufigsten Fragen geklärt waren, die in den ersten Wochen auf die neue Kulturamtsleiterin zugekommen sind.
«Etwas papieriger»
Und damit zu dem, was die knapp hundert Anwesenden ungleich mehr interessierte: Wofür steht Scartazzini, was werden die Schwerpunkte ihrer Arbeit sein? Besonders sei sicherlich, dass sie an ihrer vorherigen Stelle 25 Jahre lang tätig war. Beim Kanton Zürich leitete sie unter anderem die Fachstelle Kunstsammlung. «Von daher ist es für mich nicht ein Wandel, sondern ein ziemlich rasanter Riesenschritt.»
Tanja Scartazzini. (Bilder: Hans Bärtsch)
Nach einem Vierteljahrhundert Kunst am Bau und Kunstsammlungs-Betreuung wandle sie sich nun in geografischer Hinsicht – in einen Kanton, der viel Wert auf seine Regionen lege. Ein grosser Wandel sei dies im Weiteren, weil sie bis anhin sehr praxisbezogene Kulturförderung betrieben habe – «sehr ‚hands-on‘ auf Baustellen, wo ich schaute, dass die Kunstschaffenden so arbeiten können, wie sie es sich vorgestellt hatten.»
Neu sei für sie jetzt der übergeordnete Blick auf den Kulturbereich, «ein stark politisch-strategisch geprägter Blick», so Scartazzini. Vom «Hands-on» zu «vielleicht etwas Papierigerem», das sich dann aber hoffentlich bald wieder in realen Projekten niederschlage. Zudem werde im St. Galler Amt für Kultur nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit geschaut – konkret mit der Fachstelle Kulturerbe, die sich «um das kümmert, was war, und schaut, wie man es in die Zukunft bringen kann. Der Blick nach hinten ist für mich etwas Neues, darauf freue ich mich.»
Kontinuität oder Veränderung? Die Frage von Moderatorin Margrit Bürer, ehemalige Leiterin des Ausserrhoder Amts für Kultur, beantwortete Tanja Scartazzini mit einem «Sowohl-Als auch». Kontinuität sei für sie «die Basis von allem». Gute Strukturen, gute Abläufe, eine gute Nachvollziehbarkeit des eigenen Handelns – das alles beruhe auf Kontinuität. Nur dann habe man die Energie für Experimente, fürs Ausarbeiten von Ideen, aber auch fürs Einhalten von Grenzen. «Kontinuität und Wandel», so Scartazzini, «sind zwei Seiten einer Medaille.»
«Es ist noch nicht fertig»
Die Covid-Pandemie hat das kulturelle Leben auf den Kopf gestellt und ist weiterhin mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Auch die Kulturförderung ist nach wie vor stark gefordert. Es wäre zynisch, einfach von einer Chance zu sprechen, meinte Scartazzini dazu. In erster Linie sei Covid-19 eine grosse Herausforderung, «in der aber Chancen stecken. Es geht jetzt darum, diese Chancen zu entdecken und das Beste daraus zu machen.»
Das betreffe auch ihr Team, das ein Jahr lang mit immer wieder neuen Situationen, Regelungen, Strukturen umgehen und dabei sehr wandelbar sein musste. Die Herausforderung, sich täglich anzupassen, habe auch etwas müde gemacht. «Wir müssen jetzt aber trotzdem weitermachen.» Scartazzini bezeichnete es als «wunderbar, dass wir uns hier darüber unterhalten können, was die Zukunft bringt und was das für uns als Amt für Kultur heisst.»
Aktuell und in Zukunft sieht die neue Leiterin die Digitalisierung, den demografischen Wandel und die Globalisierung als jene grossen Themen, welche unsere Gesellschaft und damit auch die Kultur beschäftigen. Die Kultur habe schon vor Corona einen starken Wandel erlebt in Richtung Professionalisierung betreffend Strukturen, Organisationen, Institutionen. Das System Ehrenamtlichkeit werde dagegen «nicht mehr so stark, oder anders gelebt», insbesondere von der jüngeren Generation. Diese Professionalisierung werde die Kulturszene noch länger beschäftigen.
Förderung von oben und unten
In zwei Gesprächsrunden – die erste mit Vertretern von Kulturinstitutionen, die zweite mit Kulturförderern – kam deutlich zum Ausdruck, dass der Wandel auf allen Ebenen im Gang ist. Sei das im Sinne von Nachfolgeregelungen (Chössi-Theater Lichtensteig), Digitalisierung und alternative Nutzung von Lokalitäten (Musa Museen St. Gallen) oder mit einem visionären Haus, das aber noch nicht richtig in der Bevölkerung angekommen ist (Kultur- und Kongresshaus Verrucano in Mels).
Die Kulturförder-Fachleute berichteten von positiven Erfahrungen mit einem sogenannten Grassroot-Ansatz (Kulturstiftung Thurgau), von Fördergeldern, die auch für noch nicht etablierte Künstlerinnen und Künstler von Interesse sind (Stadt Lichtensteig) und der Fördertätigkeit der Stiftung Erbprozent Kultur. Wer und was soll unterstützt werden – und vor allem auch: warum? Dies gelte es immer wieder zu hinterfragen.
Tanja Scartazzini nahm den Faden in der Schlussrunde auf und rief dazu auf, offen zu sein für Neues. Als Stichworte nannte sie Co-Innovation, Kooperationen, über Grenzen hinausschauen und -denken. Dazu gelte es, Bewährtes zu bewahren und in eine gute Zukunft zu führen. In der ganzen kulturellen Vielfalt und dem damit verbundenen Wandel sei es aber auch wichtig, sich selber nicht zu verlieren.
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller