Kategorie
Autor:innen
Jahr

Rasant ins neue Amt

Im neuen Kultur- und Kongresshaus Verrucano in Mels hat am Samstag die Kulturkonferenz des Kantons St.Gallen stattgefunden. Das Stichwort hiess «Wandel», passend zur Pandemie, aber auch zu Tanja Scartazzini, der neuen Leiterin des Amts für Kultur. von Hans Bärtsch
Von  Gastbeitrag , 

Seit gut einem Monat als Nachfolgerin von Katrin Meier im Amt, war die jährliche Kulturkonferenz für Tanja Scartazzini die richtige Bühne, um sich den Akteur:innen aus der St. Galler Kulturszene vorzustellen. Das tat sie mit einer zweifachen Verneinung.

Nein, sie habe nichts gegen St. Gallen, bleibe aber vorderhand in Winterthur wohnen, weil sie ihre beiden Teenager (15 und 17) nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reissen wolle – für ihren Job gelte ausserdem keine Wohnsitzpflicht. Und nein, sie habe trotz ihres Namens keine italienischen Wurzeln. Scartazzini stammt aus dem Bergell, ihr Name leite sich von Distel (Karde) ab, dem Gerät, mit dem man einst Wolle gezogen hat. Ja, sie habe schon auch ein paar Stacheln, baute sie quasi eine Eselsbrücke zu ihrem Namen.

Womit die zwei häufigsten Fragen geklärt waren, die in den ersten Wochen auf die neue Kulturamtsleiterin zugekommen sind.

«Etwas papieriger»

Und damit zu dem, was die knapp hundert Anwesenden ungleich mehr interessierte: Wofür steht Scartazzini, was werden die Schwerpunkte ihrer Arbeit sein? Besonders sei sicherlich, dass sie an ihrer vorherigen Stelle 25 Jahre lang tätig war. Beim Kanton Zürich leitete sie unter anderem die Fachstelle Kunstsammlung. «Von daher ist es für mich nicht ein Wandel, sondern ein ziemlich rasanter Riesenschritt.»

Tanja Scartazzini. (Bilder: Hans Bärtsch)

Nach einem Vierteljahrhundert Kunst am Bau und Kunstsammlungs-Betreuung wandle sie sich nun in geografischer Hinsicht – in einen Kanton, der viel Wert auf seine Regionen lege. Ein grosser Wandel sei dies im Weiteren, weil sie bis anhin sehr praxisbezogene Kulturförderung betrieben habe – «sehr ‚hands-on‘ auf Baustellen, wo ich schaute, dass die Kunstschaffenden so arbeiten können, wie sie es sich vorgestellt hatten.»

Neu sei für sie jetzt der übergeordnete Blick auf den Kulturbereich, «ein stark politisch-strategisch geprägter Blick», so Scartazzini. Vom «Hands-on» zu «vielleicht etwas Papierigerem», das sich dann aber hoffentlich bald wieder in realen Projekten niederschlage. Zudem werde im St. Galler Amt für Kultur nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit geschaut – konkret mit der Fachstelle Kulturerbe, die sich «um das kümmert, was war, und schaut, wie man es in die Zukunft bringen kann. Der Blick nach hinten ist für mich etwas Neues, darauf freue ich mich.»

Kontinuität oder Veränderung? Die Frage von Moderatorin Margrit Bürer, ehemalige Leiterin des Ausserrhoder Amts für Kultur, beantwortete Tanja Scartazzini mit einem «Sowohl-Als auch». Kontinuität sei für sie «die Basis von allem». Gute Strukturen, gute Abläufe, eine gute Nachvollziehbarkeit des eigenen Handelns – das alles beruhe auf Kontinuität. Nur dann habe man die Energie für Experimente, fürs Ausarbeiten von Ideen, aber auch fürs Einhalten von Grenzen. «Kontinuität und Wandel», so Scartazzini, «sind zwei Seiten einer Medaille.»

«Es ist noch nicht fertig»

Die Covid-Pandemie hat das kulturelle Leben auf den Kopf gestellt und ist weiterhin mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Auch die Kulturförderung ist nach wie vor stark gefordert. Es wäre zynisch, einfach von einer Chance zu sprechen, meinte Scartazzini dazu. In erster Linie sei Covid-19 eine grosse Herausforderung, «in der aber Chancen stecken. Es geht jetzt darum, diese Chancen zu entdecken und das Beste daraus zu machen.»

Das betreffe auch ihr Team, das ein Jahr lang mit immer wieder neuen Situationen, Regelungen, Strukturen umgehen und dabei sehr wandelbar sein musste. Die Herausforderung, sich täglich anzupassen, habe auch etwas müde gemacht. «Wir müssen jetzt aber trotzdem weitermachen.» Scartazzini bezeichnete es als «wunderbar, dass wir uns hier darüber unterhalten können, was die Zukunft bringt und was das für uns als Amt für Kultur heisst.»

Aktuell und in Zukunft sieht die neue Leiterin die Digitalisierung, den demografischen Wandel und die Globalisierung als jene grossen Themen, welche unsere Gesellschaft und damit auch die Kultur beschäftigen. Die Kultur habe schon vor Corona einen starken Wandel erlebt in Richtung Professionalisierung betreffend Strukturen, Organisationen, Institutionen. Das System Ehrenamtlichkeit werde dagegen «nicht mehr so stark, oder anders gelebt», insbesondere von der jüngeren Generation. Diese Professionalisierung werde die Kulturszene noch länger beschäftigen.

Förderung von oben und unten

In zwei Gesprächsrunden – die erste mit Vertretern von Kulturinstitutionen, die zweite mit Kulturförderern – kam deutlich zum Ausdruck, dass der Wandel auf allen Ebenen im Gang ist. Sei das im Sinne von Nachfolgeregelungen (Chössi-Theater Lichtensteig), Digitalisierung und alternative Nutzung von Lokalitäten (Musa Museen St. Gallen) oder mit einem visionären Haus, das aber noch nicht richtig in der Bevölkerung angekommen ist (Kultur- und Kongresshaus Verrucano in Mels).

Die Kulturförder-Fachleute berichteten von positiven Erfahrungen mit einem sogenannten Grassroot-Ansatz (Kulturstiftung Thurgau), von Fördergeldern, die auch für noch nicht etablierte Künstlerinnen und Künstler von Interesse sind (Stadt Lichtensteig) und der Fördertätigkeit der Stiftung Erbprozent Kultur. Wer und was soll unterstützt werden – und vor allem auch: warum? Dies gelte es immer wieder zu hinterfragen.

Tanja Scartazzini nahm den Faden in der Schlussrunde auf und rief dazu auf, offen zu sein für Neues. Als Stichworte nannte sie Co-Innovation, Kooperationen, über Grenzen hinausschauen und -denken. Dazu gelte es, Bewährtes zu bewahren und in eine gute Zukunft zu führen. In der ganzen kulturellen Vielfalt und dem damit verbundenen Wandel sei es aber auch wichtig, sich selber nicht zu verlieren.

 

 

 

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,