«Lucy, bitte, tun Sie sich das nicht an. Machen Sie sich noch eine schöne Zeit, zwei Monate. Fahren Sie weg. Planen Sie Ihre Beerdigung. Und dann gehen Sie in Würde, wie es Ihnen zusteht.»
Marcus Schäfer redet auf Lucy ein. Als Dr. Asche, wie der Arzt im Stück heisst, sieht er den Dingen ins Auge. In der Gesellschaft, die das Stück sterben helfen entwirft, ist Sterben Pflicht, wenn es einem nicht mehr gut geht. Und Lucy geht es lausig. Sie ist um die 40, erfolgreiche Managerin, schwanger, und dann die Diagnose: Krebs. Ein klarer Fall, der Giftcocktail ist bereit, jeder Erwachsene hat ihn bei sich zuhause und organisiert seinen Tod «in Würde», wenn es Zeit wird, samt Beerdigung und stilvoller Abschiedsrede, wie es Lucys Mutter am Anfang des Stücks vorgemacht hat.
Aber Lucy will nicht. Sie will nicht sterben. Sie will nicht, sie kann nicht, leben will sie. Ihre Rebellion gegen den «sauberen Tod» bringt das Stück ins Rollen. Und das Publikum hoffentlich ins Nachdenken, sagt Regisseur Manuel Bürgin.
Persönliches Kammerspiel
Mitte März, eine Probe in der Lokremise, im kleinen Saal, wo das Stück am 4. April Premiere hat. Es geht ums Timing der Auftritte, um die kleinen, genauen Gesten in diesem sehr persönlichen Kammerspiel. Die Szenen sind kurz, keine einfache Aufgabe, sagt der Regisseur; man müsse den Rhythmus finden und trotz der knappen Sätze Raum schaffen für die Figuren rund um Lucy.
Premiere: 4. April, Lokremise St.Gallen theatersg.ch
Jessica Cuna spielt die Hauptfigur. Ihr zur Seite Anja Tobler als Trude, ihre Frau, die sie bedingungslos unterstützt in ihrer Entscheidung. Der Vater (HansJürg Müller) dagegen zieht verständnislos über seine Tochter und ihr egoistisches Nichtsterbenwollen her. In wechselnden Rollen ist Fabian Müller dabei, und als Stimme von aussen und später als Tod greift Birgit Bücker immer mehr ins Geschehen ein.
Gearbeitet wird sorgsam, bei der Kritik nach dem Probedurchlauf kommen alle zu Wort. Bürgin ist in der freien Szene zuhause, heute leitet er das kleine Theater Winkelwiese in Zürich, und entscheidend ist für ihn, die Mitwirkenden zu einem Ensemble zusammenzuschweissen – das gelinge dann, wenn sich alle konstruktiv einbringen und Entscheidungen gemeinsam treffen. Spektakel liegt ihm fern, ein paar wenige Tische und Stühle genügen als Bühne, Licht und Ton sollen sparsam eingesetzt werden. Ein futuristisches Ambiente, in dem man sich das Stück auch vorstellen könnte, interessiert ihn nicht – denn die Fragen, die der Text aufwirft, stellen sich schon hier und heute.
Die Angst vor dem «schwarzen Loch»
Zuvor, zu Beginn der Probenphase, hätten er und das Ensemble viel über das Thema gesprochen, über eigene Erfahrungen mit Sterbenden und ihre Vorstellungen vom Tod, erzählt Bürgin. Zudem hat das Theater mit dem Leiter der Palliativstation am Kantonsspital, Daniel Büche, und mit Roland Buschor, Hospizleiter in St.Gallen zusammengearbeitet und gemerkt: Die Ärzte sind froh darüber, dass das noch immer weitherum tabuisierte Thema auf die Bühne kommt. Und beide betonen, in einem Interview für das Theatermagazin «Terzett», die Qualitäten, die ein Sterbeprozess haben kann. «Das Wichtigste für die Menschen auf der Station ist, zu spüren, dass nicht einfach das schwarze Loch kommt», sagt Büche. «Wir können viele Symptome, vor denen die Menschen Angst haben, behandeln. Auch innerhalb der Krankheit ist es möglich, intensiv zu leben, vielleicht intensiver als je zuvor.»
So geschieht es auch Lucy im Stück – sie trotzt dem Kotzen und der Schwäche, der Chemo, den Anfeindungen des Vaters und den bald ratlosen, bald rabiaten Interventionen des Arztes, der ihr klarzumachen versucht: «Sie sind zum aktuellen Zeitpunkt leider nur noch ein Kostenfaktor für uns alle. Das klingt jetzt ziemlich hart, aber denken Sie es durch, es ist so. Wir, als Gesellschaft, können keinen Nutzen mehr aus Ihnen ziehen.»
Und welchen Nutzen zieht das Publikum? Eine einfache Moral liefere das Stück nicht, sagt der Regisseur. Seine Inszenierung soll ebenfalls offen bleiben. «Das Beste, was das Stück leisten kann, ist: Fragen aufzuwerfen.» Er sei selber hin und her gerissen, sagt Bürgin, mit 44 in einem Alter, in dem die Fragen nach Alter und Sterben so langsam auftauchten, jedenfalls stärker als noch vor ein paar Jahren. «In gewissen Fällen kann ich total verstehen, wenn jemand sagt: Ich will nicht mehr. Und andrerseits beeindruckt es mich, wenn sich jemand für den natürlichen Sterbeprozess entscheidet, so wie Lucy.»
Gegen Ende des Stücks taucht ein Fernsehteam auf. Der «Fall Lucy» interessiert. Im Interview fragt der Reporter Trude einmal, ob sie sich selber auch so entscheiden würde wie Lucy. Trudes Antwort ist: «Ehrlich gesagt, ich glaube nicht. Ich würde den einfachen Weg wählen.»
Dieser Beitrag ist im Aprilheft erschienen.
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