Er bemüht sich um eine Sprache, die die Beamten verstehen. «Indem ich weder Trinker, noch arbeitsscheu bin, sondern die Gemeinde Sirnach hat mich hieher versorgen lasssen, indem ich 2 Kinder habe, aber jedoch noch nicht verheiratet bin», schreibt Josef Theodor Peterli in seinem Gesuch an den Regierungsrat um Entlassung aus der Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain vom 7. September 1919.
Wanderausstellung «Ausgegrenzt & weggesperrt»: bis 7. April, Marktgasse St.Gallen. Kurzführungen: 5. April 12 / 12.15 / 12.30 Uhr
uek-administrative-versorgungen.ch
Peterli ist einer von zahllosen Personen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und zwangsversorgt wurden. Allein im Zeitraum 1930 bis 1980 wurden mehrere zehntausend Männer, Frauen und auch Kinder «administrativ versorgt» – das heisst in Heime, Anstalten und Gefängnisse eingewiesen, ohne dass sie eine Straftat begangen hatten. Seit 2014 hat eine neunköpfige Expertenkommission im Auftrag des Bundesrats dieses düstere Kapitel der helvetischen Geschichte untersucht. Jetzt erscheint ihr Bericht, in insgesamt zehn Bänden beim Chronos Verlag sowie im Netz, begleitet von einer Wanderausstellung. Diese macht bis zum 7. April in der St.Galler Marktgasse Station.
«Versorgt und damit von der Gesellschaft ausgeschlossen werden hauptsächlich Personen aus sozial und ökonomisch benachteiligten Schichten», heisst es in der Ausstellung. Sie wurden mit Begriffen wie «arbeitsscheu», «liederlich», «trunksüchtig», «verwahrlost» oder «asozial» abqualifiziert. «Die Zuschreibungen widerspiegeln die traditionellen Geschlechterrollen: Männer werden beispielsweise interniert, wenn sie angeblich ihre familiären Unterstützungspflichten vernachlässigen. Frauen kommen überwiegend wegen vermeintlicher Verstösse gegen rigide Moralvorstellungen in Anstalten.»
648 solcher Anstalten verzeichnet die interaktive Karte der Schweizer «Anstaltslandschaft». Eine weitere Karte dokumentiert die kantonalen behördlichen Netzwerke und Gesetze. Im Kanton St.Gallen etwa blieb das «Gesetz betreffend die Versorgung arbeitsscheuer und liederlicher Personen in Zwangsarbeitsanstalten vom 1. August 1872» bis 1971 in Kraft. Was das bedeutete, macht zum Beispiel der Fall Thomas A. deutlich.
Internierte in der Anstalt Bellechasse (FR), 1920 bis 1930.
Die Ausstellung und vor allem ihre erweiterte Fassung im Netz geht weiter dem Anstaltsalltag nach, beschreibt die harten Arbeitsbedingungen und die drakonischen Strafen, unter anderem Isolationshaft und Essensentzug. Aber auch kritische Stimmen kommen zu Wort wie der Autor Carl Albert Loosli, selber ein Opfer von Anstaltseinweisungen. Die «schweizerischen Konzentrationslager», schreibt Loosli 1939, «gehören zum Empörendsten, das man sich überhaupt vorzustellen vermag».
Ursula Biondis Kampf um Rehabilitation
Dutzende dieser Schicksale holt der jetzt erschienene erste Band Gesichter der administrativen Versorgung ans Tageslicht. Zu ihnen gehört Ursula Biondi, die eine entscheidende Rolle für die späte Rehabilitation der Opfer gespielt hat.
1949 in Zürich geboren als Tochter eines patriarchalen italienischen Vaters, rebelliert sie früh, gerät ein erstes Mal ins Visier der Jugendanwaltschaft, wird als Au-Pair im Wallis missbraucht, kommt ins Töchterheim Sonnenberg Walzenhausen, von wo sie immer wieder flüchtet, wird schwanger von einem Zürcher Bekannten und schliesslich 17jährig für zwei Jahre in die Frauenstrafanstalt Hindelbank eingewiesen. Ursula Biondi kämpft um das Kind, das man ihr gleich nach der Geburt wegnimmt, fasst langsam Tritt nach der Entlassung aus der Strafanstalt und der Entmachtung ihres Vormunds, hat beruflich Erfolg, heiratet und publiziert 2003 ihre Autobiografie – in einer Zeit, in der die Öffentlichkeit langsam beginnt, sich mit dem Schicksal von Verding- und Heimkindern zu beschäftigen. Andere Veröffentlichungen folgen; der «Beobachter» publiziert 2010 das Buch Weggesperrt. Warum Tausende in der Schweiz unschuldig hinter Gittern sassen.
Inserat zur Zürcher Volksabstimmung über das Zwangsversorgungsgesetz, 1925.
Zusammen mit Mitbetroffenen gründet Ursula Biondi die Interessengemeinschaft RAVIA zur Rehabilitation der administrativ Versorgten. Mit Unterstützung der Politik, allen voran Nationalrat Paul Rechsteiner und Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, kommt schliesslich 2014 das Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen zustande, das die Grundlage der jetzt publizierten Forschungen ist.
«Hinter dem Begriff ‹administrativ Versorgte› steht eine 100 Prozent grausame Behördenwillkür. Er bedeutet aufgezwungene Schicksale. ‹Recht› wurde gebraucht, um Unrecht zu tun», sagt Ursula Biondi. Mit fatalen psychischen Folgen: «Seelenminen lauern überall und können jederzeit explodieren», schreibt sie über die Traumatisierungen, mit denen die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen fast täglich zu kämpfen hätten.
Ein «Erinnerungszeichen» auf der Kreuzbleiche
Dem «dunklen Kapitel der Sozialpolitik» nimmt sich seit einiger Zeit auch der Kanton St.Gallen an. In seinem Auftrag berät die Opferhilfe Betroffene bei der Suche nach Dokumenten und spricht Solidaritätsbeiträge. Bis Ende 2018 wurden 479 Betroffene unterstützt. Ausserdem plant der Kanton gemäss einer Mitteilung vom Mittwoch einen Gedenkanlass: Am 21. September 2019 werden Betroffene und Angehörige in die Lokremise eingeladen. Anschliessend wird auf dem Spielplatz Kreuzbleiche ein «Erinnerungszeichen» eingeweiht.
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.