, 1. April 2014
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Reggae Against Homophobia

Seit neustem finden in der Stadt St.Gallen jeden Mittwoch Abend «LGBT-Groove-Reggae-Nights» statt. Wie es dazu kam? Hier die Geschichte.

Naurasta Selecta ist Palästinenser aus Syrien und seit 20 Jahren in der Ostschweiz, würde sich selbst als Marsmensch bezeichnen, singt gerne indische und pakistanische Lieder, spielt Reggae aus Jamaica und Anderswo. Er fühlt sich zu Hause in Kanton Nirgendwo und liebt Schallplatten. Tönt abgefahren, ist aber so.

Ausnahmen im «Kommerzscheiss»

Der DJ sieht seinen Auftrag darin, gute Musik zu verbreiten und ist dabei offen für vieles, ausgeschlossen ist aber «Popmusik» und «Kommerzscheiss». Doch auch bei ihm gibts immer wieder Ausnahmen, etwa Adele’s Titeltrack zum Bondfilm Skyfall. Früher lief auch besseres im Radio, meint Naurasta, allerdings müsse Musik einfach persönlich gefallen. Er selbst favorisiert international Vermischtes wie Reggaedub von Mute Beat aus Japan oder Apache Indian aus Indien/UK:

Seine Vinylpassion kommt daher, dass er als Dreikäsehoch auf MTV und Viva Videoclips von Techno-DJ’s gesehen hat: Ihn faszinierte, wie diese mit «uralter» Technik modernste Musik produzierten. Über ein Technocover kam er dann Ende der 90er auch auf Bob Marley, begeisterte sich bald für Reggae und besuchte ab 2002 regelmässig Parties der «Jah Children» in der Grabenhalle.

Am nächsten beim Herzschlag

Geil findet er an diesem Musikstil, dass mit einfachen Mitteln so viel gemacht werden kann, er schätzt die meditative Seite davon: «Reggae geht direkt auf die Seele», sagt der DJ. Ein Wissenschaftler meinte einst, Reggae habe den Beat, der am nächsten beim Herzschlag sei. Naurasta schwört auf King Tubby, Prince Fatty, Hollie Cook, Little Roy und Lee Scratch Perry. Was für Rastafaris Haile Selassie ist, sei für ihn King Tubby:

Tubby, der Toningenieur aus Jamaica, hat den Dub stark geprägt. Er wurde ’89 von einem Strassenräuber erschossen. Künstler wie Prince Fatty mag Naurasta dafür, dass sie wenig über Rastafari-Themen singen, sondern primär geile Musik machen, Soundsystemkultur leben und Humor haben.

So auch das Label «Jahtari», wo er den 8-Beat Sound kennengelernt habe. Auch die machten nicht «so Rastazeug», sondern eher alte Sachen wie etwa 80er-Jahre-Dancehall. Alles in allem sei die Reggae-Community international wie national eine Familie, verbunden durchs Internet.

Religiöse und homophobe Texte

Die Musik der 70er und 80er sei irgendwie revolutionär gewesen, sagt Naurasta, man sang für Menschenrechte und Frieden und thematisierte Unrecht, wo immer es auftauchte. Die religiösen Geschichten wurden erst später zum allesbeherrschenden Thema, nach dem Ende der Digital-Ära in den 90er tauchten Figuren wie Capleton oder Sizzla auf, welche der Bobo-Ashanti-Sekte angehören und schwer religiöses und homophobes Zeug texten.

Wie eigentlich alle Reggaefans tanzte auch Naurasta in seiner Jugend zu solchen Tracks. Erst später fand er raus was da gesungen wurde, und dies schockierte ihn aufs Gröbste. Der Unterschied: Naurasta sortierte solche Tracks aus, damit nimmt er es genau.

Sein Traum wäre es, die LGBT-Community und Reggaefans auf seinen Parties gemeinsam tanzen zu sehen. Die Liebe zur Musik sei mit Intoleranz sowieso unvereinbar.

Religiöse Fanatiker, die beispielsweise an eine Renaissance der orthodoxen äthiopischen Kirche glauben, können sich zwar tolerant geben, was bei sorgfältiger Betrachtung aber elementare Widersprüche aufzeigen lässt. Auch der Sänger Yellowman bemerkte vor ein paar Jahren in einem Interview, dass das Hauptproblem der Reggaeszene die Homophobie sei.

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Punktuell peinliches Mitteleuropa

Naurasta selbst ist Atheist und macht sich gerne mal lustig über sektiererisches Getue von mitteleuropäischen Reggae-Kids, die Sachen von sich geben ohne diese zu verstehen. Etwas peinlich sei das schon.

Religiöse Themen im Reggae lassen sich nicht völlig aussortieren, müsse man aber auch nicht unbedingt. Der Selecta vergleicht mit Gospel oder dem Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, also durchwegs spiritueller Musik, die er auch möge. Er respektiert solche Rethorik als adäquates Mittel sich zum Ausdruck zu verhelfen.

Diese Musik ist ihm allemal lieber als missionarisches, ausschliessendes und ignorantes Gedankengut, da muss man eine Linie ziehen. Naurasta hört dabei vor Allem auf sein Gefühl; Intoleranz hat in seiner Welt keinen Platz.

Roots Foods: LGBT-Groove-Reggae-Night, jeden Mittwochabend ab 19 Uhr im CMC an der Metzgergasse in St.Gallen.

Und für Kursentschlossene: Am Dienstag, dem 08. April beehren «Morgan Heritage» das Conrad Sohm in Dornbirn. Das Kollektiv ist zurück mit «Here come the Kings», dem ersten Album der «Royal Familie of Reggae» seit fünf Jahren.

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