, 17. Dezember 2014
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Regierungen befürchten «Einheitsbrei»

Sorgen um die mediale Zukunft der Region: Die Ostschweizer Regierungen kritisieren mit scharfen Worten die geplanten Umstrukturierungen bei den Regionalmedien der NZZ-Gruppe.

Luzerner Zeitung und Tagblatt stehen neu unter gemeinsamer Leitung – und planen «Synergien». Dies hat die Volksdirektorenkonferenz der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein aufgeschreckt. Es sei nicht hinnehmbar, von einer «fusionierten Redaktion publizistisch versorgt» zu werden, die zwei separate Räume abdecken müsse, heisst es in einer Medienmitteilung der VDK-Ost vom Mittwoch. Und weiter: «Dies führt zu einem journalistischen Einheitsbrei, der den spezifischen Eigenheiten der beiden regionalen Räume nicht gerecht wird. Der regionale Bezug bei wichtigen innen- und wirtschaftspolitischen Themen wird verwässert oder geht ganz verloren. Unserem Landesteil droht ein erheblicher publizistischer Abstieg mit grundlegenden Folgen für das Selbstverständnis und die Identität der Ostschweiz. Themen und Ereignisse, welche die Schweiz bewegen, wollen die Menschen in der Ostschweiz auch aus ihrer eigenen Perspektive und Herkunft beleuchtet haben.»

Jörg Weber Leiter Regionalmedien NZZ-Gruppe

Der Luzerner Jürg Weber, neuer Leiter Regionalmedien der NZZ-Gruppe.

«Effizienz im Hintergrund erhöhen»

Der kürzlich bestimmte Leiter der Regionalmedien der NZZ-Gruppe, Jürg Weber, entgegnet auf Anfrage: «Hintergrund der Neuorganisation ist,  dass die NZZ-Mediengruppe die restlichen 25 Prozent der Freien Presse Holding (FPH) aufgekauft und dies als Anlass genommen hat, die Regionalmedienhäuser, an denen sie mehrheitlich beteiligt ist, unter ein Dach und unter eine einheitliche Führung zu stellen.»

In einem Markt, der unter sehr grossem Druck stehe, fährt Weber fort, wolle man sich rechtzeitig darauf vorbereiten, die Effizienz im Hintergrund zu erhöhen. Darum würden diejenigen Aktionsfelder optimiert, die die Leserinnen und Leser nicht direkt beträfen. «Damit sind wir nicht plötzlich gezwungen, am falschen Ort zu schneiden», sagt Weber.

Als Privatunternehmen sei man ebenso wie die Politik daran interessiert, im regionalen Markt Erfolg zu haben. «Das wollen wir sicherlich nicht gefährden», streicht der Leiter der NZZ-Regionalmedien heraus. «Die Produkte und die dahinter stehenden Teams werden ihren regionalen und lokalen Fokus behalten, das gilt ganz besonders für redaktionelle Themen. Auch bei der überregionalen Berichterstattung werden wir weiterhin den regionalen Bezug herstellen, indem wir die Stimmen und Kommentare von lokalen Politikern und Vertretern der Wirtschaft einholen.»

Kantone wollen Gespräche mit der NZZ-Spitze

Der St. Galler Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Benedikt Würth ist Präsident der VDK-Ost. Er sagt, dass die Stellungnahme zur aktuellen Medienentwicklung in der Ostschweiz nicht auf Druck von aussen erfolgt sei. «Die Ostschweizer Regierungen verfolgen die Entwicklungen bei den Medien aus eigenem Antrieb». Und weiter:«Weil die Medien zu den Dossiers der Volkswirtschaftsdirektoren gehören, sah sich die VDK-Ost anlässlich ihrer Sitzung in Frauenfeld zu der Stellungnahme veranlasst.»

Die mediale Fusionierung mache den Ostschweizer Volkswirtschaftsdirektoren Sorge, sagt Würth. «Wir haben dies schriftlich der NZZ-Spitze mitgeteilt und dabei im wesentlichen die Punkte angesprochen, die in der Medienmitteilung aufgeführt sind. Wir erwarten diesbezüglich Gespräche mit der NZZ-Spitze. Es ist durchaus denkbar, dass sie bilateral mit Vertretern der einzelnen Ostschweizer Kantone stattfinden werden.»

«Für Ausserrhoden ist schon St.Gallen weit weg»

Appenzell Ausserrhoden reagiert sensibel auf die Behandlung der Regionalmedien durch die NZZ-Gruppe. «Die mediale Situation in unserem Kanton ist sehr wichtig», sagt der Mediensprecher des Kantons, Georg Amstutz.. «Die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Appenzeller Zeitung ging mit der Übernahme durch das St. Galler Tagblatt zwar verloren, aber dieses Organ ist trotzdem noch unser eigenes Medium. Es steht für unsere Identität.»

Es dürfe nicht passieren, dass Ausserrhoden künftig medial irgendwo im Dreieck St. Gallen, Zürich, Luzern angesiedelt sei, nur weil sich das wirtschaftlich für die Medienkonzerne am besten rechne. «Es gibt klare Grenzen bei der redaktionellen Zusammenlegung von Regionalzeitungen», meint Amstutz. «Regionale Inhalte müssen vor Ort erarbeitet werden. Für eine Appenzeller Zeitung ist schon die Stadt St. Gallen weit weg.»

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