Ganz einsam liegt er da, der Gipssack, auf dem Boden des Foyers im Kunstmuseum St. Gallen. Sein Inhalt ist über den ganzen Boden verstreut. Als hätte ihn jemand in Wut und Verzweiflung mit voller Wucht auf den Boden geknallt. Was hätte aus dem Material entstehen können? Eine Skulptur, ein Relief? Der Sack verkörpert den Beginn oder Nichtbeginn einer künstlerischen Arbeit. Was ist potenziell möglich, was sind ökonomische Rahmenbedingungen?
Maria Anwanders Gipssack im St.Galler Kunstmuseum.
Das sind Assoziationen und Fragen, die beim Betrachten der Arbeit von Maria Anwander auftauchen. Die Künstlerin aus Vorarlberg widmet sich provokanten Themen wie der Belastung, der Kunstschaffende unterliegen, wenn sie für Ausstellungen und Auftragsarbeiten unter Zeitdruck Arbeiten produzieren. Der Aspekt der Selbstvermarktung und des Networkings sowie die Rahmenbedingungen, unter denen Kunstschaffende zu funktionieren haben, werden begleitet von Selbstzweifeln.
Das Keulenbündnis
Um sich vor einem Ausbremsen der Möglichkeiten zu schützen, macht sich ein Bündnis von Gleichgesinnten immer gut. Der Thurgauer Künstler Christoph Rütimann thematisiert die Zusammenarbeit der sieben teilnehmenden Kantone und Länder. An jedem Ausstellungsstandort ist seine Arbeit «7 Kulturkeulen für 7 Regionen» zu begutachten; an den Vernissagen wurden die Keulen von Vertretern der Ausstellungshäuser an die jeweiligen Kulturverantwortlichen der Kantone und Länder übergeben.
Eine von Christoph Rütimanns Kulturkeulen, hier im Kunstmuseum Appenzell, rechts Beni Bischof.
Die Arbeit Rütimanns besteht aus sieben Kulturkeulen: Holzskulpturen aus regionalen Obstbäumen. Die Veredelungsstellen der Stämme weisen mehrdeutige Formen auf. Die vegetative Vermehrung, der Begriff stammt aus der Botanik, ist ein künstlich vorgenommener Eingriff. Um Sorten zu erhalten und kräftigeren Wuchs zu fördern, werden einzelne Pflanzenteile auf andere aufgepfropft. Das Ziel ist dabei vergleichbar mit dem der Kunsthäuser: nämlich die Schaffung neuer Möglichkeiten, die auf eine ertragreiche Ernte hoffen lassen.
Identität und Integration
Ein grosses Foto zeigt Erwachsene und Kinder auf einem Holzboot, inmitten einer idyllischen Naturlandschaft. Die Berge im Hintergrund erzeugen eine monumentale Stimmung. Die Menschen sehen klein aus, im Vergleich zur See- und Bergkulisse. Das Foto vermittelt unmittelbar das Gefühl von Weite und Grösse, wie sie nur die Natur hat. Die Menschen scheinen glücklich. Doch sind sie es auch? Der Begleittext lässt anderes vermuten.
«Heimspiel» findet alle drei Jahre statt. Aus rund 370 eingereichten Portfolios wurden durch eine Fachjury 68 künstlerische Positionen ausgewählt. Beteiligt sind 75 Kunstschaffende, die ihre Arbeiten im Kunstmuseum Appenzell, im Kunstraum Dornbirn und in Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen zeigen; zudem sind im St.Galler Projektraum Nextex alle Dossiers einzusehen. Bewerben konnten sich Kunstschaffende aus den Kantonen Thurgau, beiden Appenzell, St.Gallen und neu Glarus, Vorarlberg und Liechtenstein. Die Ausstellung dauert bis zum 10. Februar 2019.
heimspiel.tv
Der poetische Text erzählt von den Pflichten einer Tochter. Geleitet von Respekt und Ehrerbietung, die Ansprüche der Eltern zu erfüllen, die ein anderes kulturelles Umfeld erfahren haben. Die Tochter hat ihre Wurzeln aber auch hier, in der Schweiz. Diese raumeinnehmenden identifikativen Anteile des Selbst miteinander zu vereinbaren, ist der Kampf vieler in der Schweiz. Doch das Foto mit der Familie in der See- und Berglandschaft des Alpsteins lässt die Hoffnung auf eine weitere Möglichkeit durchblitzen. Es zeigt eine kulturelle Collage von Identität und Integration – das Boot, die Familie aus Vietnam, verbunden mit der Weite der hiesigen Natur.
Die Arbeit der jüngsten Teilnehmerin Thi My Lien Nguyen ist in der Kunsthalle St. Gallen zu sehen. Die Künstlerin beschreibt sich selbst als visuelle Geschichtenerzählerin. Sie untersucht Fragen zu kultureller Identität, die sie auch in Relation zu ihren vietnamesischen Wurzeln stellt.
Die Türen stehen nicht allen offen
Ein paar Schritte weiter sind sechs Türen zu sehen, freistehend positioniert und mit grossen Schrauben fest im Boden verankert. Die eigentliche Funktion der Türe, als Durchgang benutzt zu werden, ist ausser Kraft gesetzt. Bei näherer Betrachtung sind Löcher in den Türen, Gucklöcher, in verschiedenen Mustern angeordnet, zu erkennen. Wer schaut durch die Spione? Zusätzliche Schlitze in den Türen dienen als Platzhalter für verschiedene Objekte. Es scheint, als könnten die Objekte, wenn sie denn die richtige Form aufweisen, durchs Schlupfloch auf die andere Seite verschwinden. Die Gucklöcher erinnern an die Funktion des Panoptikums, das durch seine organisierte Struktur für die selbstregulierende Kontrolle sorgt.
Die Türen von Jiajia Zhang, links eine Arbeit von Vera Ida Müller.
Die Arbeit stammt von der St.Galler Künstlerin Jiajia Zhang. Sie thematisiert mit ihrer Installation ein- und ausschliessende Mechanismen, die im institutionellen oder persönlichen Geschehen stattfinden. So wie es auch mit den Künstlerinnen und Künstlern geschieht, deren Arbeiten von einer Jury anerkannt werden oder nicht.
Nächste Führungen: 18. Dezember, 18 Uhr, Kunsthalle St.Gallen 19. Dezember, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen
Die beschriebenen Werke in der Kunsthalle und im Kunstmuseum werfen Fragen zum Kunstbetrieb auf. Welche Kantone sind beteiligt und warum? Unter welchen Bedingungen darf sich Kunstschaffen einem Kanton zugehörig wissen? Was bedeutet kantonal und international in diesem Kontext? Welcher Preis wird fürs Mitspielen bezahlt? Und wer kommt in den Besitz einer Kulturkeule und warum?
Diese Fragen sind wichtig, um strukturelle Gegebenheiten in der Kulturlandschaft zu dekonstruieren. Wichtig, weil die Ein- und Ausschlussmechanismen das Potential der Kunst beschneiden. Die Kunsthäuser müssen sich für ihre eigene Positionierung und eine lautere Stimme Komplizinnen und Komplizen suchen. Kunstschaffende profitieren von der Stärke dieser Bündnisse, sind aber dem Urteil der Jury unterworfen, die ihrerseits von den Veranstaltern gestellt wird. Das Keulenbündnis hat seine zwei Seiten. Das Heimspiel überschreitet Grenzen, aber verstärkt zugleich Grenzziehungen.
Auf jeden Fall sind, wie sich an den Vernissagen in Dornbirn, in St.Gallen und Appenzell zeigte, «in der Region für die Region» viele Fans – in Form von Besucherinnen und Besuchern – da, die ihrer Mannschaft beim Heimspiel zujubeln. Und sich unter Gleichgesinnten gut aufgehoben fühlen.
Mehr zum Heimspiel 2018 im Januarheft von Saiten.
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Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
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Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
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Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
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Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.