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Reisen mit einem anderen Kompass

Christoph Nix legt mit Gramscis Geist – Ein sardisches Tagebuch einen Band vor, der in keine Schublade passt: Die Landschaft wird zum Kreuzungspunkt von persönlichen Erlebnissen, historischen Ereignissen und politischer Philosophie. 

Chris­toph Nix ist ein un­kon­ven­tio­nel­ler Zeit­ge­nos­se: Als pro­mo­vier­ter Ju­rist war er Straf­ver­tei­di­ger und Pro­fes­sor. Als Thea­ter­mensch be­gann er als Clown, stu­dier­te Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und war un­ter an­de­rem von 2006 bis 2020 In­ten­dant des Thea­ters Kon­stanz. Als Au­tor pu­bli­zier­te er zu Thea­ter­recht und Kul­tur­po­li­tik, aber auch ei­ne Tri­lo­gie von Afri­ka-Ro­ma­nen. Und dann am­tet er noch als Ho­no­rar­kon­sul von Ma­la­wi.

Die Quer­den­ke­rei Nix’ zeigt sich auch in sei­ner neus­ten Pu­bli­ka­ti­on. Gramscis Geist. Ein Sar­di­sches Ta­ge­buch wird Buch­händ­ler:in­nen vor ei­ne schwie­ri­ge Fra­ge stel­len: Wo ein­ord­nen? Es ist Rei­se­füh­rer, per­sön­li­ches Ta­ge­buch, po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie – al­les in ei­nem und in al­lem sehr epi­so­disch. Das Buch gibt Zeug­nis da­von, wie im Le­ben al­les zu­sam­men­wirkt und letzt­lich nicht von­ein­an­der zu tren­nen ist.

Vom Rei­sen und von Rei­se­be­glei­tern

Die 18 Tex­te im Buch be­schrei­ben je ei­ne Sar­di­ni­en-Rei­se und um­span­nen den Zeit­raum von 1980 bis 2024. Die ge­fah­re­nen Rou­ten sind im An­hang auf­ge­lis­tet, ei­ne Kar­te ver­schafft Über­blick. Das Buch nennt Strän­de, Cam­ping­plät­ze und Gast­häu­ser, es be­schreibt Fahr­stras­sen und die At­mo­sphä­re von Dör­fern, da­zu kom­men Mu­se­en und Stät­ten, an de­nen man die wech­sel­vol­le Ge­schich­te der In­sel er­fah­ren kann – es warnt aber auch vor dem vom Mi­li­tär ver­seuch­ten Ge­biet bei Quir­ra. Als Rei­se­füh­rer taugt das Buch in­des nur be­dingt, eher schon als Be­gleit­lek­tü­re auf ei­ner Tour durch Sar­di­ni­en.

Am An­fang über­rascht, welch wich­ti­ge Rol­le die Rei­se­be­glei­ter:in­nen in die­sen Tex­ten spie­len: Ein­mal sind es Freun­de, Kin­der, ei­ne gan­ze Fa­mi­lie, ein an­der­mal sind es Thea­ter­leu­te oder ein Mä­zen. Beim Kol­lek­tiv der Rei­se­grup­pe be­ginnt, was Nix auch im Gros­sen in­ter­es­siert: das herr­schafts­freie mensch­li­che Zu­sam­men­le­ben.

Klei­ner Mann mit spit­zer Fe­der

Und da ist er: der Geist von Gramsci. Die Pra­xis des Le­bens als Ge­mein­schaft hat den po­li­ti­schen Phi­lo­so­phen um­ge­trie­ben. Ge­bo­ren wur­de An­to­nio Gramsci 1891 in Ales. Er er­leb­te bit­te­re Ar­mut und die An­fän­ge der Ar­bei­ter­be­we­gung in Sar­di­ni­en. Dank ei­nes Sti­pen­di­ums konn­te er in Tu­rin stu­die­ren. Er war als Jour­na­list po­li­tisch ak­tiv und ab 1924 Ge­ne­ral­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens.

Der klei­ne Mann mit dem Bu­ckel und der spit­zen Fe­der war den Fa­schis­ten ein Dorn im Au­ge. 1926 wur­de Gramsci ver­haf­tet und bis 1937 ein­ge­ker­kert. Er ver­starb we­ni­ge Ta­ge nach sei­ner Ent­las­sung in Rom, oh­ne sei­ne zwei Kin­der noch ein­mal ge­se­hen zu ha­ben. Sein Ver­mächt­nis sind die 32 «Ge­fäng­nis­hef­te», in de­nen Gramsci sei­ne Ge­dan­ken fest­ge­hal­ten hat. Es ist ei­ne Vi­si­on von ei­ner Ge­sell­schaft, die nicht nach rein öko­no­mi­schen Grund­sät­zen funk­tio­niert.

Nix Gramscis Geist

Wer sich auf Sar­di­ni­en auf die Spu­ren von An­to­nio Gramsci be­gibt, kann sei­nen Ge­burts­ort und sei­ne Schu­le be­su­chen, Kaf­fee trin­ken auf ei­ner der vie­len Piaz­ze An­to­nio Gramsci oder nach Ulas­sai fah­ren zu dem Berg, der Gramsci zu ei­nem Mär­chen für sei­ne Kin­der in­spi­riert hat. Dar­in schaf­fen ei­ne Maus und ein Kind den Hun­ger und die Zer­stö­rung aus der Welt – po­li­ti­sches Den­ken in ei­nem mensch­li­chen, warm­her­zi­gen Ton.

Die Lek­tü­re liegt griff­be­reit im Hand­ge­päck

Nix be­reist Sar­di­ni­en mit Gramscis Bio­gra­fie im Hand­ge­päck. «Die Kom­pass­na­del schlägt aus, die Rei­se wird in­ten­si­ver. Sie kann zu ei­ner po­li­ti­schen Me­di­ta­ti­on wer­den», schreibt er im Vor­wort. So reist er zu den «gu­ten» Ban­di­ten von Or­go­so­lo, wo Wand­ma­le­rei­en bis heu­te von der Ge­schich­te der un­ter­drück­ten Klas­sen und Völ­ker er­zäh­len. Die­ses Ban­di­ten­tum hebt er klar von der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät der Ma­fia ab wie auch von den heu­ti­gen Stras­sen­räu­bern, de­nen er in Ca­glia­ri nur knapp ent­kommt.

Mehr­mals füh­ren die Rei­sen nach Bug­ger­ru, wo einst Zink und Blei ab­ge­baut wur­den. 1903 wehr­ten sich die Mi­nen­ar­bei­ter ge­gen die schlech­ten Ar­beits­be­din­gun­gen, ein An­fangs­punkt des sar­di­schen So­zia­lis­mus. Der Auf­stand wur­de blu­tig nie­der­ge­schla­gen. Heu­te ist der Ha­fen ver­san­det, die Fi­nanz­ma­fia in­ter­es­siert sich nicht für die Fi­scher. Bug­ger­ru ist auch der Ort, den Nix 2001 für sei­ne Hoch­zeit mit Ti­na aus­wählt. «Soll­ten wir tat­säch­lich hei­ra­ten, al­le 68-er Re­geln ver­let­zen, dann auf Sar­di­ni­en», schreibt er. Die zärt­li­chen Lie­bes­brie­fe Gramscis an sei­ne Frau Giu­lia Schucht im fer­nen Mos­kau lie­fern die pas­sen­de Be­gleit­lek­tü­re.

Autor Christoph Nix. (Bild: pd) 

Autor Christoph Nix. (Bild: pd) 

Ar­chai­sche Ri­tua­le und Bräu­che sind in Sar­di­ni­en om­ni­prä­sent. Gramsci un­ter­schied re­li­gi­ons­kri­tisch zwi­schen dem Gott der Un­ter­drück­ten und dem Gott der Pri­vi­le­gier­ten, er­kann­te in der Re­li­gi­on aber die «ko­los­sals­te Uto­pie», die dem Men­schen zeigt, dass er «mit den an­de­ren Men­schen ver­schwis­tert ist, den an­de­ren Men­schen gleich». Fo­tos von Pro­zes­sio­nen und Fes­ten von Se­bas­tia­no Pi­ras er­gän­zen die­ses Rei­se­ta­ge­buch, je­des Ka­pi­tel hat zu­dem ei­ne Il­lus­tra­ti­on von Kat­rin Boll­mann er­hal­ten. So streift man beim Le­sen in Wort und Bild durch die In­sel, er­kun­det Or­te und Ge­schich­ten. Rei­se­lei­ter Chris­toph Nix bringt im­mer wie­der neue The­men auf und führt kun­dig in die Ge­dan­ken­welt des An­to­nio Gramsci.

 

Chris­toph Nix: Gramscis Geist. Ein Sar­di­sches Ta­ge­buch. VSA: Ver­lag Ham­burg, 2014. 

Kon­stan­zer Li­te­ra­tur­ge­sprä­che mit Chris­toph Nix: 12. März, 19.30 Uhr, Foy­er Spie­gel­hal­le, Thea­ter Kon­stanz.

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