, 9. März 2010
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Reisender Krieger

Diesen Monat läuft im Kinok Christian Schochers Film «Der Reisende Krieger». Schocher ist Kinobesitzer in Pontresina und einer, der immer seinen  nächsten Film im Kopf hat. Hier ein Porträt, wie es 2008 im Engadiner Kultur- und Tourismusmagazin «piz» erschienen ist. Die Länge ist eher überdurchschnittlich… Cinema Rex, Pontresina Die Geschichte des Kino Rex in Pontresina […]

Diesen Monat läuft im Kinok Christian Schochers Film «Der Reisende Krieger». Schocher ist Kinobesitzer in Pontresina und einer, der immer seinen  nächsten Film im Kopf hat. Hier ein Porträt, wie es 2008 im Engadiner Kultur- und Tourismusmagazin «piz» erschienen ist. Die Länge ist eher überdurchschnittlich…

Cinema Rex, Pontresina

Die Geschichte des Kino Rex in Pontresina ist auch diejenige des Filmemachers Christian Schocher und seines Vaters, des Naturfilmers Batholome Schocher.

Der Eingang sieht aus wie jedes Entrée eines Schulhauses: ein Durcheinander von Jacken, Schultaschen stehen herum. Im ersten Stock spielen Kindergärtner am Boden mit Holzklötzen. Eigentlich erinnert nichts an ein Kino – bis Christian Schocher die grosse Türe öffnet: 220 Postersitze, davor eine kleine Bühne und die Leinwand, voilà, das Cinema Rex in Pontresina. Aber nur die Einrichtung im Saal ist fix, der Vorraum wird jeden Abend wieder von Neuem in ein Kinofoyer verwandelt: Vor jeder Vorstellung müssen die Kinoplakate auf- und nach Filmende wieder abgehängt werden. Seit 1958, also seit jubiläumsträchtigen 50 Jahren, laufen in dem an die «Chesa da Sculoa» angebauten ehemaligen Gemeindesaal Filme. Es war Bartholome Schocher, der Vater von Christian Schocher, der von der Gemeinde die Bewilligung für den Kinobetrieb erhielt. Viel hat sich seither nicht verändert. Die mächtigen Filmprojektoren in der Vorführkabine sind immer noch die gleichen, die bereits die Stummfilme des Vaters an die Leinwand projizierten. «Sie sind wie Traktoren», lobt Christian Schocher die zuverlässige Mechanik aus den 50er Jahren. Die Firma, die sie einst hergestellt hat, gibt es längst nicht mehr, Reparaturen sind nur noch möglich, weil ein italienisches Modell ähnliche Bauteile benötigt.

Mit der Kinofamilie Schocher lässt sich die Geschichte des traditionellen Lichtspieltheaters von den ersten Anfängen bis heute nacherzählen. Der Vater war ein begeisterter Naturfilmer, einer, der auch innovative Methoden ausprobierte. So baute er sich einmal neben einem Adlernest mit Ästen einen zweiten künstlichen Horst, um die Aufzucht junger Adler aus nächster Nähe dokumentieren zu können. «In der Nacht schlüpfte er hinein, tagsüber filmte er», schildert Christian Schocher. Mit solchen und anderen Naturfilmen reiste Bartholome Schocher in der Schweiz umher – als Einmann-Wanderkino. Sobald der Film begann, stellte er sich vorne neben die Leinwand und begann die Bilder live zu kommentieren. In der frühen 40er Jahren dokumentierte er Feste und das Brauchtum in den Bündner Tälern, nach Kriegsende unternahm er ausgedehnte Reisen durch das zerbombte Deutschland bis hinauf ans Nordkap, später ging es auch nach Asien und Afrika. Was ist aus diesen Aufnahmen geworden? Die besten – etwa die mit den jungen Adlern – habe er Mitte der 80er Jahre in seinen Film «Engiadina», einer Art Hommage an den Vater, eingebaut, erzählt Schocher. Einen grossen Wert hätten die Aufnahmen wohl nicht mehr. Es sei nämlich schwierig, die Bilder geografisch zuzuordnen. Die Zusammenhänge hatte der Vater im Kopf, dokumentiert sind seine Vorträge aber nirgends.

Zehn Jahre nach der Gründung des Cinema Rex – in Zürich waren gerade die 68er am revoltieren – übernahm Christian Schocher als 21jähriger Jungunternehmer das Rex vom Vater. Es hätte auch das Fotogeschäft sein können, die heutige Papeterie Schocher, die die Schwester führt. Doch die Wahl war für ihn klar: Er war längst vom Kino-Virus infiziert. «Als Bub habe ich mich immer wieder heimlich in den Saal geschlichen.» Der Vater muss wohl vom heimlichen Zuschauer gewusst haben, denn der habe jeweils so begeistert von Filmen erzählt, dass man dies nur als Aufforderung habe verstehen können. Es war die grosse Zeit der Western und die Helden hiessen John Wayne und – vor allem – Gary Cooper. Verbotenerweise habe er «La Dolce Vita» mit den für die damaligen Zeiten erotisch aufgeladenen Szenen mit Antia Ekberg im Trevi-Brunnen gesehen. Besonders beeindruckten ihn die frühen Filme von Bergmann oder «Orfeu Negro», Marcel Camus’ Version des antiken Mythos von Orpheus und Eurydike aus dem Jahr 1959. Die Vorführung des Klassikers hatte späte Folgen: «Als Fotografen-Lehrling in Chur drehte ich meinen ersten Film, er hiess «Orfeu Blue Jeans» und wurde leider nie fertig».

Überhaupt hätten ihn die klassisch griechischen Themen fasziniert. Sein wohl wichtigster Film «Der Reisende Krieger» lässt sich auch als Adaption der Odyssee lesen. Bevor er allerdings diesen Film drehte, erlebte er eine seiner grössten Enttäuschungen. Es war an den Filmtagen in Solothurn, gezeigt wurde sein erster, durchaus ernst gemeinter Spielfilm «Blut an den Lippen der Liebenden». Der ganze Saal habe gegrölt, gepfiffen und gelacht, erinnert er sich. «Ich war überzeugt, dass meine Karriere als Filmemacher zu Ende ist.» Doch nicht allen im Saal missfiel der Erstling. Tage später erhielt er einen Anruf vom ZDF, zwei Redaktorinnen hatten den Streifen gesehen – und ihn für fernsehtauglich befunden. Schocher wurde nach Mainz eingeladen, er solle den Film und das Exposé für einen nächsten mitbringen. «Blut an den Lippen der Liebenden» wurde im ZDF im Rahmen der Reihe «kleines Fernsehspiel» ausgestrahlt und Schocher reiste mit der Zusage von 100’000 Mark an die Produktionskosten für «Der Reisende Krieger» zurück nach Pontresina.

Überhaupt die Zufälle. «Sie kamen mir immer wieder zu Hilfe», ist Schocher überzeugt. So auch bei der Besetzung der Hauptrolle von «Der Reisende Krieger». Eigentlich habe er dafür an einen Freund gedacht, doch der lehnte ab. Dann sei ihm ein Typ in den Sinn gekommen, den er ein einzige Mal in einer Beiz in Luzern gesehen habe. Er fragte bei Stammgästen nach und nach einigen Umwegen fand er Willy Ziegler in einer Mansarde in Zürich und verpflichtete ihn vom Fleck weg für die Hauptrolle. Dabei war Ziegler Grafiker und vieles andere mehr, aber sicher nicht Schauspieler. Als Vertreter für eine Kosmetiklinie schickte Schocher ihn auf eine Reise quer durch die ganze Schweiz und liess dabei dem Zufall freien Lauf. Die Kamera von Clemens Klopfenstein lief mit und provozierte Reaktionen, wie jene in einer Basler Bar, wo die Rocker immer aggressiver wurden. Drei Stunden und 15 Minuten dauerte die Fassung, die 1982 in Locarno Premiere hatte.

Während der Zürcher Unruhen sass Schocher zwar weitab in Pontresina am Schneidepult, doch der Film wurde damals als seismografische Bestandesaufnahme einer verkrusteten Schweiz gesehen. Im Januar 2008 lief «Der Reisende Krieger an den Filmtagen in Solothurn erneut – als Directors Cut. Geplant ist, dass er wieder in die Kinos kommt. Dann dürfte er erstmals auch in Pontresina laufen. In den 80er Jahren sei ihm dies als zu heikel erschienen, erzählt Schocher. Den Film wäre damals von vielen nicht verstanden worden. «Ich wollte weiterhin am Stammtisch sitzen können und nicht als abgehobener Filmer gelten.»

Schocher blieb auch nach dem Erfolg in Pontresina, drehte ab und zu einen Film und betrieb das Kino weiter. Im Programm habe er manchen Mist zeigen müssen, erinnert er sich an die 70er Jahre, an die Bud Spencer- oder Lederhosen-Filme, die damals überall liefen. Mit der Gründung eines Filmclubs konnte sich Schocher in Pontresina ein Stammpublikum für anspruchsvolle Filme aufbauen, das ihm bis heute erhalten geblieben ist. Gab es auch Prominenz im Publikum? An einen Besucher kann er sich gut erinnern: Sean Connery, der in der Region für Fred Zinnemanns «Five Days, one Summer» engagiert war. Connery sah sich im Cinema Rex ausgerechnet den neuesten James Bond Streifen an, mit seinem Nachfolger als 007, Roger Moore.

«Heute haben viele ihr eigenes kleines Kino zu Hause und schauen die Filme auf DVD», spürt Schocher die Veränderungen auch in Pontresina. Im Engadin sei das Fernsehen lange keine Konkurrenz gewesen. Als sein Film «Blut an den Lippen der Liebenden» im ZDF gezeigt wurde, musste er extra nach Chur reisen, weil die deutschen Sender im Engadin gar nicht empfangen werden konnten. Früher sei er zufrieden gewesen, wenn er 60 Besucher gezählt habe, heute gelte das gleich mit 40, bilanziert er. Dabei laufen im Cinema Rex die Premieren gleichzeitig mit den Kinos in den grossen Städten an. Möglich macht dies die Kooperation mit St.Moritz oder dem Kino in Scuol, für dessen Programmierung ebenfalls Schocher zuständig ist.

Gibt es irgendwann eine dritte Generation Schocher als Kinobetreiber? Seine vier Kinder, seien zwar «kinoverrückt» und hätten ebenfalls mit dem Thema Film zu tun – sie arbeiten bei einem Filmverleih in Zürich, in einer Videothek mit besonderen Filmen oder haben selber Experimentalfilme gedreht. «Aber ich glaube nicht, dass einer von ihnen heraufkommt und das Kino übernimmt», zeigt er sich realistisch. Eher werde einer seiner Freude den Betrieb einmal reduziert weiterführen.

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