, 12. November 2012
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Relikte der bürgerlichen Politik: Der Parkplatz (II)

Sechs Meter lang und 1,9 Meter breit ist der beste Freund, der Parkplatz. Gewusst? Aber was heisst «Senkrechtparkierung», und wie gross ist die städtische Parkplatzpopulation? In Folge zwei unserer Serie  «Relikte der bürgerlichen Politik» klärt Daniel Klingenberg auf. Folge 2, am Schrammbord Ein Parkplatz ist kein Kind des Zufalls. Bis er sich zu seiner heutigen, […]

Sechs Meter lang und 1,9 Meter breit ist der beste Freund, der Parkplatz. Gewusst? Aber was heisst «Senkrechtparkierung», und wie gross ist die städtische Parkplatzpopulation? In Folge zwei unserer Serie  «Relikte der bürgerlichen Politik» klärt Daniel Klingenberg auf.

Folge 2, am Schrammbord

Ein Parkplatz ist kein Kind des Zufalls. Bis er sich zu seiner heutigen, hochentwickelten Version entwickelt hatte – in der Stadt St.Gallen gibt es rund 19‘000 öffentliche Parkplätze, was eine Fläche von 32 Fussballfeldern ausmacht –, brauchte es umfangreiche Vorarbeiten. Diese hat der Schweizerische Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute VSS geleistet. Sein Klassiker «Parkieren: Anordnung und Geometrie der Parkierungsanlagen», 2001 erschienen im Eigenverlag, liefert die normativen Grundlagen zur Parkplatzproduktion.

Stilistisch fällt im Buch die Sprachmischung aus Zärtlichkeit und Technobürokratismus auf. So wird einerseits empathisch von «Komfortstufen» – je grösser der Platz, desto mehr Komfort – geredet. Anderseits schrecken Begriffe wie «Senkrechtparkierung» und «Schrammbord». Am Telefon gibt der VSS-Experte auch gern Auskunft über die «Fahrzeugpopulation». Diese Population wächst dauernd. Die Fahrzeugpopulation in der Stadt St.Gallen betrug im letzten Jahr 42‘991. Das heisst: Mehr als jeder zweite hat eins, oder anders: Knapp jede zweite hat keins. In Mörschwil ist nur jede(r) fünfte autolos. Bei der Parkplatzpopulation ist kein Vergleich möglich, da die Zahlen für Mörschwil fehlen. In St.Gallen kommen zu den 19‘000 öffentlichen gegen 50‘000 private Parkplätze, die Komfortstufe ist nicht bekannt.

Je nach Komfort rechnen Experten, dass in Parkgaragen bis zu 100‘000 Franken Investitionskosten pro Parkplatz notwendig sind. Würde das Autohotel am Schibenertor gebaut, käme ein Platz dort auf 80‘000 Franken zu stehen. Günstiger sind «ungedeckte Parkierungsanlagen»: Man rechnet mit 6‘000 bis 8‘000 Franken Anschubfinanzierung. Im Unterhalt sind dann alle Parkplätze gleich: 1‘000 bis 1‘500 Franken pro Jahr, woraus die Parkplatzwissenschaft eine durchschnittliche Gebühr von einem Franken pro Stunde herleitet. Die Bewirtschaftung der Parkplätze ist ein weiteres, notorisch unterschätztes Wissensgebiet. Bereits 1969 ist dazu die massgebliche Dissertation, «Das Parkierungsproblem in ökonomischer Sicht», erschienen.

Weihnachten naht. Das beschäftigt auch die Freunde der Senkrechtparkierung, bei der man den Wagen im 90-Grad-Winkel einparkt. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, darum zwei Tipps: Wer zu Grundsätzlichem neigende Freunde hat, schenkt die «Anordnung und Geometrie der Parkierungsanlagen» des VSS, bibliophile Dünndruckausgabe, 24 Seiten, 58 Franken. Leichtere Kost sind «D’Witz vom Herdi Fritz», Folge: «Häsch en Parkplatz?». Die sind allerdings vergriffen, antiquarisch finden sich noch einzelne Exemplare. Vielleicht ein Indiz dafür, dass Parkplätze eine aussterbende Population sind. Oder Bücher. Ersteres erfreulich, letzteres weniger.

Weil Parkplätze Freunde sind, wecken sie auch Emotionen. Vor allem, wenn sie besetzt sind. Was sie allerdings kaum je sind. Darum geht es in den nächsten Folgen unserer Parkplatz-Theorie, demnächst im Ost-Blog.

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