Arno Noger zeichnet im Saiten-Interview ein schönfärberisches Bild des Historischen und Völkerkundemuseums in St.Gallen. Denn die Bilanz von fast zwanzig Jahren unter Direktor Daniel Studer ist in mehrfacher Hinsicht trist: Vetternwirtschaft, Kunst statt Geschichte, peinliche Jammerei über fehlende Ressourcen.
Schon die Wahl Studers zum Direktor eines historischen Museums vor zwanzig Jahren war fragwürdig. Sein Vorgänger war der engagierte Sozialhistoriker Louis Specker. Legendär etwa seine Ausstellung zur Hungersnot. Daniel Studer hingegen hat sich vor allem für Kunst interessiert.
Und er hat sich leider nicht weiter entwickelt. Seine Lieblingsinteressen: Farbholzschnitte, Jugendstil und Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Eine Fehlbesetzung in einer Stadt, in der es bereits drei Kunstmuseen gibt: Kunstmuseum, Kunsthalle, Museum in Lagerhaus.
Einseitige Besetzung
Umso ärgerlicher und krass einseitig, dass unterdessen neben ihm auch sämtliche Kuratorinnen des HVM Kunsthistorikerinnen sind. Unter ihnen auch Studers Ehefrau Isabella Studer-Geisser. Ein Blick in deren Publikationsliste zeigt ausschliesslich kunsthistorische Beiträge. Statt wenigstens eine Sozialhistorikerin oder einen Wirtschaftshistoriker als Kuratorin oder Kurator zu engagieren, durfte Studer einfach ohne Ausschreibung seine Ehefrau als Kuratorin anstellen.
Dass eine solche Vetternwirtschaft gerade in einer von FDP-Politikern wie Thomas Scheitlin und später von Arno Noger geführten Ortsbürgergemeinde toleriert wird, ist ein Debakel. Eine liberale Partei, die solche feudalistischen Verhältnisse durchwinkt, hat ihre eigenen Grundwerte nicht verstanden.
Kulturinstitutionen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen und gleichzeitig wie kleine Fürstentümer regiert werden, sind halt ein Widerspruch. Deshalb ist auch die Frage nach einer neuen Trägerschaft gar nicht so abwegig.
Und seit Studer in seinen Anfangsjahren zwei Ethnologinnen entlassen hat, fehlt im HVM auch das ethnologische Knowhow, das ersetzt worden ist durch, ja durch was wohl, durch Kunsthistorikerinnen als Gastkuratorinnen. Daniel Studer pflegt Blingbling statt relevante Auseinandersetzungen mit der Zeitgeschichte.
In der langen Reihe von Ärgernissen nur ein typisches Beispiel aus der Pressekonferenz im Januar 2018 zum Jahresprogramm: Nichts zu den für die Schweiz und auch für St.Gallen bedeutenden sozial-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Grossthemen und Wendekonflikten Landesstreik 1918, Spanische Grippe oder 1968. Statt dessen eine Ausstellung zum graphischen Werk des Appenzeller Künstlers Carl Liner, dessen Werk seit Jahr und Tag in Appenzell zu besichtigen ist und eine grosse Kleiderausstellung, grossbürgerliche Mode seit der frühen Neuzeit. Beides komplett verzichtbare Themen. Das hatte ich damals sogar im «Tagblatt»-Kommentar moniert.
Affront gegenüber den Kleinen
Und dass Daniel Studer nicht nur an jener Pressekonferenz, sondern auch bei jeder anderen Gelegenheit über fehlende Geldmittel jammert, das war und ist für viele Kulturveranstalter und vor allem für die anderen Museen in der Region eine Frechheit. Arno Noger gibt die Personalkosten des HVM mit zwei Millionen Franken pro Jahr an. Von einer solchen Summe können die allermeisten Museen in der Region nur träumen.
Noger wiederholt im Interview auch das ewig falsche Lied, für Eigenrecherchen fehlten leider die Ressourcen. Das ist eine dreiste Aussage, wenn man bedenkt, dass eine Kuratorin monatelang die Kleiderbestände im HVM untersuchen musste, obwohl es doch in St.Gallen ein bedeutendes Textilmuseum gibt.
Denn in Wahrheit hat sich Studer nie für Themen im Bereich Sozial-, Wirtschafts- und Politgeschichte interessiert, dort, wo es eben für Ausstellungen ein paar Ideen und Eigeninitiative braucht, und wo es nicht genügt, seine Zeit in Kunstausstellungen, Galerien und Kunstauktionen zu verbringen.
Wer mal einen Blick in die Regionalmuseen des Kantons geworfen hat und gesehen hat, wie dort Themen aktiv und fundiert – auch mit wenig finanziellen Mitteln und viel ehrenamtlicher Unterstützung, recherchiert werden – wirkt diese überhebliche Haltung des HVM nur als Affront.
Hansruedi Kugler, 1965, hat von 2015 bis Sommer 2019 als Kulturredaktor beim «St.Galler Tagblatt» gearbeitet und ist seither beim Zeitungsverbund CH Media tätig.
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