, 24. Januar 2013
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Revolverküche und Bumskino

Die deutsche Schauspielerin Anna Böger und der Literat Florian Vetsch sprechen am ersten Todestag Carl Weissners einen Toast aus. Ein Jahr zuvor war in den schweizerischen Feuilletons kaum was zu lesen über das Hinscheiden dieses passionierten Übersetzers, Schriftstellers und Agenten, dafür einiges über Paris Hiltons Fürze vor laufender Kamera. Vielleicht weil er mal die 10vor10 […]

Die deutsche Schauspielerin Anna Böger und der Literat Florian Vetsch sprechen am ersten Todestag Carl Weissners einen Toast aus. Ein Jahr zuvor war in den schweizerischen Feuilletons kaum was zu lesen über das Hinscheiden dieses passionierten Übersetzers, Schriftstellers und Agenten, dafür einiges über Paris Hiltons Fürze vor laufender Kamera. Vielleicht weil er mal die 10vor10 Journalisten aus dem Haus warf, mit der Begründung er müsse jetzt arbeiten?

Weissner übersetzte Bukowski, Burroughs, Ginsberg, Algren, Ballard, den Amphetamin Roman „A“ von Andy Warhol und einen grossen Teil der Songs von Dylan und Zappa. Burroughs meinte einst zu ihm, er solle zusehen, dass er ab und zu auch seine eigenen Sachen schreibe, um nicht wahnsinnig zu werden. Dazu hatte er nicht viel Zeit, er hat weit über hundert Bücher übersetzt, und seine Autoren auch europaweit vertreten. Die meisten davon haben ihren Bekannheitsgrad auf dieser Seite des Atlantik ihm zu verdanken.

Kurz vor seinem Tod erschien mit „Die Abenteuer von Trashman“ nach „Manhattan Muffdiver“ (2010) erst sein zweites Werk auf Deutsch. Anna Böger beginnt mit dem Bonus Track aus dem Muffdiver, einem Bericht von Bukowskis Beerdigung in Rancho Palos Verdes 1994. Weissner war einer der vier Sargträger. Seine stärkste Erinnerung an Hank war, wie dieser vor seinem Tod im San Pedro Peninsula Hospital auf einer Bank stehend durch das einzige Fenster hinausspähte, von dem man die Strasse sehen konnte. Er konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten, doch waren das seine letzten Blicke in die Freiheit.

Im Trashman erinnert sich Weissner ans New York der ’68er, als er mit einem Stipendium der „Fulbright Commission“ NY for five bucks a day erleben konnte. Vetsch liest Szenen daraus; zum Beispiel wie er von einem Puertoricaner, einem „Rico“ überfallen wurde, und seiner Freundin riet, nie weniger als 10 Dollar zu geben, da sie sonst die Differenz in Naturalien einfordern würden, dh. Sex. Dann von Ed Sanders, der auf Hopfen und Malz umsteigen muss, weil chemische Beruhigungsmittel bei ihm nicht mehr wirken. Janis Joplin sei übrigens auch vor allem Biertrinkerin gewesen, die Flasche Southern Comfort habe sie zwar häufig mit sich geführt, aber wie oft angesetzt? Einmal schlug sie Jim Morrison eine Bierflasche über die Rübe, als dieser ihr grob zwischen die Beine griff…
In einer Bar traf Weissner einen jungen Mann mit SS-Frisur, der ihm die wüstesten Details über Vietnam erzählte, und auf Weissners mangelnde Begeisterung hin meinte, dass er nun wisse, warum die Germans IHREN Krieg verloren haben. – Später trifft er den „Rico“ wieder und schlägt ihm eins in die Magengrube, dass dieser einknickt.

Böger liest einen der Lieblingstexte Weissners, von Jörg Fauser über Hans Frick, der davon handelt, dass Schriftsteller und Dichter Helden sind, die sich einsetzen müssen gegen den allesfressenden Moloch Kulturbetrieb. Spätestens als Vetsch Zappa’s „Nuckelpuppe“ liest, mit der Warnung man solle sich frei fühlen das Lokal zu verlassen, juckts einem im Arsch. Das Palace, öfters ziemlich etepetete, erlebt hier eine kleine Renaissance. Das Obszöne steht dem alten Erotikkino hervorragend, man betrachtet den Nachbarsessel und ist eigentlich froh, dass man keine Schwarzlichtlampe dabei hat. Weissners Übersetzungen kommunizieren mit dem Raum, man denkt an den Nekrophilen im Muffdiver, an Bukowski oder an das polnische Chicago Algren’s.

Dylan’s „It ain’t me babe“ und Zappa’s „Catholic girls“, werden ab Konserven gespielt, und lassen einen von dieser vergangenen Zeit träumen. Nach der Erklärung, dass Text nur noch Sinn macht, wenn er tiefer geht als das lineare Bildschirmdenken unserer Zeit, lesen die Beiden gemeinsam einen Heroin- schwangeren Cut-Up Text von Weissner. Doch der hat sich nicht nur auf Buchstaben beschränkt, wir hören eine verstörende Aufnahme übereinander gelegter Stimmen, von ihm 1968 in NY festgehalten.

Als Florian Vetsch E-Mails von Weissner an Anna Böger vorliest, und sie dann ihre eigenen Antworten selbst liest, ist man wirklich gerührt. Man spürt die Freundschaft der beiden, die persönliche und die zur Kunst. Und man hört den liebevollen Humor Weissners raus, sie gaben sich Übernamen wie „Liebste Piratin“, „Liebster Carlito Bandito“, „Hinkebein“, „Meine Lieblingsschauspielerin“ oder „Mein Capitano“.
Wir hören noch einen Brief von Bukowski an seinen Übersetzer: „Ohne dich und die Flasche hätte ich bestimmt Schluss gemacht.“ Und Carl solle nach Frisco kommen und mit ihm um die Wette trinken, aber bloss diesen Burroughs nicht mitnehmen.

Vetsch schliesst mit dem Gedicht „Am Ende“ von Bukowski, wo dieser feststellt, dass das Gedicht noch hier sei, wenn er längst vermodere. Eine unglaublich schöne Dichtung, aber irgendwie auch unheimlich todesnah. Eine Depesche Weissners an Vetsch lässt vieles von der Gradlinigkeit erahnen, die Weissner ausgemacht hat. Wenn er jemanden respektierte, fand er auch Worte dafür: Vetsch sei der wichtigste Literaturagent im tiefen Süden des deutschsprachigen Raumes.
Anna Böger singt „Nachtexpress“ von Jörg Fauser, und ob ihrer feinen Stimme, ihrem zuckersüssen Deutsch, könnte man sentimental werden.
Doch weil Weissner kaum gewollt hätte, an seinem Todestag traurige Gesichter zu sehen, heisst es „Bring out the rum!“ und „Ein Toast auf Carl Weissner!“.

Der Wiener Milena Verlag bringt übrigens im kommenden März die erste Übersetzung von Weissners englischsprachigen Texten heraus, darunter „Death in Paris“. Was das wohl für ein Gefühl war, diesen grossen Übersetzer zu übersetzen?…
Und die Rote Fabrik Zeitung widmet ihre März-Ausgabe Carl Weissner.

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