«Ich dachte, ich komme hierher und wir machen so eine Hunter S. Thompson-mässige Gonzo-Journalismus-Geschichte», sagt Jeremias Heppeler nach einer knappen halben Stunde. «Jetzt reden wir nur über Politik.»
Der Künstler und Journalist war nach Buenos Aires gereist, um über den Aufenthalt des Frauenfelder Rappers David Nägeli alias DAIF für das Portal «Thurgau Kultur» zu berichten. Noch zuhause war spontan die Idee entstanden, einen Dokumentarfilm zu drehen, zusammen mit Cloud-Literatin Jessica Jurassica, die ebenfalls in Argentinien war. Künstlerisch haben die drei einiges gemein, sie verbindet ausserdem ein so exzessiver wie produktiver Lebensstil.
Im «asozialen Bermudadreieck»
Der 28-jährige Frauenfelder Nägeli begann seine musikalische Karriere in Gitarrenbands, später machte er queeren Elektro-Pop. Er arbeitete als Kulturveranstalter, Musikproduzent, Soundtechniker und Kulturjournalist. Seine aktuelle Kunstfigur ist DAIF, offen Drogen konsumierender Cloud Rapper, der zugleich multimedialer Künstler ist. Er produziert (interaktive) Videos und er programmiert: So entwickelte er einen Bot, der Zitate von Paolo Coelho generiert und auf Instagram teilt – mit mittlerweile 575 Abonnenten.
David Nägeli aka DAIF.
Die 26-jährige Jurassica ist in Appenzell Ausserrhoden aufgewachsen. Sie schreibt und liest, in der Öffentlichkeit immer mit Sturmhaube vermummt. Ihren realen Namen hält sie geheim. Ebenso wie David Nägeli treibt sie den «Social-Media-Grind» und Drogenbezug auf die Spitze, «das asozialmediale Bermudadreieck aus Instagram, Facebook und Twitter ist ihr natürliches Habitat».
Ihre Tweets gelten als Kunst mit feministischem Anspruch, ohne Satzzeichen und Gross-Kleinschreibung. Auch für Jurassica hat Nägeli einen Bot entworfen, der Tweets generiert. Manche gefallen ihr so gut, dass sie diese auf ihrem echten Profil teilt. Die Literaturpreisträgerin hat auf ihrer Argentinienreise die Plattform Trip Advisor entdeckt, um literarische Texte zu veröffentlichen.
Heppeler, 30 Jahre alt, ist ebenso wie David Nägeli ein profilierter Kulturjournalist und als Künstler vielschichtig. Er lebt in Fridingen im Donautal und verwischt in seinen Projekten die Grenzen zwischen Malerei, Film, Literatur, Musik und Performance. So war eines seiner jüngsten Projekte eine audiovisuelle Text-Soundskulptur. Dafür schuf er Puppen, schmiss diese ins Wasser, liess sich selbst in einem Fluss treiben und las, begleitet von Soundcollagen, maskenbedeckt Texte vor.
Heppeler macht auch Musik, etwa in der Experimentalband die hunde, welche schon mit DAIF zusammen die Bühne teilte. 2015 hat er bereits einen mehr oder weniger konventio- nellen Dokumentarfilm umgesetzt, über Strassenkinder in Ulan Bator.
Er schäme sich, sagt Nägeli
In der Künstlerresidenz im Stadtteil La Boca trifft Heppeler zwei desillusionierte Schweizer, die die Lust am Auftritt als verdrogte Kunstfiguren verloren haben. Argentinien kämpft gerade mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 20 Jahren und einer irren Inflation, normale Bürgerinnen und Bürger können sich nicht mal mehr Lebensmittel leisten, und die Wahlen, in die viele ihre letzten Hoffnungen gesetzt haben, stehen kurz bevor. Ein Pulverfass, heisst es an einer Stelle des Films.
Ein Land im Aufruhr, kurz vor den Wahlen.
Wie soll man da als reicher Mitteleuropäer reagieren? Angesichts der Armut auf der Strasse drücken Nägeli und Jurassica ihr Unbehagen über die eigenen Privilegien drastisch aus. Er schäme sich, sagt Nägeli. Wie eine «Katastrophentouristin» fühle sie sich, pflichtet ihm Jurassica bei, als sie von einer Bootsfahrt an einem Armenviertel vorbei erzählt. «Als Schweizerin nach Argentinien zu reisen ist problematisch. Touristin zu sein, ist für mich unerträglich. Und alle, die das nicht spüren… sind Arschlöcher.»
Das Projekt ziehen sie trotzdem durch. Ohne Budget oder Drehbuch, lediglich einem groben Konzept folgend und alle Entscheidungen kollektiv treffend, filmen sie ihren Alltag mit Handys und einer Digitalkamera. Ihre neue Idee: Sie wollen Popstar Dieter Meier, Sänger von Yello, Multimillionär, Rinderfarm-Besitzer und Weinproduzent nahe Buenos Aires, besuchen. Der Unternehmer soll als Reibefläche dienen, einerseits als Künstler, andererseits als Arbeitsplätze schaffender, vermeintlich vorbildlicher Exil-Schweizer – und ihnen Antworten liefern.
Dieter Meiers Rinderfarm: 31. Januar, 20 Uhr, Cinema Luna Frauenfeld. Danach Konzert, Lesung und Afterparty mit der im Film gegründeten Band im Kulturlokal Kaff.
Weitere Termine: 4. Februar, Zebra Kino Konstanz, 6. Februar, Scala Tuttlingen.
daifdaifdaif.ai dieyungenhuren.hiv twitter.com/sickbutsocial jeremiasheppeler.de
Das Vorhaben scheitert. Etwas hilflos sieht man Nägeli nächtens auf der Strasse vor einem von Meiers Restaurants stehen und nach «Dieter» rufen. Auf E-Mails kommt keine Antwort. «Vor den Wechselstuben stehen sie Schlange. Bald ist er nichts mehr wert, der Peso. Und wir sitzen im Jardín Japonés und warten», sinniert Jurassica, die vorhatte, Meier wegen seiner Rolle als Dandy zu konfrontieren. Stattdessen interviewen sie einen Nachbarn, reden mit einem bekannten Gastronomen oder filmen Streifzüge durch die Stadt.
Auch eine Mitbewohnerin aus der Künstler-WG im Stadtteil La Boca kommt zu Wort, die Luzerner Theaterregisseurin Ursula Hildebrand. Sie empfindet ähnlich: Angesichts des harten Lebens der Einheimischen stellt sie ihre Relevanz als Künstlerin auf den Prüfstein.
Dann sind Wahlen. Auf den Strassen feiern die Massen den Sieg der peronistischen Partei. Argentinien fasst wieder Hoffnung. «Der ganz grosse Knall blieb aus», kommentiert Heppeler. «Aber da hat sich jetzt ganz schön Druck angestaut, der muss jetzt raus.» Die letzten Szenen des Films zeigen die Filmemacher beim Songwriting für eine fix gegründete Punkband und beim Haarstyling. Ein Musikvideo als Ende.
Wild und teils hilflos
Die scheinbar zufällige Auswahl der Interviewpartner, aber auch der fehlende rote Faden und die Lo-Fi-Produktion sind gewollt. Es sei ihnen wichtig gewesen, stilistisch und formell ein wildes, eklektisches Werk zu produzieren, sagt Jurassica. Der anarchische Film soll die eigene Kunst widerspiegeln.
Die neue Band spielt diesen Freitag im Kaff: Jurassica, Heppeler und Nägeli.
Für Nägeli hat sich der Atelieraufenthalt künstlerisch gelohnt: Er nahm neue Musik auf sowie Musikvideos und eine Klangperformance, sammelte Fieldrecordings für weitere Projekte und entwickelte seine Homepage weiter. DAIFs neueste EP heisst Bitte Baby und erscheint am Valentinstag als Grusskarte. Es geht um Liebe.
Aber der Film hat auch Schwächen: Die Bezugnahme auf Dieter Meier wirkt hilflos, die Gründung einer Punkband wie ein Beweis der Unfähigkeit, aus den eigenen Mustern auszubrechen. Als Porträt taugt der Film nicht, da er die künstlerischen Aktivitäten der Beteiligten zu wenig berücksichtigt. Und um die Ereignisse in Argentinien zu spiegeln, geht er zu wenig in die Tiefe, ist vielleicht auch zu wenig durchdacht, zu sehr spontan entstanden. Dennoch ist er als Einstieg in die Welt der drei Protagonisten zu empfehlen.
Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten.
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