Kategorie
Autor:innen
Jahr

Rindviecher gesucht

Ein Trio um den Thurgauer Rapper DAIF filmt in Argentinien – und gerät in ein Land im Aufruhr. Das Resultat ist der experimentelle No-Budget-Dokumentarfilm «Dieter Meiers Rinderfarm». von Stefan Böker
Von  Gastbeitrag
Jessica Jurassica in einer Filmszene. (Bilder: pd)

«Ich dachte, ich komme hierher und wir machen so eine Hunter S. Thompson-mässige Gonzo-Journalismus-Geschichte», sagt Jeremias Heppeler nach einer knappen halben Stunde. «Jetzt reden wir nur über Politik.»

Der Künstler und Journalist war nach Buenos Aires gereist, um über den Aufenthalt des Frauenfelder Rappers David Nägeli alias DAIF für das Portal «Thurgau Kultur» zu berichten. Noch zuhause war spontan die Idee entstanden, einen Dokumentarfilm zu drehen, zusammen mit Cloud-Literatin Jessica Jurassica, die ebenfalls in Argentinien war. Künstlerisch haben die drei einiges gemein, sie verbindet ausserdem ein so exzessiver wie produktiver Lebensstil.

Im «asozialen Bermudadreieck»

Der 28-jährige Frauenfelder Nägeli begann seine musikalische Karriere in Gitarrenbands, später machte er queeren Elektro-Pop. Er arbeitete als Kulturveranstalter, Musikproduzent, Soundtechniker und Kulturjournalist. Seine aktuelle Kunstfigur ist DAIF, offen Drogen konsumierender Cloud Rapper, der zugleich multimedialer Künstler ist. Er produziert (interaktive) Videos und er programmiert: So entwickelte er einen Bot, der Zitate von Paolo Coelho generiert und auf Instagram teilt – mit mittlerweile 575 Abonnenten.

David Nägeli aka DAIF.

Die 26-jährige Jurassica ist in Appenzell Ausserrhoden aufgewachsen. Sie schreibt und liest, in der Öffentlichkeit immer mit Sturmhaube vermummt. Ihren realen Namen hält sie geheim. Ebenso wie David Nägeli treibt sie den «Social-Media-Grind» und Drogenbezug auf die Spitze, «das asozialmediale Bermudadreieck aus Instagram, Facebook und Twitter ist ihr natürliches Habitat».

Ihre Tweets gelten als Kunst mit feministischem Anspruch, ohne Satzzeichen und Gross-Kleinschreibung. Auch für Jurassica hat Nägeli einen Bot entworfen, der Tweets generiert. Manche gefallen ihr so gut, dass sie diese auf ihrem echten Profil teilt. Die Literaturpreisträgerin hat auf ihrer Argentinienreise die Plattform Trip Advisor entdeckt, um literarische Texte zu veröffentlichen.

Heppeler, 30 Jahre alt, ist ebenso wie David Nägeli ein profilierter Kulturjournalist und als Künstler vielschichtig. Er lebt in Fridingen im Donautal und verwischt in seinen Projekten die Grenzen zwischen Malerei, Film, Literatur, Musik und Performance. So war eines seiner jüngsten Projekte eine audiovisuelle Text-Soundskulptur. Dafür schuf er Puppen, schmiss diese ins Wasser, liess sich selbst in einem Fluss treiben und las, begleitet von Soundcollagen, maskenbedeckt Texte vor.

Heppeler macht auch Musik, etwa in der Experimentalband die hunde, welche schon mit DAIF zusammen die Bühne teilte. 2015 hat er bereits einen mehr oder weniger konventio- nellen Dokumentarfilm umgesetzt, über Strassenkinder in Ulan Bator.

Er schäme sich, sagt Nägeli

In der Künstlerresidenz im Stadtteil La Boca trifft Heppeler zwei desillusionierte Schweizer, die die Lust am Auftritt als verdrogte Kunstfiguren verloren haben. Argentinien kämpft gerade mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 20 Jahren und einer irren Inflation, normale Bürgerinnen und Bürger können sich nicht mal mehr Lebensmittel leisten, und die Wahlen, in die viele ihre letzten Hoffnungen gesetzt haben, stehen kurz bevor. Ein Pulverfass, heisst es an einer Stelle des Films.

Ein Land im Aufruhr, kurz vor den Wahlen.

Wie soll man da als reicher Mitteleuropäer reagieren? Angesichts der Armut auf der Strasse drücken Nägeli und Jurassica ihr Unbehagen über die eigenen Privilegien drastisch aus. Er schäme sich, sagt Nägeli. Wie eine «Katastrophentouristin» fühle sie sich, pflichtet ihm Jurassica bei, als sie von einer Bootsfahrt an einem Armenviertel vorbei erzählt. «Als Schweizerin nach Argentinien zu reisen ist problematisch. Touristin zu sein, ist für mich unerträglich. Und alle, die das nicht spüren… sind Arschlöcher.»

Das Projekt ziehen sie trotzdem durch. Ohne Budget oder Drehbuch, lediglich einem groben Konzept folgend und alle Entscheidungen kollektiv treffend, filmen sie ihren Alltag mit Handys und einer Digitalkamera. Ihre neue Idee: Sie wollen Popstar Dieter Meier, Sänger von Yello, Multimillionär, Rinderfarm-Besitzer und Weinproduzent nahe Buenos Aires, besuchen. Der Unternehmer soll als Reibefläche dienen, einerseits als Künstler, andererseits als Arbeitsplätze schaffender, vermeintlich vorbildlicher Exil-Schweizer – und ihnen Antworten liefern.

Dieter Meiers Rinderfarm:
31. Januar, 20 Uhr, Cinema Luna Frauenfeld. Danach Konzert, Lesung und Afterparty mit der im Film gegründeten Band im Kulturlokal Kaff.

Weitere Termine: 4. Februar, Zebra Kino Konstanz, 6. Februar, Scala Tuttlingen.

Das Vorhaben scheitert. Etwas hilflos sieht man Nägeli nächtens auf der Strasse vor einem von Meiers Restaurants stehen und nach «Dieter» rufen. Auf E-Mails kommt keine Antwort. «Vor den Wechselstuben stehen sie Schlange. Bald ist er nichts mehr wert, der Peso. Und wir sitzen im Jardín Japonés und warten», sinniert Jurassica, die vorhatte, Meier wegen seiner Rolle als Dandy zu konfrontieren. Stattdessen interviewen sie einen Nachbarn, reden mit einem bekannten Gastronomen oder filmen Streifzüge durch die Stadt.

Auch eine Mitbewohnerin aus der Künstler-WG im Stadtteil La Boca kommt zu Wort, die Luzerner Theaterregisseurin Ursula Hildebrand. Sie empfindet ähnlich: Angesichts des harten Lebens der Einheimischen stellt sie ihre Relevanz als Künstlerin auf den Prüfstein.

Dann sind Wahlen. Auf den Strassen feiern die Massen den Sieg der peronistischen Partei. Argentinien fasst wieder Hoffnung. «Der ganz grosse Knall blieb aus», kommentiert Heppeler. «Aber da hat sich jetzt ganz schön Druck angestaut, der muss jetzt raus.» Die letzten Szenen des Films zeigen die Filmemacher beim Songwriting für eine fix gegründete Punkband und beim Haarstyling. Ein Musikvideo als Ende.

Wild und teils hilflos

Die scheinbar zufällige Auswahl der Interviewpartner, aber auch der fehlende rote Faden und die Lo-Fi-Produktion sind gewollt. Es sei ihnen wichtig gewesen, stilistisch und formell ein wildes, eklektisches Werk zu produzieren, sagt Jurassica. Der anarchische Film soll die eigene Kunst widerspiegeln.

Die neue Band spielt diesen Freitag im Kaff: Jurassica, Heppeler und Nägeli.

Für Nägeli hat sich der Atelieraufenthalt künstlerisch gelohnt: Er nahm neue Musik auf sowie Musikvideos und eine Klangperformance, sammelte Fieldrecordings für weitere Projekte und entwickelte seine Homepage weiter. DAIFs neueste EP heisst Bitte Baby und erscheint am Valentinstag als Grusskarte. Es geht um Liebe.

Aber der Film hat auch Schwächen: Die Bezugnahme auf Dieter Meier wirkt hilflos, die Gründung einer Punkband wie ein Beweis der Unfähigkeit, aus den eigenen Mustern auszubrechen. Als Porträt taugt der Film nicht, da er die künstlerischen Aktivitäten der Beteiligten zu wenig berücksichtigt. Und um die Ereignisse in Argentinien zu spiegeln, geht er zu wenig in die Tiefe, ist vielleicht auch zu wenig durchdacht, zu sehr spontan entstanden. Dennoch ist er als Einstieg in die Welt der drei Protagonisten zu empfehlen.

Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49